Ausgabe 
(23.3.1894) 24
Seite
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Fräulein Morden I wie können Sie einen solchenSpektakel hier dulden!"

Es lag etwas in dem Tone der Stiefmutter, wasBarbara sogleich wieder an ihre untergebene Stellungerinnerte. Sie hatte in diesem Augenblick ganz vergessen,daß sie ja nur die arme Gouvernante war, die nicht inharmloser Weiss mit dem jungen Ossicier lachen undscherzen durfte.

Fräulein Rosen, ein zierliches, junges Mädchen mithellblonden, krausen Haaren und unschuldig blickendenWasserblauen Augen, stand in sprachlosem Erstaunen wieangewurzelt da. Sie hatte selbst keine kleineren Ge-schwister und zweifellos seit ihrer Kindheit nicht mehrmit Kindern gespielt, daher konnte sie sich auch in daSSpiel der Kinder nicht hineindenken. Sie hatten so be-haglich plaudernd im Salon gesessen, daß es ihr un-begreiflich schien, als der Oberst aufstand und die Ge-sellschaft der kleinen, unruhigen Kinder vorzog.

Sie warf einen langen, prüfenden Blick auf Barbara,die sich errathend erhoben hatte.

Ah! rothes Haart sie kann mir nicht schaden",dachte sie bei sich selbst.

Der Oberst war blitzesschnell unter seinem Tischhervorgekommen, und ehe die Freifrau wußte, wie ihrgeschah, drückte er sie mit sanfter Gewalt in einen be-quemen Sessel am Ofen, rückte einen anderen für FräuleinRosen herbei, und auf einen Win? waren Barbara unddie Kinder im Halbkreis umher gruppirt.

Na, Du bist wirklich erfindungsreich, Arthur,"sagte sie, jetzt schon ein wenig besänftigt,aber begreifenkann ich es doch nicht, daß Du das Schulzimmer unserembehaglichen Salon vorziehst."

Und die lärmenden Kinder Deiner und FräuleinRosen's liebenswürdiger Gesellschaft", ergänzte Arthurerheitert.Ich gestehe, Eveline, es zeugt von meinemunverzeihlich schlechten Geschmack. Aber ich dachte, Ihrhättet heule genug von mir gehabt, und verzeihetmeine Einbildung, es ist eben meine schwache Seitedie Kinder sollen von meinem Hiersein doch auch Profitiren.Sieh' doch nur an, habe ich sie nicht gut amüsirt?"

Die Freifrau blickte in die vom Spiel hoch ge-röthcten Wangen und in die freudestrahlenden Augenihrer Lieblinge, die den stets zum heiteren Spiel bereitenOnkel wie einen verzauberten Prinzen aus dem Märchen-Luche betrachteten.

Ihr Alle verwöhnt mir die Kinder," schalt sielachend.

Erzähle uns noch eine Gespenstergeschichte." riefEdmund.Mama, er weiß so viele schaurig schöneGeschichten, die alle wahr sind."

So, wirklich? Weißt Du denn nicht, daß Ge-spenster-Eeschichten nur erdacht sind, Edmund? Aberzuerst wollte ich mit Dir über einen Brief sprechen,Arthur, den ich soeben bekommen habe. Olga und ichkamen gerade deshalb hierher. Da fällt mir ein, Olga,daß ich Dir unsere neue Gouvernante noch nicht vor-gestellt habe. Fräulein Morden Fräulein Rosen!"

Die beiden jungen Damen verneigten sich. Dieelegante Haltung, überhaupt das ganze unleugbar hübscheAeußere Olgas verfehlte nicht den günstigsten Eindruckauf Barbara und dennoch lag etwas in ihrem Wesen,in ihrem Antlitz, was ihr nicht gefiel. Sie warf einenflüchtigen Seitenblick auf den Oberst, der den Briefseiner Cousine las und dachte bei sich selbst:

Wird er die Wünsche und Hoffnungen erfüllen,die meine Stiefmutter in ihn setzt, und Fräulein Rosenzur Gattin wählen?"

Nun, Eveline, was wünschst Du denn, daß ichthun soll?" fragte er, den Brief zurückreichend.Duweißt, ich bin kein Spielverderber und komme immer inder Absicht hierher, mich den verschiedensten Situationenanzupassen. Befiehl also über mich; ich, Dein ganz ge-horsamer Diener, will jedem Deiner Winke Folge leisten."

Fräulein Morden könnte uns gut helfen, wennsie wollte," sagte die Freifrau, einen vielsagenden Blickauf Barbara werfend.

Gewiß will ich helfen, von Herzen gern. Umwas handelt es sich, Frau von Garkau?"

Lesen Sie diesen Brief!"

Es war eine Bitte von Gräfin Wertfeldt, zur be-vorstehenden Verlobungsfeierlichkeit der ältesten Tochterein altdeutsches Quartett aufzuführen.

Die Gräfin ist mir eng befreundet und ich magihr diese Bitte nicht gern absagen, denn es wird vonallen Gasten erwartet, daß sie nach Kräften zur Unter-haltung beitragen," erklärte die Freifrau.Es werdenTableaux gestellt, kleine Lustspiele aufgeführt und vielmusicirt. Zum Glück kommt morgen Graf Udo vonEckernstein; er singt Baß; Du, Arthur, hast einenvorzüglichen Tenor. Ich finge Sopran, es fehlt uns alsonur der Alt. Wollen Sie diese Stimme übernehmen,Fräulein Morden?"

O ja! Von Herzen gern. Ich bin Ihnen sogaraufrichtig dankbar, daß Sie mich auffordern."

Das ist gut und wäre also zur Zufriedenheit ab-gemacht. Kommen Sie nach dem Abendessen um neunUhr in den Salon, dann können wir ein wenig üben.Olga, ich fürchte, Du wirst zuhören müssen, es istdoch schade, daß Du nicht musikalisch bist, hoffentlichwird es Dir nicht allzu langweilig."

Fräulein Rosen lächelte und versicherte, daß es ihrFreude mache, zuzuhören, jedoch der mißmuthige Blickstrafte ihre Worte Lügen.

Als der Oberst am Abend in den Salon trat, fander seine Cousine bei der Durchsuchung der Noten.

Warum lächelst Du, Arthur?" fragte sie ihn,hastDu etwas Belustigendes gehört?"

Gerade nichts Besonderes, Eveline. Aber ich will'snur gestehen; ich lachte über Dich. Du hast michverschiedentlich gewarnt, Fräulein Mordens Gesellschaftzu meiden, und jetzt arrangirst Du selbst eine ganz aller-liebste Zusammenkunft. Wenn ich mich jetzt in sie ver-liebe, so trägst Du allein die Schuld, nur oköra oorwinv!"

Die Freifrau lächelte gezwungen; es schien ihr plötz-lich wie Schuppen von den Augen zu fallen, daß sieübereilt gehandelt habe.

Ich kann mir nicht denken, daß Dir FräuleinMorden gefährlich werden könnte, so lange Olga hier ist.Vergleiche doch die Beiden miteinander."

Das habe ich ja bereits gethan und dabei die Ent-deckung gemacht, daß die gute Olga recht reizbar undherrschsüctig sein kann. Das sind nun eben Eigenschaften,die für einen so demüthigen, geduldigen Mann, wie icheiner bin, höchst gefährlich, zum Mindesten unerträglichwerden können."

Rothhaarige Menschen sind häufig hitzig und streit-süchtig!"

Wird von Fräulein Morden gesprochen?" lispelte