Ausgabe 
(23.3.1894) 24
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hämisch Olga Rosen, die soeben das Zimmer betrat unddie letzten Worte gehört hatte.Nothhaarige Menschen sindin der Regel höchst unangenehm und oft hinterlistig."Dann erzählte sie eine Menge kleine Anecdoten, die ihrenAusspruch beweisen sollten.

Inzwischen war Barbara in ihrem Zimmer. Siesang fröhlich eine Opernarie und ließ es ruhig geschehen,daß Eveline ihr an der Toilette behülflich war.

So, nun kannst Du mir mein Armband zumachen;nimm Dich aber in Acht, daß Du das Schlößchen nichtzerbrichst!"

Es war ein einfacher, goldener Reif, der in großenBuchstaben ihren Namen eingravirt trug.

Barbara," buchstabirte die Kleine, den Reiflangsam herumdrehend.Heißen Sie so, Fräulein Morden?"

Ja, mein Kind, das ist mein Name."

Sonderbar! das ist auch der Name meiner ältestenSchwester; Sie wissen doch, sie ist so weit von hier fort,und ich habe sie noch gar nicht gesehen."

Ja, ich weiß es!" Dann schloß sie das Kind indie Arme und flüsterte ihr leise zu:

Möchtest Du Deine Schwester gern sehen, Eveline?"

O ja, sehr gern. Mama sagt, sie soll im nächstenJahre zu uns kommen. Ach! ich möchte, sie würde unsdann so lieb haben, wie Sie uns haben, liebes FräuleinMorden."

Die Kleine hatte bei diesen letzten Worten ihreAermchen um den Hals der Gouvernante geschmiegt undküßte sie herzlich.

Barbaras Augen füllten sich mit Thränen.

So, das ist genug, Du kleiner Liebling," lächeltesie, sich aus den Armen des Kindes befreiend.Jetzt istes Zeit für mich, es hat 9 Uhr geschlagen und Mamawird böse, wenn ich nicht pünktlich bin. Du mußt auchjetzt zu Bette gehen."

Die Kleine gehorchte augenblicklich; Barbara trat inden Salon.

Die Freifrau, die die letzten neckischen Worte ihresVetters nicht vergessen hatte, begrüßte sie mit kühler Zu-rückhaltung. Doch kaum hatte sie einige Lieder mit ihrgesungen, so vergaß sie selbst, daß es ja nur die armeGouvernante war, und plauderte mit ihr in ihrer unge-zwungenen, herzgewinnenden Weise. Der Schloßherrsaß schweigend in seinem Armstuhl; das Buch war längstseinen Händen entfallen; seine Augen hingen unverwandtan den jugendlich frischen Zügen der Gouvernante, zuder er sich unwiderstehlich hingezogen fühlte. Nur OlgaRosen blickte finster drein. Anfänglich hatte sie dem Ge-sänge geduldig zugehört, jedoch, da sie wenig Verständnißdafür hatte, gähnte sie bald und zog sich schmollend aniteinem Buche zurück.

Barbara sang, begleitete die Lieder der Freifrau,plauderte, lachte und scherzte so heiter und unbefangen,daß sie selbst ihre Stellung wieder vergaß und auch vonNiemanvem daran erinnert wurde.

Als der Oberst sich am Abend zur Ruhe legte, spiegelteihm ein neckischer Traum immer wieder die dunkelbraunenAugensterne vor, die ihn in eine neue Welt, eineWelt voll Glück und Liebe, versetzten.-

Für Olga Rosen war die Bitte der Gräfin Wert-feldt zur unerträglichen Qual geworden. Selbst wenigSinn für Gesang und Musik, wollte sie wohl geduldigein einzelnes Lied anhören, aber mehrere Abende hinter-einander den verschiedensten Uebungen beiwohnen zu müssen,

war doch mehr, als sie ertragen konnte. Als GrafUdo von Eckernstein erschien, wurde die Sache noch schlimmer.Er war ein leidenschaftlicher Musikfreund, der über einenganzen Schatz von Balladen, Liedern und Arien zu ver-fügen hatte. Zwar versuchte Olga, ihn durch feurige Unter-haltung zu fesseln. Sie redete von Politik, von Jagden,Hunden und Pferden, alles vergeblich! Sobald Bar-bara kam, griff er zu den Noten, wählte die schönstenLieder, da seine Stimme mit der ihrigen so gut harmonirte.

Nach kaum drei Tagen war der stolze Graf FräuleinMordens ganz ergebener Sclave. Die Freifrau erzittertebei dieser Entdeckung. Was würden die hochgeborenen,gräflichen Eltern sagen, wenn der einzige Sohn Udo dieschlichte Erzieherin als Gattin heimzuführen gedachte!

Es gereichte ihr daher zur großen Beruhigung, daßBarbara ihn in keiner Weise zu seinen Huldigungen er-muthigte und gleichmäßig kühl und zurückhaltend gegenihn blieb. Aber sie beobachtete ihn scharf. Kein Wort,welches er an die Erzieherin richtete, kein Blick entgingihr, ja, sie verfolgte jede seiner Bewegungen mit gespannter,ungetheilter Aufmerksamkeit, daß sie sogar ihren VetterArthur darüber vergaß, dessen Blicke leidenschaftlich undbewundernd an dem jungen Mädchen hingen. Es warihr eine Erleichterung, als Olga ihr plötzlich erklärte, zu-rückkehren zu müssen. Die junge Dame fühlte sich zuwenig heimisch in diesem musikalischen Kreise, und es warso schwer gewesen, für ihre Unterhaltung zu sorgen.

Endlich war der lang erwartete Festtag herbei-gekommen. Barbara stand allein in ihrem Zimmer; diekleine Eveline, die sonst so gern bei der Toilette geholfenhatte, lag in glühender Fieberhitze in ihrem Bettchen.Eine heftige Erkältung sie leidet häufig daran-die bei ihrer schwächlichen Gesundheit oft ungewöhnlichstark auftritt", erklärte die Freifrau und beunruhigte sichdurchaus nicht. Auch der sonst so muntere kleine Alexwar heute ungewöhnlich still gewesen, klagte über Müdig-keit und schlief bereits fest und ruhig.

Barbara vermißte ihr Schwesterchen und konnte sichnicht so leicht über deren Zustand beruhigen. Noch vorwenigen Minuten hatte sie vor dem Bettchen gestanden,doch halb wachend, halb schlafend hatte sich das glühendeKöpfchen in den weichen Kissen nmhergcwälzt und dannüber Kopf- und Halsschmerz geklagt.

Ich will sofort zurückkehren, wie der Gesang be-endet ist, und nicht bis zum Abendessen bleiben," dachtesie, als sie in ihr Zimmer zurückkehrte.

Auch die Freifrau betrat das Schlafzimmer.

Sie hat sich erkältet sie ist dann immer sehrunruhig," dachte sie, dann ging sie zu Alex, der ruhig,zwar mit fieberhaft glühenden Wangen, in seinem Bettchenlag und schlief.

Gerade als Barbara ihr Zimmer verlassen wollte,kam Gleichen und brachte einen prachtvollen Zweig frischer,weißer Rosenknospen mit dunkelgrünen Blättern undOrangenblüthen.

Herr Oberst Dornburg schickt diese Blumen mit derBitte, sie an diesem Festabend Zu tragen. Die gnädigeFrau hat ganz dieselben bekommen," berichtete sie.

Eine freudige Nöthe färbte Barbara's Wangen.

O, wie schön, wie herrlich, Gleichen. Gewiß, ichwill sie gern tragen; woher hat er sie bekommen? Siesind doch nicht von hier, aus dem Treibhaus?"

O nein! Sie sind soeben mit einem reitenden Botenvon der Station gebracht; er hat sie aus der Residenz