kommen lassen," versicherte das Mädchen. „Darf ichIhnen helfen? Die gnädige Frau ist schon fertig, undder Wagen steht schon vor der Thür."
Mit geschickten Fingern waren die Blumen bald ge-ordnet und Barbara eilte die Treppe hinunter. In derHalle stand Graf Eckernstein. Seine Augen hingen vollBewunderung an der lieblichen Gestalt, die flüchtig undleicht wie eine Gazelle an ihm vorbeihuschte, ohne dendargebotenen Arm zu bemerken. — Oberst Dornburg,dem der Blick nicht entgangen war, konnte sich einesspöttischen Lächelns nicht erwehren, doch Barbara kamauf ihn zu und reichte ihm mit leuchtenden Augen dieHand.
„O, Oberst Dornburg, wie danke ich Ihnen fürdie schönen Blumen; ich freute mich, daß Sie meinergedachten."
Es lag so viel bezaubernde Anmuth in diesen we-nigen Worten, daß Arthurs Herz höher schlug.
„Ich freue mich, daß sie Ihnen gefallen. MeineCousine ist auch mit den ihrigen zufrieden und das machtmich stolz auf meine Wahl. — Da Sie und Eveliue dieeinzigen Damen sind, die heute singen, so glaubte ichauch, dieselben Blumen geben zu dürfen."
Ein dankerfüllter Blick lohnte ihn tausendfach; erführte Barbara zu dem Wagen, in dem die Freifrau be-reits wartete. Selbst der finstere Schloßherr hatte sichüberwunden und sein Arbeitszimmer verlassen, um ander bevorstehenden Festlichkeit theilzunehmen
Der Empfangsaal der Gräfin Wertfeld war dichtgedrängt von Gästen. Von Nah und Fern waren Freundeund Verwandte herbeigeeilt, um dem jungen Brautpaareihre Glück- und Segenswünsche darzubringen.
Barbara schien zerstreut. Die Gedanken jagten sichin ihrem Hirn, und schmerzlich zuckte es um ihre Mund-winkel, als sie der kleinen Eveline gedachte, die sie inglühender Fieberhitze verlassen hatte.
Das wohl einstudirte Quartett war eine der erstenAufführungen und der Erfolg ein großartiger. Die wohl-geschulten Stimmen harmonirten so vortrefflich, daß selbstder Freiherr laut seinen Beifall äußerte — eine Aner-kennung, die seitens des finsteren Sonderlings noch nichtgezollt war. Nach Schluß des Quartetts schlich Barbaraunbemerkt durch eine Seitenthür, und ohne die weiterenAufführungen abzuwarten, eilte sie davon, erreichte flüch-tigen Fußes den Adlerhorst und stand bald am Lagerihres erkrankten Schwesterchens.
Fünftes Capitel.
„Wollen gnädige Frau in Eoeline's Schlafzimmerkommen? Fräulein Morden läßt darum bitten."
„Eveline? was ist mit ihr, Gleichen?"
„Sie scheint sehr krank zu sein. Fräulein Mordensagt, der Arzt müsse geholt werden, gnädige Frau."
Gleichen sah sehr bleich und angsterfüllt aus, alssie diese Bestellung ausrichtete.
„Ich k^mme sogleich," versetzte die Freifrau. —Erst seit kurzer Zeit war sie zurückgekehrt; die Auf-führungen und später das Souper hatten lange gedauert.An Eveline hatte sie kaum gedacht; sie hatte nicht ein-mal das Zimmer des Kindes betreten, die Gouvernantewar ja bei ihr und die Kleine war also in guten Händen.Trotzdem konnte sie ihr Gewissen nicht zum Schweigenbringen.
Schnell kleidete sie sich an und eilte in das Kranken-zimmer, in dem Barbara sie auf der Schwelle erwartete.
„ DerZustand hat sich Verschlimmert, Frau von Garkau."
Beide näherten sich dem Bette. Dort lag das armeKind und wälzte sich stöhnend umher. Die Wangenwaren hoch geröthet; die Augen glänzten im Fieber. Alsdie Mutter sich über sie beugte, jammerte sie: „Oh, meinHals — mein Hals."
„Warum hat man mich nicht eher gerufen?" fragtedie Mutter streng und blickte vorwurfsvoll bald Barbara,bald Gretchen an. „Hat sie die ganze Nacht in diesemZustande gelegen?
„Oh, nein, gnädige Frau," versicherte die alte, treueMagd, „ich war so oft hier, und das Kind schlief. Fräu-lein Morden hat sie erst vor einigen Minuten in diesemZustande gefunden."
Frau von Earkau blickte Barbara an.
„Ja," beantwortete diese die unausgesprochene Frage,„ich war oft hier, aber Eveline schlief, und wiewohl un-ruhig, hoffte ich doch auf Besserung, wenn sie erwachte.Kaum vor zehn Minuten traf ich sie in diesem Zustande."
Frau von Garkau kniete neben dem Bettchen undpreßte ihre kalte Hand auf die brennende Stirn deskranken Kindes.
„Gvi, mein Liebling, sage Mama, was Dir fehlt,"flüsterte sie ihr so liebevoll zu, wie es das Kind wohlnoch nie von der Mutter gehört haben mochte.
Das Kind öffnete seine Augen und lächelte matt.Barbaras Augen füllten sich unwillkürlich mit Thränen,sie verstand, wie sehr das Herz des Kindes sich nachder Liebe der Mutter sehnte.
„Mein Kopf, — mein Hals," stöhnte das Kind.
„Was mag ihr nur fehlen, Gleichen?"
Frau von Garkau hatte in der Krankenpflege wenigErfahrung. Die Kinder waren bis jetzt immer kräftigund gesund gewesen. — Gleichen stand sprachlos; siewar alt, hatte die Kinder stets gewissenhaft beaufsichtigt,aber sie war keine gute Krankenwärterin.
Barbaras scharfer Blick erkannte sogleich die Ur-sache des heftigen Fiebers. Schnell entblößte sie dieBrust der Kleinen und fand, was sie befürchtete: dasKind war über und über mit feurig rothen Flecken be-deckt. — Sie zeigte dieselben ihrer Stiefmutter.
„Ich halte es für gut, wenn der Arzt'so bald wiemöglich gerufen wird, Frau von Garkau," sagte sie ganzbestimmt, „Eveline scheint Scharlachfieber zu haben. —Ich hatte es selbst in meinen Kinderjahren, fürchte daherkeine Ansteckung — Gleichen sagt mir, die Krankheitsoll unten im Dorfe herrschen; viele Kinder sind schondavon befallen."
„Scharlach?!" ächzte die Freifrau und wurde leichen-blaß, „und Alex — — ist er auch krank? Ich mußsofort zu ihm!"
Sie erhob sich, und vor Schreck gelähmt, würdesie ohnmächtig zusammengebrochen sein, wenn Barbarasie nicht mit starken Armen aufgefangen und sanft aufein Ruhebett niedergelegt hätte. Gleichen eilte mit kaltemWasser herbei.
„Laß nur, Gleichen, kümmere Dich nicht um mich,gehe nach den Kindern," hauchte die Freifrau matt.
Gretchen blickte erst Fräulein Morden an, die geradeeinem reitenden Boten den Befehl gab, schnell den Arztzu holen; auf ihren Wink entfernte sie sich und gingnach Eveline, die jetzt ruhiger geworden war. — Jetztwar Barbara fest entschlossen, die Stellung als ältesteTochter des Hauses einzunehmen, die ihr rechtmäßig zukam.