Ausgabe 
(16.3.1894) 22
Seite
158
 
Einzelbild herunterladen

158

F

Jetzt habe ich einen festen Entschluß gefaßt und weiß,was ich zu thun habe."

Was willst Du thun? Was meinst Du?" fragtedie Tante und ließ vor Schreck die Maschen von denNadeln gleiten.

Du weißt, ich war in Woltersdorf . Ich er«zählte Dir doch von der erkrankten Erzieherin, Magda-lene Wettern. Weißt Du, wo sie eine Stellung ange-nommen hat? Sobald sie wohl genug ist, geht sienach dem Adlerhorst, zu dem Freiherr« von Garkau,um dort Eveline, Edmund und Alex zu unterrichten"

Barbara! Woher weißt Du das? Wer sagtees Dir? Es ist unmöglich!"

Sie sagte eS mir selbst; ich war ja heute selbstbei ihr. Ach! sie sieht so entsetzlich elend und ange-griffen aus, ist so abgemagert und schwach, und dabeihustet sie fortwährend. Ilonas Mutter erzählte mir,daß Fräulein Wettern zu schwach sei, um jetzt im Winterarbeiten zu können, aber dennoch wird sie schon amnächsten Mitlwoch im Adlerhorst erwartet; sie hat alsokaum sauf Tage, um sich zu kräftigen."

Barbara schwieg; ernst schaute sie in das Antlitzihrer Tante.

Das arme Mädchen! Was ist da zu thun?"sagte die Tante teilnehmend.

Taute Agnes, wenn der Arzt ihr morgen sagt,daß sie sich schonen soll und den Winter nicht arbeiten

darf, dann-dann bin ich entschlossen, für sie die

Stelle anzunehmen!"

Frau v. Soden blickte in sprachlosem Erstaunenauf ihre Nichte herab. Das Strickzeug entglitt ihrenzitternden Fingern und fiel klirrend zu Boden.

Barbara!" stöhnte sie endlich.

Ja, Tautchen halte mich nicht zurück, es istmein fester Entschluß. Ich werde als Erzieherin dasHaus meines Vaters betreten. Du sagst mir ja selbst,daß ich meiner Mutter gar nicht ähnlich sehe; es istalso keine Gefahr, daß mein Vater mich erkennen wird,und ich werde mich daher ganz sicher fühlen. Wirhaben heute die Sache reiflich überlegt, Ilona, MagdaWettern und ich. Die arme Kranke ist sehr froh unddankbar, daß ihr noch eine längere Ruhe- und Erhol-ungSzeit gegönnt wird, und daß ich das Gehalt ihrerhilfsbedürftigen Mutter zukommen lassen will. Ja, ichwill Dir Alles sagen, liebe Tante. Fräulein Wetternhat bereits heute schon dem Freiherrn geschrieben, daßeine Freundin, Fräulein Morden wie ich michdort nennen werde, sie solange vertreten will, bis ihreGesundheit sich gekräftigt hat! Mache doch nicht etn soängstliches Gesicht, mein liebes Tantchen, es wirdfür mich sehr gut sein. Wie oft faßte ich einen Plannach dem andern, um die Meinen kennen zu lernen,konnte aber nie zu einem Entschluß kommen. Jetztwerde ich sie Alle kennen lernen, und es soll meinHauptstrebcn sein, daß sie mich Alle lieb gewinnen, ehesie ahnen, wer ich bin. Gestern Abend sagte ich Dirja, daß es so nicht länger angeht; ich sehne mich zusehr nach meinen unbekannten Geschwistern."

Sie stand auf, schlang ihre beiden Arme um denHals der Tante und fuhr schmeichelnd fort:

Tantchen, ich habe Dich immer so herzlich geliebt,Du weißt es, und Du zweifelst doch nicht daran, nichtwahr? Aber ich muß Dich kurze Zeit verlassen, dennmein Herz zieht mich mit aller Gewalt zu meinem Vater!"

Die arme gute Tante! Was sollte sie weiter thun,als nachgeben, noch dazu, da sie im Herzen davon über-zeugt war, daß der Plan nicht verwerflich war. Hattesie sich doch schon so oft dem stärkeren Willen der Nichtebeugen müssen, als dieselbe noch ein ganz kleines Kindwar; und nach kurzem Widerstreben hatte Barbara auchheute die gewünschte Einwilligung.

II. Capitel.

Schloß Adlerhorst, der Stammsitz der Freiherren von Garkau, lag auf einer kleinen Anhöhe in einerwildromantischen Gegend. Von uralten, hohen Bäumen,meistens dunklen Tannen oder stattlichen Buchen, um-geben, ragten kaum die Zinnen und Thürme des Dachesüber die Gipfel empor und bargen das stolze Gebäudevor den Blicken der Außenwelt. Barbara hatte eineweite, beschwerliche Reise zurückgelegt, und ihr unruhigesHerz klopfte zum Zerspringen, als sie auf dem Bahn-steig den für sie harrenden Wagen bestieg und diefeurigen Rosse sie blitzesschnell ihrem Ziele entgegen-führten.

Edmund Alex! wo seid ihr? Wollt ihr dennheute nicht zu mir kommen und mich in meinem neuenKleide sehen? Ihr wißt, wir gehen gleich ins Concert,wo seid ihr denn eigentlich?" Frau von Garkau öffnetemit diesen Worten die Thür des Schulzimmers, ohne eSzu betreten.

Sie sind im Kinderzimmer, Mama, " versetzteschüchtern ein feines Sümmchen, und ein schwaches,zartes Mädchen erhob sich aus einem Sessel in der Nähedes Ofens.Darf ich zu Dir kommen?"

Eveline, was machst Du hier allein, mein Kind,warum sind die Lampen noch nicht angezündet? Fräu-lein Morden wird gleich- hier sein! Geh' nach demKinderzimmer und sage Gretchen, die Lampe hereinzu-bringen, und dann schicke mir die Knaben."

Sie schien die letzte Frage der Kleinen,darf ichkommen?" gar nicht gehört zu haben, aber Eveline ver-stand ihre Mutter zu gut. Schweigend gehorchte sie.

Freifrau von Garkau liebte ihre beiden gesunden,rothwangigen Knaben viel mehr, als ihr bleiches, unan-sehnliches ältestes Töchterchen. Nicht, daß sie herz- oderlieblos gegen sie gewesen wäre, jedoch aus dem großenFüllhorn der mütterlichen Liebe fiel doch nur der ge-ringste Theil auf Eveline herab, die trotz ihrer Jugendes zeitweise bitter empfand.

Der Vater liebte seine drei Kinder gleich. Jedochoft finster und verschlossen, war ihm das fröhliche, mun-tere Spiel, das heitere, sorglose Lachen der Kleinen oftzuwider, und mißmuthig pflegte er sich dann in seinArbeitszimmer zurückzuziehen.

Als die Lampen angezündet waren, nahm Evelineihr Märchenbuch ihr steter, treuer Freund in derEinsamkeit und vertiefte sich bald in die Seiten,ohne das Rollen des Wagens zu hören, der jetzt vordem Portal des Schlosses hielt. Erst als die Thürgeöffnet wurde und Gretchen, das alte, erfahrene Kin-dermädchen, mit den Worten:Hier ist Fräulein Morden,Eveline. Die gnädige Frau wird sogleich kommen,"eine fremde Dame einließ, sprang die Kleine auf undtrat scheu und verlegen einen Schritt zurück.

Willst Du mir nicht die Hand geben?" fragteBarbara und streckte ihrem Schwesterchen die Hand ent-