Ausgabe 
(9.3.1894) 20
Seite
146
 
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und thut nun im Tramiiwcihn vieles, was ein Wachendersich nicht getrauen würde. Die Augen sind geschlossen,aber statt der Sehkraft hat der Nachtwandler ein hoch-entwickeltes Hantgefühl. Gefahren fürchtet er nicht, weiler willenlos handelt. Indeß werden in diesem Traum-zustande nur Erscheinungen auftreten, welche aus demTagesberufe in den Traum verwoben wurden. DerProfessor entnimmt seiner Bibliothek Bücher und liestdarin, der Bauer vermeint über seine Wiesen zu gehen,wahrend er den Hof durchschreitet, die Magd hantirtvermeintlich in ihrer Küche. Die Bedauexnswerthen er-wachen meist, wenn der Traum seine Höhe erreichthat. Sie befinden sich dann in großer Aufregung,kennen sich in dem Dunkel nicht aus, wo sie sind, undlasten ängstlich nach festen Gegenständen, um sich zuorientiren. So schilderte mir ein Geistlicher diesen Zu-stand, welcher früher selbst mondsüchtig gewesen ist.

Mit dem normalen Erwachen entschwinden auch dienebelhaften Traumbilder der Nacht und freudig begrüßtder Mensch wieder das Licht des Tages, den goldenenMorgen. Schon kurz vor dem Erwachen aber hat sichim Traum die Denkkraft und die Vernunftthätigkeit ge-zeigt. Im dritten Stadium des Schlafes, in der Vor-bereitung zum Erwachen, erhebt sich öfter nämlich unservernünftiges Jchbewußtsein gegenüber den allzu kühnen,ungereimten Phantasiegebilden. Dazu gehören nament-lich die Erinnerungsträume aus der Jugend. Wir ver-weilen in der Schule und sehen deutlich den lange ver-storbenen, alten Lehrer, aber wir sind erwachsen undfinden uns gar nicht zurecht in der kleinen Schulbank.Ein anderer soll ein Mathematikexamen machen und sagtsich dabei selbst, daß ihm das unmöglich fei, weil er dieFormeln längst vergessen hat. Ja, im Traum wissenwir auf einmal, daß wir träumen. Dieses Vernunftlichtnun, welches wie eine Sonne in das Traumdunkel hinein-strahlt, kommt allmählich zu immer größerer Herrschaft,bis irgend ein zufälliges Geräusch, ein plötzliches Zu-sammensinken der Traumbilder u. a. m. den Bann auf-hebt und wir mit dem wieder geschenkten Selbstbewußt-sein sagen: Mir hat geträumt.

So groß nun die Bedeutung des Traumes in derWeltgeschichte wie im Leben des Einzelnen ist, so wenighat doch die Menschheit aus den Träumen eigentlichneue Wahrheiten gelernt oder auf Grund von Träumenirgend ein Räthsel des Lebens gelöst. Auch sind wirfür das, was wir im Traumzustande beginnen und sagen,vor Gott und unserm Gewissen nicht verantwortlich, esmüßte denn ein Traum absichtlich durch irgend welcheMittel verursacht worden sein. Aber wir dürfen ebensowenig einen Lohn erhoffen für etwaiges im Traumevollbrachte Gute. Der Traum und unser Verhalten indemselben kann höchstens ein Gradmesser sein für unseresittliche Festigkeit im wachen Leben. Gerne haben dieDichter den Traum in ihren Dramen verwerthet undihn oft ganz in seiner gigantischen Kraft wirken lassen.In neuester Zeit hat Gerhard Hauptmann inHannele'sHimmelfahrt" uns lauter Traumbilder auf die Bühnegebracht, während Shakespeare schon früher die Träumezu dramatischen Helfem machte. In der Lyrik ist eben-falls viel vom Traume die Rede, aber das ist mehrjener wache Traum der Phantasie, der als guter Geniusuns durchs Leben geleitet und mit seinen freundlichenBildern über die Dornen und Stacheln glücklich denMenschen hinwegbringt.

Immer muß das wache Leben der Schauplatz bleiben,auf dem wir mit den Talenten wuchern und zu jenenFernen hineilen, die im Traume wie aus einer andernWelt manchem schon in die Seele leuchteten. Nur waswir im Lichte gewirkt und erworben haben, gehört unsan. Die Traumerscheinungen selbst sind aber ein Beweisfür die in uns ruhenden Geisteskräfte, welche unabhängigvom Gehirn fortdauern auch im Schlafe. Sie bestätigendas Wort eines Arztes, der nach einer Besprechung ver-schiedener, außergewöhnlicher Seelenzustände schreibt^:Wenn uns schon die Nachtseite des menschlichen Lebensso wunderbare Erscheinungen zeigt, welche Aufklärungmüßte erst die Lichtseite desselben gewähren, wenn esuns vergönnt wäre, den Geist, ungcfesselt von den irdischenBanden, in seiner vollen Freiheit zu betrachten, wie erklar erkennt, was das irdische Gefühl nur in lieblichenBildern der plastischen Phantasie anschaut; wie vor seinemunsterblichen Auge die Wahrheit heraustagt mit demAntlitz der ewigen Gottheit, deren Wesenheit zu begreifendie irdische Vernunft zu beschränkt ist, die nur einfrommes Gemüth träumend ahnt und in festem Glaubentief anbetend verehrt.

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Erst Kuhhirt dann General.

Von K. Reichner.

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Und wrr's zum Korporal erst hat gebracht,Der steht auf der Leiter zur höchsten Macht."

(Wallenstein'S Lager.")

Nicht weit von Delbrück in Westfalen befindet sichderSporkhof", ein kleines, bescheidenes Bauerngut, inwelchem einst anuo 1600 die Wiege eines Mannes stand,dessen Name später im Soldatenleben und Treiben des30jährigen Krieges (161849) viel genannt ward: JohannSpork !

Dort in dem unansehnlichen, hölzernen, von Eichen-bäumen umgebenen Vaterhause wuchs der junge muthigeBursche auf, der weder lesen noch schreiben konnte unddessen Beschäftigung darin bestand, seines Vaters Viehzu hüten, bis er es eines schönen Tages nicht mehr da-heim aushielt, sondern dem verführerischen Lockrufbayerischer Werber folgend heimlich Heimath und Fa-milie, Haus und Hof verließ, um als Soldat in einbayerisch-lignistisches Dragoner-Regiment zu treten unddie Schlacht am Weißen Berge mitzumachen. Trieb doch,außer heißem Thatendrang und der kriegerischen Zeit-bewegung, den jungen, kräftigen Menschen noch etwasAnderes als Unzufriedenheit mit den engen häuslichen Ver-hältnissen, der einförmigen Abhängigkeit, hinaus in's wildeLeben: eine unglückliche Liebe nämlich zu Nachbars Grethe,einem hübschen Bauernmädchen der oder vielmehr derenEltern der Johann Spork nicht gut genug war.

Draußen in der Fremde glückte es ihm desto schneller.Nachdem er während der Jahre 16201633 schon zumRittmeister hinaufgearbeitet sich hatte, erhielt er ein eigenesRegiment und machte bald überall in deutschen Landendurch tollkühne, verwegene Reiter- und andere Stückleinvon sich reden, denn die wunderbare Geschwindigkeit undunerschrockene Tapferkeit seiner Reiterschaar war so bei-spiellos und verblüffend, daß schon ihr bloßes Nahen ge-nügte, Tausende in höchsten Schrecken zu versetzen.

Dadurch erklärt sich auch das sonst unbegreiflich er-scheinende Factum, wie es ihm im Jahre 1636 möglich