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„Oh, Onkel Arthur, warum bist Du so gleich müde?"
„Ich bin nicht mehr so jung wie Du bist, Edmund,und ich habe heute schon eine weite Reise gemacht."
„Fräulein Morden kann uns so reizende Geschichtenerzählen, von Elfen und Feen, und tausend schöne Mär-chen," berichteten die Kinder.
„Kann sie das wirklich? Darf ich denn auch wohlkommen und zuhören? ich höre so gern Geschichten. Fragesie doch, Eveline, vielleicht erlaubt sie es mir."
„Oh ja — ja, komm nur," riefen die drei Kinder.„Er darf doch kommen, nicht wahr, Fräulein Morden?"
Der Officier schaute lächelnd auf Barbara. Erahnte, daß die Frage der Kinder sie in nicht geringeVerlegenheit setzte.
„Fürchten Sie nichts, Fräulein Morden," sagte erschnell, „ohne Ihre Erlaubniß will ich nicht kommen. —Wie ist es denn mit Gespenstergeschichten, kann FräuleinMorden die auch erzählen?"wandte er sich dann an die Kinder.
„O, sie versuchte es einmal",erwiderte Edmund mit wichtigerMiene, „aber wir fürchteten unsgar nicht. Du kannst sie uns vielbesser erzählen, so schrecklich—"
„Arthur,Arthur! wo bist Du?ich höre den Wagen rollen, Fräu-leinRosen wird sogleich hier sein,"ertönte plötzlich die Stimme derFreifrau in der geöffneten Thür.
Als sie die kleine Gruppe in derHalle erblickte, verfinsterten sichihre Züge.
Oberst Dornburg saß neben derGouvernante, Edmund auf seinenKnieen und Alex auf BarbarasSchooß. Eveline stand im Hinter-grund und schmiegte ihren Armum den Hals der geliebten Er-zieherin.
Es war ein lieblicher Anblick,aber er reizte die Freifrau.
„Olga wird sogleich hier sein,
Arthur," fuhr sie deshalb erregtfort, „wenn es Dir möglich ist,
Dich von den lästigen Kindern los-zureißen , hilfst Du mir vielleichtsie zu empfangen. — Fräulein Morden, es ist jetzt Zeit,daß Sie sich mit den Kindern in das Schulzimmerzurückziehen!"
Barbara erröthete heftig; noch nie zuvor hatte dieFreifrau in diesem befehlend herrischen Tone mit ihrgesprochen. Doch sie erwiderte nichts; sie erinnerte sich,daß sie ja nur die arme Gouvernante war, die schweigendgehorchen mußte.
„Adieu, Fräulein Morden. Wir müssen bald nocheinmal Blindkuh spielen," rief der Oberst und reichte ihrzum Abschied die Hand, die er leise drückte.
(Fortsetzung folgt.)
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Goldkörner.
Wer kann alles, was er will?
Wer nur will, was er kann!
k. Joseph Weiher,
Wächter am heil. Grab, ein bayerischer Landsmann.
(Mit Bild.)
—s. Alljährlich am Charfreitag wird in sämmt-lichen Pfarrkirchen der Diöcese Augsburg das Opfer fürdie sogenannten Väter oder Wächter am hl. Grabe zuJerusalem eingesammelt. Möge es uns gestattet sein,dem freundlichen Leser einiges über die Aufgabe der-selben zu erzählen und im Besonderen auf einen bayeri-schen Landsmann aufmerksam zu machen, der das erha-bene Amt eines Wächters am hl. Grabe schon seit Jahrenversieht.
Bereits im Jahre 1219, also 10 Jahre nach Stiftungseines Ordens, kam der hl. Franziskus mit 12 Gefährtenin's hl. Land, doch schon nach wenigen Jahren wurdensämmtliche Patres in der Kirche des hl. Grabes voneiner grausamen Horde der Charesmier niedergemacht,im Jahre 1291 traf die Väterin Akkon das nämliche Schicksal.Diese und ähnliche schwere Prüf-ungen vermochten übrigens dietapferen Söhne des hl. Franzis-kus nicht zu entmuthigen, schonwenige Jahre später finden wirwieder andere Väter wachend undbetend am hl. Grabe. Und soist es bis heute geblieben, wennauch leider die Franziskaner imLaufe der Jahrhunderte nament-lich durch Geld und Trug derGriechen manche hl. Stätten ganzverloren haben, an andern einMiteigenthumsrecht zugestehenmußten.
Das Hauptkloster des Ordensim hl. Lande ist St. Salvatorin Jerusalem , ein weit ausge-dehnter Bau, gleichsam eine Stadtim Kleinen, vorsorglich von einerMauer umgeben. Mehr als 10Zisternen sorgen dafür, daß dieehrwürdigen Väter und sonstigenInwohner des Klosters keinenDurst zu leiden brauchen, sie füllensich zur Regenzeit mit dem Was-ser, das aus den Höfen undvon mehreren Terrassen in dieselben hinabgeleitet wird.Dieses Zisternenwasser ist übrigens gar nicht schlecht undoft frischer als das Quellwasser des hl. Landes. St.Salvator schließt außer den Zellen für die Mönche fernerin sich eine stattliche Bibliothek als geistliche Werkstätte,dann Werkstätten für Schreiner , Schlosser, Schmiede,Nudelfabrikation rc., eine Dampfmühle und eine großeBäckerei; hier wie in andern Häusern des Ordens wirddie christliche Liebe in ausgedehntem Maße geübt undwandern allwöchentlich Hunderte von Brodlaiben in dieHände der Armen. Es ist ein interessantes Schauspiel,wenn nach der Ernte die Landleute mit ihren schwer-beladenen Eseln und Kameelen im Klosterhof erscheinen,um ihr überschüssiges Getreide an das Kloster zu ver-kaufen.
Das Hauptkloster St. Salvator hat in Jerusalem eine Filiale, nämlich das Kloster am hl. Grabe, welchesjenen Franziskanern zum Aufenthalte dient, welche die