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„Liebe Frau von Garkau," sagte sie daher be-sänftigend, „beruhigen Sie sich. Vielleicht tritt die Krank-heit nicht heftig auf, und die Kinder sind ja kräftig undgesund, sie werden sie schon überstehen." "
Sie hatte leise ihren Arm um den Hals der Stief-mutter gelegt, und diese Berührung schien wohlthuendauf sie einzuwirken. Sie trocknete ihre Thränen, trankdas dargereichte Wasser und richtete sich wieder auf. AlsBarbara sah, daß sie sich erholt hatte, wollte sie zu Evelinezurückkehren, doch die Freifrau hielt sie fest, und — zumersten Male in ihrem Leben — drückte sie ihre Stief-tochter fest an sich und küßte sie.
Barbara erwiderte die Liebkosung und: „Gewonnen— wieder ein Herz gewonnen!" jubelte sie in ihremInneren. (Fortsetzung folgt.)
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Agnes Bernauer, der Engel von Augsburg.
Vaterländisches Trauerspiel von Martin Greif ?)
Eine moderne Dichtcrrichtung hatte in ihrerdramatischen Behandlung in der Weise des klassischenHeidenthums dem Weibe Unehre angethan und es vondem erhöhten Podium wieder herabgestoßen, den ihm dasChristenthum angewiesen. Denn wie durch Eva derSündenfall geschah, der die Erbsünde brachte, so kam dieErlösung aus derselben durch die heilige Jungfrau, dieden Gottessohn gebar. Der zweite Akt des göttlichen Welt-schöpfungsplanes war vollbracht, wonach das Universumeine Kirche Christi werden soll. Das Reich Gottes, näm-lich die Gnade und die Wahrheit, waren zur Welt ge-kommen, die sündige, abgefallene Menschheit mit ihremSchöpfer versöhnt worden und dieses geheimnißvolle Wunderwurde nach dem uncrforschlichen, von Ewigkeit an vor-gesehenen Nathschluß Gottes durch eine aus dem Geistdes Glaubens empfangene und wiederempfangende un-befleckte Gottesmagd bewirkt. Aus der Menschenmutterwar eine Gottesmutter geworden; der Name Eva wardurch Umstellung des Sinnes und der Buchstaben nun inAve verwandelt worden, und Ave Maria! stimmte die er-löste Menschheit an, die durch die Fleischwerdung desWortes, das von Anbeginn bei Gott und das Gott selbstwar, nun aus Kindern ihres Vaters im Himmel bestehensollte. So kam es, das; die christliche Weltanschauung ausDankbarkeit für die „Mutter voller Gnaden" dem reinenWeib überhaupt eine Ehrenstellung anwies, und im Volks-und Meistergesang ertönten zu seinem Preise die kind-lichen, frommen und inbrünstigen symbolischen Lyraklänge.Erst der naturalistischen Weltanschauung in ihrer ganzenStufenleiter vom verschwommenen Deismus, Pantheismus,Nationalismus rc> bis herab zum nackten Atheismus undmaterialistischen Positivismus war es vorbehalten, dasWeib in der DarstcllungSwciss zu entweihen und zu einemInstrument des Sinnenrausches und der Lüstefröhnungherabzusetzen. Das gefallene Grcthchen, die sentimentale,mit dem Feuer spielende Lotte oder Emilia fingen an,typische deutsche Frauengestalten zu werden, die durch dieHauptmann und Ibsen und ihre Vorgänger zahlreiche, biszur Karikatur verzerrte Nachahmungen fanden. Nicht alsob einzelnen dieser Figuren die Berechtigung zur dichte-rischen Bildung abgesprochen werden sollte — sie stammenaus dem profanen Haufen und ergötzen ihn wieder —aber sie bleiben die Symptome cin.es sittlichen und künst-lerischen Verfalls. Es leben auch noch edle Urbilder in
der Frauenwelt, und wenn sie in erhebender Weise durchdie Muse unsern Augen und unsern Herzen menschlichnäher gebracht werden, so wird damit ein Wiederaufblühendes guten Geschmacks und der reinen Empfindung ge-boren. Einen solchen Markstein der Umkehr und gleich-zeitigen Erhebung hat Martin Greif wiederum mitseinem neuesten, obengenannten Werk gesetzt. Auf demdunklen Grund der Geschichte hebt sich, umwoben von derweihenden Sage, wie eine Engelsgestalt oder Lichterschei-nung das Bild der schönen und frommen AgnesBernauer, der Baderstochter und Gemahlin des HerzogsAlbrecht III., ab und tritt uns hier, durch Thalia's Kunstzum Leben erweckt, in realistischer Naturtreue entgegen;denn der Eindruck des Ueberirdischen, den es hervorruft,kommt nur von den Strahlen des Glaubens und derVergeistigung, von denen es umleuchtet ist und die, einenAnklang und Widerschein findend in verwandten Seelen,diese zur Theilnahme, zum Mitempfinden mit dem trau-rigen Schicksal fortreißen, das, in diesem Falle des Dich-ters Wort zur Wahrheit machend, den Menschen erhebt,wenn es den Menschen zermalmt.
Die architektonische Ausgestaltung des Trauerspielsist mustergültig und könnte selbst von den Stagiriten nichtbemängelt werden. Im ersten Akt wird zusammengedrängtund durch die Handlung selbst ohne viele Deklamationdie Exposition gegeben, die uns rasch aufklärt über dieGründe des Zusammenstoßes, den das Verhängntß brütet.Georg von Gundelfingen, der Hofmeister des regierendenHerzogs Ernst, ist auf dem Schlosse in Straubing an-gelangt und verkündet auf der Galerie daselbst dem Vice-dom und dem Rath Aichstätter, daß sein Herr seinenSohn, den Herzog Albrecht, zu seiner Vertretung eingesetzthabe. Der erste Redner hat die Handlung eingeleitet, diebeiden andern fühlen sich durch die Mittheilung verletztund beeinträchtigt; persönliche Beweggründe einer altenFeindschaft treten hinzu und so wird durch sie nach demAbtreten des Hofmeisters sofort das Gegenspiel angesponnen.Wir erfahren noch, daß der junge Herzog, der nun inStraubing Hof halten soll, mit einer Tochter des Grafenvon Württemberg durch seine Schwester Beatrix versprochenwar, daß er, obgleich schon seit Jahren mündig, stetsbedacht aus seinen Ruf blieb, in ernstem Kampfe wie aufTurnieren, jedoch im Uebrigen sich wenig Sorge und Arbeitmachte und sich meistens auf seinem Schlosse Vohbnrg demWaidwerk und der Sangcskunst ergab, und daß er, einFraucnlob seiner Zeit, von Blume zu Blume schwärmte.Die zweite Szene führt uns auf den Perlachplatz in Augs-burg in ein Volksgedräuge, wie wir es aus dem Coriolauoder Kaufmann von Venedig kennen. Die entzückende Ge-stalt der holdseligen Agnes, begleitet von ihrer WärterinAfra, tritt auf und wird überall mit dem Rufe „derEngel von Augsburg " begrüßt. Ein kurzer Dialog mitdem Patrizierssohn Rem findet statt, aus dem wir ersehen,daß sein zudringliches Werben von Agnes energisch ab-gewiesen wurde, weßhalb er im Hasse gegen sie auflodertund auf Rache sinnend die alte Wahrsagerin, MutterLintrud, zu ihrer Ausführung anspornt. Dann beginntdas eigentliche Drama in einer überaus anmnthig dar-gestellten ersten Begegnung der beiden Hauptpersonen Agnes und Albrecht. Sie hatten sich schon früher einmal aufeinem Turnier gesehen. Der erste Eindruck war beider-seitig ein zündender gewesen, wie er nur hervorgerufenwerden kann, wenn in der verhängnißvollen Stunde desGestirnes Macht den Menschen ereilt. Nun kommt es zu