160
Abendessen gebracht werden; Sie müssen nach Ihrerweiten Reise recht hungrig und durstig sein. Doch nunist es höchste Zeit für mich. Gute Nacht l"
Sie reichte Barbara die Hand, küßte die Kinderund wandte sich der Thüre zu; doch die Knaben ließendie Mutter nicht los.
„Wollt Ihr mich bis an den Wagen begleiten?"fragte sie, und alle Drei verließen das Schulzimmer.
„Darf ich Ihnen Ihr Zimmer zeigen?" schlugEveline vor, dann erfaßte sie die Hand der Erzieherinund führte sie über den langen Korridor,
Barbara lehnte über das Treppengeländer undschaute unten in die geräumige Halle, die hell erleuchtetwar. Dort standen die beiden Knaben, von denen dieMutter noch einmal zärtlichen Abschied genommen hatte;ein Diener legte ihr den weichen Pelzmantel um dieSchulter, dann stellte er sich dienstbereit an die Thür.Jetzt öffnete sich eine andere Thür. Die hohe, stattlicheGestalt des Schloßherrn erschien in der Halle, doch sosehr Barbara sich auch bemühte, das Antlitz ihres Vaterszu sehen, es wollte ihr nicht gelingen; nur die Spitzeseines Hutes und der breite Pelzkragen seines Ueber-rockes waren sichtbar.
„Wir werden zu spät kommen, Eveline, wo bistDu so lange gewesen?"
„Ich sprach mit Fräulein Morden, der neuen Gou-vernante. Sie kam vor kaum einer halben Stunde an."
„Ach so, ich dachte nicht mehr daran. Sie mußeine kalte, beschwerliche Reise gehabt haben; hoffentlichfindet sie das Schulzimmer behaglich durchwärmt. Sindwir jetzt fertig?"
Endlich hatte Barbara die Stimme ihres Vatersgehört. Sie merkte kaum, daß Eveline, die noch immerihre Hand hielt, sie jetzt in ihr Zimmer führte, aber sieerschrak, als sie ihr Spiegelbild sah, so leichenblaß hattesie noch niemals ausgesehen. — In späteren Tagenkonnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie die erstenStunden im Hause ihres Vaters zugebracht hatte, dennwirr wie im Traume jagten sich die Gedanken. Siewußte nur, daß sie noch lange am Abend, in tiefesSinnen versunken, starr und regungslos in ihrem Zim-mer gesessen hatte, ohne sich entschließen zu können, ihrLager aufzusuchen. Müde, wie sie war, war sie zu er-regt, um ihre Augen im sanften Schlummer zu schließen.Noch saß sie da, als schon der Wagen vor dem Portalhielt, und sie wußte, daß ihr Vater und ihre Stief-mutter wieder daheim waren. Sollte sie die Wahrheitbekennen, daß sie unter fremdem Namen den Einzugerzwungen hatte? Doch schon im nächsten Augenblickverwarf sie den kaum aufkeimenden Gedanken, — erstwollte sie die Herzen gewinnen, dann sich zu erkennengeben. Dann gedachte sie der guten Tante Agnes, diemit Thränen in den Augen von ihr Abschied genommenund ihr noch besorgt zugeflüstert hatte:
„Ich hoffe, Du findest wenigstens ein gutes, war-mes Bett; — in vornehmen Häusern fragt man nichtviel darnach, ob es den armen Gouvernanten behaglichgemacht wird oder nicht."
Unwillkürlich mußte sie bei dieser Erinnerung herz-lich lachen; sie legte sich in ihr weiches, warmes Bettund war schon nach wenigen Minuten eingeschlafen.Sie war seit ihrer allerfrühesten Kindheit die erste Nachtjn ihres Vaters Hause.
Als Barbara am nächsten Morgen erwachte, warmomentan die Furcht und Besorgniß des vorherigenAbends gänzlich verschwunden; sie kleidete sich schnell an,denn schon hatte sich Eveline eingestellt, um sie indas Frühstückszimmer zu geleiten.
Und dennoch, als sie jetzt an der Hand des Kindesdie breite Marmortreppe hinabstieg, erbebte sie; denn siewußte, daß sie im nächsten Augenblick ihrem Vater gegen-über stehen würde.
Eveline öffnete die Thür. Oben am Tische saßdie Herrin, mit dem Durchlesen der soeben angekomme-nen Briefe beschäftigt, hinter ihr, am Ofen, stand derFreiherr, das Antlitz hinter einer großen Zeitung ver-borgen.
„Ah' Fräulein Morden! Haben Sie die ersteNacht unter fremdem Dache gut geschlafen? — Gott-fried, hier ist Fräulein Morden, — unsere neueGouvernante."
Der Freiherr legte die Zeitung nieder und reichteder neuen Hausbewohnerin die Hand zum Gruße.
„Willkommen, Fräulein Morden. Hoffentlich hatIhnen gestern die weite, kalte Reise nicht geschadet. —ES ist auch ungewöhnlich kalt in diesem Winter."
Er sah bei diesen Worten Barbara an, die unterseinem Blick so heftig erröthete, daß sie nicht wagte, dieAugen aufzuschlagen. Zitternd trat sie hinzu und legteihre bebenden Finger in die dargereichte Hand deSVaters, doch konnte sie kein Wort hervorbringen, so festschien ihr die Kehle zugeschnürt.
„Das arme Kind ist schüchtern," dachte der Schloß-herr mitleidig und nahm seine Zeitung wieder zur Hand.„Es wird ihr gewiß schwer werden, unter Fremden zuleben."
„Hier ist Ihr Platz, Fräulein Morden, dicht anEvelines Seite. Wünschen Sie Kaffee oder Cacao?"
„Ich bitte um Kaffee", versetzte Barbara kaumhörbar.
So leise auch die Worte gesprochen wurden, demscharfen Ohr des Vaters waren sie nicht entgangen.Er blickte sie durchdringend an — hatte der Ton ihrerStimme vielleicht eine kaum vernarbte Wunde seinesHerzens berührt?
Jetzt stürzten die wilden Knaben in das Zimmer,scherzend und plaudernd machten sie Pläne für denneuen Tag.
(Fortsetzung folgt.)
---SLWkS---—
Jetzt, wo der Besuch der kaiserlichen Familie inAbbazia in nächster Aussicht steht, werden genauere Mit-theilungen über diesen Curort willkommen sein.
Vor zehn Jahren noch war Abbazia den Jn- undAusländern ebenso bekannt wie ein Dorf in Spanten— heute gehört es zu den Weltcurorten. Dies Auf-blühen des istrianischen Dörfchens wurde selbstverständlichdurch das glückliche Zusammentreffen einer Reihe vongünstigen Factoren bedingt. Dahin gehört zunächst dieherrliche Lage am Quarnero, der zum Golf von Fiumegehört. Fiume, das Emporium des ungarischen Handelsund die zweite Seestadt der österreich-ungarischen Monar-chie, ist von hier in 60 Minuten zu Wagen und in40 Minuten mit stündlich verkehrendem Local-Dampferzu erreichen. Lang hingestreckt auf einer in den Quarnero