Ausgabe 
(1.5.1894) 35
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und suchen zugleich durch eine geschickte Wendung desKopfes oder der Hand die Gegend, aus welcher die Stimmekommen soll, den Zuhörern zu bezeichnen. Kennt manaber einmal die Stimme eines Bauchredners, so täuschtman sich nicht mehr. Am leichtesten werden, wie zahl-reiche Vorkommnisse beweisen, Kinderstimmen nachgeahmt;doch nur wenigen soll es gelingen, mit verstellter Stimmezu singen.

Manch heitere, aber auch manch traurige Erzählungknüpft sich an die Geschichte der Bauchredekunst.

Ludwig Brabant, ein Kammerdiener Franz' I., ver-stand die Bauchrednerei und machte von ihr einmal denglücklichsten Gebrauch. Er hatte sich in die Tochter einesreichen Edelmannes verliebt,hielt um ihre Hand bei demVater an, wurde jedoch ab-gewiesen. Nach dem bald da-rauf erfolgten Tode des Edel-manns wiederholte BrabantseineWerbung bei derWittwe,ohne auch diesmal zum Zielezu gelangen. Da suchte er inder Verzweiflung sein Heil inseiner Kunst und ließ plötz-lich von der Decke des Zim-mers herab eine Stimmerufen:Gib unsere Tochterdem Bewerber, ich habe sonstkeine Ruhe im Grabe." Dieerschrockene Edelfrau wähntedie Stimme ihres verstorbe-nen Gemahls zu vernehmenund gab augenblicklich ihreEinwilligung. Ob heut-zutage eine solche Anwen-dung der Bauchrednerei imgleichen Falle wohl auch nochErfolg hat? Manchem Freierdürfte wenigstens ein Ver-such nicht zum Schaden sein.

Noch drolliger ist folgen-des Stückchen. Eines Tageserschien in einem kleinenStädtchen ein geheimnißvollaussehender Fremder in derweiten, wallenden Gewan-dung eines Pilgers. Alsbaldverfolgte ihn eine ganzeSchaar Neugieriger. Voreinem Standbilde, das dergrößte Stolz der Bürger war, blieb derFremde stehen und ließsich die Bedeutung des Bildes erklären. Da plötzlich fing dieStatue mit menschlicher Stimme zu sprechen an und ver-langte, sofort in das Haus des Bürgermeisters getragenzu werden, da sie es endlich satt habe, Tag und Nachtauf der kalten Straße zu stehen. Da die bestürzten Bürgerunthätig verharrten, erging sich die Statue in den schreck-lichsten Drohungen, erklärte aber schließlich, von ihremVerlangen abstehen zu wollen, wenn man dem Pilger imRathhaussaale sogleich ein treffliches Mahl bereite. Dieerfreuten Bürger trugen diesem Wunsche natürlich unge- ,säumt Rechnung. Die Statue aber war zufrieden und !verlangte nie mehr, von ihrem Platze genommen zu werden. ^

Von Charles Comte , einem berühmten Bauchredner, ^

erzählt man sich viele Schwänke. So veranlaßte er ein-mal das Aufbrechen einer Bude in Tours, weil er ausihr ängstliche Hilferufe erschallen ließ. In Reims setzteer die ganze Einwohnerschaft in Schrecken, weil die Todtenaus ihren Gräbern zu sprechen anfingen. In der Nähevon Paris traf er eines Tages einen Bauern, der ge-mächlich auf seinem Esel zur Stadt ritt. Comte geselltesich zu ihm und ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein.Nach einer Weile hörte der Bauer, wie ihm der Esel zu-rief:Schlingel, steig' ab, ich will auch einmal reitenIMeine Großmutter war Bileams Eselin und klüger alsDu!" Der biedere Landmann stieg entsetzt von dem Thiereund trabte ehrfurchtsvoll, entblößten Hauptes, neben dem

Esel her, bis er Paris er-reichte, wo dasVorkomm-niß" grosesAufsehen erregte,doch sich natürlich nicht mehrwiederholte.

Auch das neunzehnteJahr-hundert hat seine Bauch-redner. In den dreißigerJahren erschien in Liegnitz ein Fremder, welcher sich vornGlöckner Schmidt die katho-lische Kirche öffnen ließ. Alsders lbe ihm auch die Pia-ristengruft zeigte, hörte er zuseinemEntsetzen,wiederFürstGeorg Wilhelm würhend ausseinem Grabe darüber schalt,daß man seine Ruhe zu störenwage. Da der Glöckner keineAhnung davon hatte, daß derFremde ein Bauchredner sei,wurde er von Entsetzen er-griffen und starb bald darauf.

Harmloser verlies nach-stehende bekannte Geschichte.

Der Anatom ProfessorBuxthorn in Cambridge saß1862 spätAbends ganz alleinin seinem Studierzimmer anseinem Schreibtisch. Der Re-gen prasselte an die Fensterund der Wind heulte durchden Kamin. Plötzlich tritt einMann herein, und da erkeinenDritten gewahrt, schrei-tet er rasch auf den Professorzu und sagt barsch:Wirsind ganz allein. Machen Sie keine Umstände. GebenSie mir das Geld, das Sie in jener Schublade haben,oder. . . ." Dabei macht der Fremde eine Geberde mitder Hand, welche einen Dolch aus der Brusttasche desRockes zieht.

Der Professor sieht stumm den Fremden, dann denDolch an und beugt sich dann über den Schreibtisch, alswolle er das Geld aus der Schublade langen, wo essich in der That befand. Der Fremde hält den Dolchgezückt über des Professors Rücken, um ihn, wenn er diegeringste Miene mache, irgend eine Waffe hervorzulangen,augenblicklich niederzustoßen.

Da Plötzlich ertönt aus dem geöffneten Nebenzimmer,wo ein paar menschliche Gerippe aufgestellt waren, eine

Die Stiftskirche in Aschaffrnkurg.

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