Hinausreichenden Landzunge liegt Abbazia am Fuße dermächtigen Kalksteinmassen des Karstgebirges, welches hierim Monte Maggiore die Höhe von 1400 Metern erreicht.Die Abhänge des Gebirges schmücken weite Lorbeerhaine,wie ich sie in solcher Pracht und Ausdehnung in Italien und Südfrankreich nicht gesehen habe. Ganze Lorbeer-Lauben wölben sich über die gut gepflegten und äußerstbequemen Wege, eine wahre Wohlthat in der warmenJahreszeit. Von diesen Abhängen aus hat man aufAbbazia und den in allen Farben spielenden Qnarneroeine zauberisch schöne Aussicht, welche in den Winter-monaten durch die mit Schnee bedeckten, in der Sonneglitzernden Gipfel der fernen Dinarischen Alpen eine wir-kungsvolle Grenze findet. Die geschützte Lage am Fußedes Monte Maggiore und die Nähe der See, welchegewaltige Wärmemengen aufnimmt und sie langsam wie-der abgibt, bewirken Abbazia's mildes Klima und rufeneine durchaus südliche Vegetation von Lorbeerhainen,Oliven- und Feigen-Bäumen, Edelkastanien und vielenexotischen, hier im Freien gut gedeihenden Pflanzen her-vor. Schnee fällt höchst selten. Unter all' den bekanntenösterreichischen klimatischen Curorten ist Abbazia bei wei-tem der wärmste. Auch den Vergleich mit der französisch-italienischen Riviera braucht unser Ort nicht zu scheuen,da die mittlere Winter-Temperatur in Abbazia 9° 56"Cels., in Nizza, Cannes und Sän Nemo 11° 5" bezw.11° 77" und 12° 69" Cels. beträgt. In einer Hinsichtübertrifft Abbazia die Orte der Riviera, nämlich durchden höher» Feuchtigkeitsgehalt der Luft, so daß z. B7Halskranke sich hier wohler befinden als z. B. in demheißen, trockenen Mentone.
Obwohl Abbazia durch wuchtige Bergmassen geschütztist, kann doch von einer völligen Windlofigkeit keine Redesein. Das ist eben so wenig an der Riviera der Fall.Ueberhaupt ist völliger Windschutz an Orten unserer Breite,namentlich noch, wenn sie an der See liegen, nur eineschöne Sage. Bora und Levautina, Scirocco und Tramon-tana sind die hauptsächlich hier wehenden Winde. In-dessen habe ich seit Mitte October keinen Tag bemerkt,an dem man wegen zu heftigen Windes nicht ausgehenkonnte, was mir in Sän Nemo ein scharfer Ostwindmanchmal unmöglich machte. Die gefürchtete Bora kommtnach Abbazia in sehr geschwächter Form, während Fiume und Trieft von den Verheerungen tobender Bora-Stürmeein Liebchen zu singen wissen. Der Haupiwind ist derScirocco, welcher den Quarnero aufwühlen und Wogen-berge gegen die klippige Küste und darüber in die Park-Anlagen schleudern kann. Bezeichnend für das hiesigeKlima ist noch der im Winter bisweilen eintretende plötz-liche Witterungswechsel. Heute ist schönes, warmes Wetter;morgen regnet es in Strömen, ohne großen Temperatur-unterschied allerdings, und dabei sieht man heute nichtdie geringsten Vorboten der Aenderung. Einen derartigenplötzlichen Umschwung habe ich jedoch innerhalb fünfMonaten nur vielleicht vier Mal beobachtet.
Ein Mann von weitem Blick und praktischer Tüchtig-keit wurde der Begründer des Curortes: Friedrich Schüler ,General-Director derOesterreichischenSüdbahn, hat Abbazia „entdeckt" und mit rastloser Energie aus dem istrischenFischerdorfe einen hervorragenden Bade- und klimatischenCur-Ort geschaffen. Abbazia's schönster Weg, die vornOesterreichischen Touristm-Club — welcher auch um dieHebung unseres Ortes sich sehr verdient gemacht hat —angelegte Promenade längs des Meeres, führt in einem
großen Theile den Namen „Friedrich-Schüler-Strandweg".— 1882 faßte die Südbahn hier Fuß; rasch folgten
Erunderwerbungen in großem Maßstabe, und trotz dervielen Schwierigkeiten — besonders der Beschaffung einesguten Trinkwassers — wurde der Curort Abbazia am27. März 1884 eröffnet, er wird demnächst also seinenzehnten Geburtstag feiern. In dieser Zeit ist eine Reiheprächtiger Hotels und Villen entstanden. Diejenigen,welche der Südbahn gehören, sind mit allem Comfortausgestattet, mit Gas, ausgezeichnetem Leitungswasserund vorzüglichen Heizvorrichtungen (sehr wesentlich imSüden) auf's beste versehen. Danach sind allerdingsauch die Preise. Ueberhaupt ist Abbazia kein billigerPlatz; namentlich kosten die Wohnungen ein Heiden-geld. Während man in Sän Nemo eine geräumigeVilla mit großem Garten für 6000 Frcs. auf sechs bisacht Monate haben kann, bezahlt man hier 10- bis12,000 Frcs. Die Nachfrage- nach Wohnungen ist ebengrößer als das Angebot: von Mitte Februar an beginntes so recht sich hier zu beleben, und nach wenigen Wochenist Abbazia bis auf das letzte Eckchen mit Fremden ge-füllt. Wer heute käme, müßte, glaube ich, entwederdraußen campiren oder wieder umkehren.
Zu den sogen. Südbahu-Anstalten gehören auch diebeiden Villen Angiolina und Amalia, welche derkaiserlichen Familie demnächst als Wohnung dienen sollen.Die Angiolina ist verhältnißmäßig klein und stammt nochaus früherer Zeit; die Amalia dagegen ist ein neues,mächtiges Gebäude in hoher Lage, zu dem eine prächtigeSteintreppe mit vergoldetem Geländer führt. Unmittelbaran die Angiolina stößt der herrliche, immergrüne^ Parkmit seinen exotischen Pflanzengestalten, seinen prachtvollenAusblicken und seinen tiefumschatteten, vielverschlungenenWegen.
Außer den der Südbahn gehörenden Hotels bestehtnoch eine ganze Anzahl mehr oder weniger feiner Pen-sionen, so daß man, wenn man zur rechten Zeit kommtnach der Beschaffenheit seines Geldbeutels wühlen kann'
Seit dem Bestehen des Curortes hatte sich Abbazia der Sympathie verschiedener Mitglieder des österreichischenKaiserhauses, namentlich des Kronprinzen Rudolph undseiner Gemahlin Stephanie, zu erfreuen, welche noch jedesJahr einige Wochen hier zugebracht hat. Was natürlicher,als daß die österreichische Gesellschaft aufmerksam auf dasDörfchen an der Adria wurde und das von oben gegebeneBeispiel nachahmte! Die inländische Aristokratie hat hiereine Anzahl hübscher Villen gebaut (Keglevich-Kesselstatt,Esterhazy usw.) und strömt jeden Winter, namentlich nachBeendigung des Faschings, schaarenweise herbei. Von Aus-ländern sieht man hauptsächlich Polen, Russen, Serbenund vereinzelt Deutsche und Italiener. Grund für dieseErscheinung ist offenbar die Bequemlichkeit, mit welcherdie erwähnten Völker nach Abbazia gelangen können, fürKranke eventuell von unschätzbarem Werth. Ohne Zweifelwird die Reise der kaiserlichen Familie dazu beitragen,daß in den nächsten Jahren Deutschland ein größeresContingent stellen wird.
Die Bevölkerung von Abbazia und Umgegend isteine ethnographische Musterkarte. Schon vor Jahren hatman in der nördlichen Quarnero-Gegend 13 verschiedeneethnographische Nuancen festgestellt. Deutsche und Italiener, Croaten und Slowenen, Dalmatiner, Tschitschen sind ver-treten. Auf verhältnißmäßig kleinem Raum herrscht einSprachenrcichthum, der einer Sprachenverwirrung ähnlich