Ausgabe 
(23.3.1894) 24
Seite
173
 
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Ireitag, den 23. März

1894 .

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler ).

C h a v f Le r t a g.

Hier hangest Du, auch meine SündenTrägt Gottes Sohn am Kreuzesholz,

Der Leiden Tiefen zu ergründenVermagst Du nimmer, Menschenstolz!

Die Welt erbebt, in seinen GrüftenIst schauernd selbst der Tod erwacht,

Es geht der Schmerz durch Fels und Klüften,Und auf der Erde wird es Nacht.

Um Golgatha ist's still geworden.

Der grimme Feind schlich scheu davon.

Der ist ein Gott am Kreuze dorten!"

Ruft zeugend auch des Heiden Sohn.

Dräut nun ein ewiges Verderben,

Bleibt immer diese Todesnacht?

Mein Heiland neigt das Haupt zum Sterben,Alleluja, er hat's vollbracht!

Adolph Müller .

Die Tochter des Hauses.

Erzählung von C. Borges.

(Fortsetzung.)

Viertes Capitel.

Tage waren vergangen. Barbara hatte weder denjungen Osficier, noch Fräulein Rosen gesehen, denn wennGesellschaft im Schlosse war, mußte die Gouvernante imSchulzimmer bleiben.

Da pochte es an die Thür.

Ich bin's, darf ich hereinkommen?" fragte leiseeine geheimnihvolle Flüsterstimme.

Es ist Onkel Arthur," erklärte Eveline.

Die drei Kleinen saßen wie gewöhnlich um Barbarav geschaart, die aus einem Märchenbuche vorlas.

Wieder ertönte das Klopfen.

Herein!" rief Barbara.

Habt Ihr hier ein Plätzchen für mich, Kinder?"fragte scherzend der Oberst.

Ja ja!" ertönte es aus drei hellen Kehlen,und jauchzend sprangen die Kinder auf, den geliebtenOnkel in ihre Mitte ziehend.

Fräulein Morden", begann er, als er das Buchin Barbaras Hand sah,lesen Sie weiter, bitte. Ichhöre gern Geschichten und wollte mich hier amüsiren.Unten ist's entsetzlich langweilig. Herr von Garkau siehtkaum von seiner Zeitung auf, und Fräulein Rosen unter-richtet meine gute Cousine über die neueste Mode. Daskonnte ich nicht länger ertragen und flüchtete mich hier-her zu Ihnen."

Erzähle uns eine Gespenstergeschichte, aber so schreck-lich, wie Du sie nur weißt. Fräulein Morden fürchtetsich nicht so, wie früher Fräulein Müller", baten dieKinder.

Wirklich nicht?" scherzte er mit einem bedeutungs-vollen Blick auf Barbara.Dann kann ich ja wohl dieschaurigsten erzählen, die ich weiß. Für diese kleinenTrabanten ist nichts haarsträubend genug, das weiß ichaus Erfahrung."

Er setzte sich in einen Sessel, gerade Barbara gegen-über, die beiden Knaben auf seinen Knieen schaukelnd.

Er war ein vorzüglicher Erzähler, der es wohl ver-stand, seine Zuhörer in Spannung zu halten. DieKinder lauschten athemlos seiner sclbsterdachten Gespenster-geschichte, die er in den grellsten Farben ausmalte.

Doch lange konnte die kleine Schaar nicht still sitzen,und Onkel Arthur, der der Anstifter aller erdenklichenSpiele war, freute sich, wenn es recht lustig und tollim Schulzimmer herging. Die Zeit war ihm hier soschnell verflogen, daß er momentan erschrak, als plötzlichdie Thür sich öffnete und seine Cousine mit FräuleinRosen aus der Schwelle erschien.

Nun, hat man je in der Welt einen solchen Lärmgehört!" schalt die Freifrau mit finstern Blicken, dochunwillkürlich flog ein Lächeln über ihr Antlitz, als siedie Situation überschaute.

Die Kleinen spielten ein ganz neues Spiel; OnkelArthurs höchsteigene Erfindung, auf die er nicht wenigstolz war. Der Tisch war bei Seite geschoben. OnkelArthur kauerte auf Händen und Füßen darunter; erstellte einen bissigen Hund dar, der am Tischfuß ange-bunden war. Knurrend und bellend versuchte er dieKinder zu erhäschen, die sich in wilden Sprüngen demTische näherten und jedesmal laut aufjauchzten, wennsie glücklich entwischt waren.

Barbara hatte sich entschieden geweigert, an diesemwilden Spiel theilzunehmen, aber sie freute sich über dasVergnügen der Kleinen und lachte herzlich mit.