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gegen, doch ihre Stimme zitterte so sehr, daß sie kaumdie Worte hervorbringen konnte.
Ein Glück, daß nur das Kind gegenwärtig war,dem die Erregung der neuen Gouvernante vollständigentging, sich aber freute, daß sie jetzt in den Arm ge-nommen und herzlich geküßt wurde. Barbara nähertesich dem Feuer, noch immer das Händchen der Kleinenfesthaltend, und zitternd vor Kälte und Aufregung ent-ledigte sie sich ihres Mantels, zog langsam ihre Hand-schuhe aus, um Zeit zu gewinnen, ihre Selbstbeherrschungwieder zu erlangen.
Eveline beobachtete jede ihrer Bewegungen, dannüberwand sie ihre natürliche Schüchternheit und schmiegtesich an die Fremde.
„War es sehr kalt auf der Reife?" fragte dieKleine, die jetzt glaubte, das peinliche Schweigen unter-brechen zu müssen.
„Ja, sehr kalt; aber ich werde hier bald warmwerden. Welch' ein schönes Zimmer! Ist dieses dasSchulzimmer, Eveline ? — so heißt Du doch, nicht wahr?"
Barbara erinnerte sich Plötzlich, daß sie sich durchNennung des Namens bald berathen habe, und dunkleNöthe färbte ihre Wangen.
„Ja, so heiße ich," antwortete die Kleine. „Eve-line Laura, gerade wie Mama."
„Wie heißen denn Deine Brüder?"
„Einer heißt Edmund, er ist fast neun Jahre alt,aber groß und kräftig für fein Alter. Papa will ihnbald in eine Erziehungsanstalt schicken, aber Mama willsich nicht von ihm trennen. Alex ist noch klein, nochnicht sechs Jahre alt," plauderte das Kind weiter, ohnezu ahnen, daß ihre Znhörerin ganz genau von den Ver-hältnissen unterrichtet war. „Und dann hatten wir nocheine kleine Schwester Anna, doch die hat der liebe Gottals Englein in den Himmel genommen."
„Wo sind denn Deine Brüder?"
„Sie sind bei Mama in ihrem Boudoir. Sie sindoft des Abends bei ihr."
„Warum bist Du denn nicht dort?"
«Ich?" fragte verwundert das Kind. „Mamawünscht es nicht, — ich bin ja auch nur ein Mädchen."
Es lag etwas so Trauriges in dem Tone derKleinen, daß Barbara unwillkürlich ihren Arm aus-streckte und sie fest an sich zog.
„Fräulein Morden," fragte sie leise und schautefast ängstlich in die dunkeln, freundlichen Augen derneuen Erzieherin, „warum mögen die Leute die Mädchennicht so gern leiden, als wie die Knaben?"
„Einige Leute haben Mädchen viel lieber, Eveline,
I, Ä,
„Ist das wahr? — ist das wirklich wahr? Ichglaubte, Niemand liebte Mädchen!"
„Es ist wirklich wahr," versetzte Barbara feierlich.
Offen gesagt, hatte sie in ihrem kurzen Leben nochnicht viele Knaben kennen gelernt, und ihre Anschau-ungen waren daher ein wenig beschränkt. Die Freund-innen oder Spielgefährtinnen ihrer Kindheit hatten ent-weder gar keine Brüder gehabt, oder sie war nicht mitihnen in Berührung gekommen; auch konnte sie denflehenden Blicken ihrer kleinen Schwester nicht wider-stehen und gab ihr deßhalb gern die Versicherung, daßsie Mädchen vorziehe.
Eveline schlang ihre Arme um Barbaras Hals und
küßte sie; ihre Schüchternheit war in diesem Augenblickevollständig vergessen.
Es war das erste Herz, welches Barbara gewonnen
hatte.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Frcmvon Garkau mit ihren beiden wilden Knaben trat indas Schulzimmer.
Barbara stand auf, ihre Glieder bebten; ihr Herzschlug laut und hörbar. — Sie stand zum ersten Maleihrer Stiefmutter gegenüber; würde sie ihr — der armen,unbedeutenden Erzieherin — ein freundliches Wort zumWillkommen entgegenbringen?
Ja, trotz vieler schwachen Seiten behandelte diestolze Herrin des Hauses ihre Untergebenen mit herzge-winnender Milde und Freundlichkeit. So reichte sie auchheute ihrer unbekannten Stieftochter die Hand zum Grußeentgegen und hieß sie mit freundlichen, wohlwollendenWorten willkommen.
„Hier sind meine Knaben," fuhr sie dann fort,„hoffentlich werden sie brav und folgsam sein und Ihnennur Freude machen. Dies ist Edmund, der älteste, einprächtiger, starker Knabe, nicht wahr? Jedoch wollte esin letzter Zeit mit seinen Schularbeiten nicht recht gehen,Sie werden ihn deßhalb streng halten müssen. Alex wirdIhnen noch nicht viele Last machen, denn er bleibtgrößtentheils noch im Kinderzimmer, wiewohl es dochZeit wird, daß er langsam mit dem Lesen anfängt. —Leider kann Gretchcn, die Kinderfrau, ihm noch uichieinmal die Buchstaben beibringen; sie ist zu alt, abereine ehrliche, treue Seele, auf die ich mich vollständigverlassen kann. Eveline brauche ich Ihnen wohl nichterst vorstellen; ich sehe, Sie habe» bereits Freundschaftmit ihr geschlossen. — War es Ihnen sehr kalt auf derReise?"
„Ja," versetzte Barbara einfach und freute sich,daß ihre Stiefmutter gleich fortfuhr:
„Wie geht es dem armen Fräulein Wettern? Istsie sehr krank? Ich bedanre so sehr, daß sie nichtkommen konnte, denn Gräfin Wertfcldt hatte sie mirwarm empfohlen. Sie soll eine vorzügliche Erzieherinsein und ganz besonders Knaben zu behandeln wissen!",
„Ja, das ist sie," gab Barbara zu, da sie abersehr wenig von ihren Fähigkeiten wußte, berichtete sievon dem schwächlichen Gesundheitszustand und fuhr un-befangen fort:
„Sie sieht sehr leidend aus, obgleich sie hofft, inkurzer Zeit völlig hergestellt zu sein. Nach Aussage deSArztes bedarf sie längere Zeit der größten Ruhe undPflege; dennoch hatte sie vor, selbst hierher zu kommen,und nur der Gedanke, daß sie ernstlich erkranken möchte,hielt sie von ihrem Vorhaben ab."
„Sie müßte für den Winter nach dem Südengehen, vielleicht nach der Schweiz oder Italien . —»Eveline, geh' und bitte Gleichen, hierher zu kommen^sie soll mix meine Handschuhe zuknöpfen."
„Kann ich Ihnen helfen?" fragte Barbara be-scheiden, und obgleich ihre Finger vor Erregung nochzitterten, hatte sie bald die langen Handschuhe geschicktzugeknöpft.
„Sie find noch immer kalt, Fräulein Morden.Eveline soll Ihnen Ihr Zimmer zeigen, ich habe dortein gutes Feuer machen lassen. Packen Sie Ihren Kofferjetzt nicht aus; Gleichen kann Ihnen helfen, sobald dieKleinen znr Ruhe gebracht sind. Sogleich wird daS