Ausgabe 
(16.3.1894) 22
Seite
157
 
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22. Ireitag, den 16 . März 1894Z

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Litcrarischeu Znstiluts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbelitzcr Dr. Max Huttler ).

Nie Tochter des Hauses.

Erzählung von C. Borges.

(Fortsetzung.)

Mit dem neuen Morgen hatte auch der heulendeWind sich gelegt, und hell schien die Sonne über dieweite, schimmernde Schneefläche. Dicht vor dem Fenster,fast auf jedem Zweig und Ast deS großen Kirschbaumes,saß ein Sperling und schaute mit seinen klugen, kleinenAugen ins Fenster hinein und wartete auf den gewohn-ten Morgentmbiß. Krächzende Naben und hungrigeDrosseln hüpften auf dem schneebedeckten Nasen, und einNothkehlchen wartete ungeduldig und flog von einem ent-blätterten Rosenstrauch zum andern. Auf der Zinnedes Daches saßen die Staare und schlugen mit denschweren, schwarzen Flügeln, um die Dohlen zu ver-scheuchen, die ihnen den Platz streitig zu machen drohten.

Fräulein Barbara füttert die Böge! allzu sehr,"pflegte der Gärtnerbursche oft zu sagen,und zum Dankverderben sie im Frühling die Saat und naschen dieKirschen von den Bäumen." Dessen ungeachtet kam erjetzt mit einem groben Besen, fegte den Schnee beiseite,daß ein großer, freier Platz gesäubert wurde, auf demdie gefiederten Gäste sich zwitschernd niederließen.

Was willst Du heute thun?" fragte die Tante,als beide Damen das Frühstück beendet hatten.

Barbara schaute zum Fenster hinaus.

Du willst doch hoffentlich nicht ausgehen?" fuhrsie ängstlich fort, ohne die Antwort abgewartet zu haben.

Gewiß, Tantchen, das war gerade meine Absicht.Es ist ein herrlicher Tag! Sieh doch, wie der Schneeglitzert und schimmert, der Wind hat sich gelegt, einweiter Spaziergang wird mir gut thun!"

Aber der Schnee liegt fußhoch auf der Landstraßei"

Ach, der Schnee soll mich^nicht hindern! Duweißt, ich gehe so gern durch den Schnee. Ich wollteheute nach Woltersdorf , denn ich habe Ilona versprochen,sie zu besuchen und ein wenig die kranke Freundin auf-zuheitern, die sie seit einigen Tagen bei sich hat."

Welche Freundin, Barbara?"

Es ist ein strebsames, braves Mädchen, das leidersehr kränklich ist; da hat Ilona ihre Eltern gebeten, siezu Pflegen, bis sie wieder stark und kräftig ist. Sie istErzieherin und muß für den Unterhalt ihrer alten Muttersorgen. Ilona sagte mir, es sei ganz traurig, wenn sievon ihrer trostlosen Lage erzählte. Endlich ist es ihr

jetzt gelungen, weit von hier eine angemessene Stellungzu finden, wo sie ein so gutes Gehalt bekommt, daß sieden Lebensabend ihrer alten Mutter bedeutend er-leichtern kann, nur muß sie warten, bis sie stark nndkräftig genug ist."

Wie heißt sie?"

Wettern Magdalene Wettern."

Endlich war das Frühstück beendet. Barbara zer-schnitt einen Teller voll Brod in kleine Stückchen, umden ungeduldig umherflatternden Vöglein das Mal zubereiten.

So. Tantchen, jetzt hülle Dich in einen warmenShawl," scherzte sie, als sie die Thür der Terrasseöffnete und die kalte, frische Winterluft in das behaglichdurchwärmte Zimmer strömte. Die kleinen, munteren Gästeflogen zwitschernd auf einen nahen Baum, um gleichdarauf in Schnuren das ihnen hingestreute Futter auf-zupicken.

Es war ein lieblicher Anblick. Die unmuthige Ge-stalt des jungen Mädchens, in einem einfachen, dunkelnWollcnkleide, stand inmitten der Vogelschaar, von dereinige so gezähmt waren, daß sie das Futter aus derHand ihrer Beschützerin pickten.

Kurze Zeit später betrat sie, in einen warmen Pelz-mantel gehüllt, wieder das Speisezimmer, in dem Frauvon Soden, in ihrem HaushaltnngSbnch vertieft, behag-lich am warmen Ofen saß.

Erwarte mich nicht zum Mittagessen," bat sie,ichwerde in Woltersdorf jedenfalls länger bleiben."

Wie Du willst, mein Kind, nur verspäte Dichnicht; eS dunkelt so früh, und ich ängstige mich um Dich,wenn Du so lange fortbleibst."

Um vier Uhr werde ich zurück sein, dann ist eSnoch nicht dunkel, denn die Luft ist so hell und klar!"

Barbara hielt Wort. Zur festgesetzten Stunde er-schien sie im Boudoir ihrer Tante und setzte sich aufihren Licblingsplatz, auf den niederen Schemel, ihrHaupt in den Schooß der Tante bergend.

Sie war heute ungewöhnlich still, und ein tief-ernster Ausdruck spiegelte sich in ihren Zügen. Kurzund einsilbig beantwortete sie alle Fragen der Tante,die dann endlich den Versuch, eine Unterhaltung anzu-regen, aufgab und emsig weiter strickte.

Endlich schlug Barbara die Augen auf, und mitleise bebender Stimme begann sie:

Ich habe Dir etwas zu sagen, Tante Agnes.