Ausgabe 
(8.5.1894) 37
Seite
282
 
Einzelbild herunterladen

282

Das wäre ja barbarisch bei dem hohen Alter derGreisin!" rief Marbach entsetzt, eine Trepanation jeden-falls gleichbedeutend mit dem Tod!"

Reinhardt zuckte die Achseln.

Ist die Unglückliche denn nicht lebendig todt?Würde sie selber, wenn sie Von ihrem Zustande eineAhnung haben könnte, nicht selber auf eine solche Opera-tion drängen? Ich halte diesen allerletzten Versuch sogarfür geboten. Und nun kommen Sie, junger Mann, ichhabe die größte Lust, einen Spaziergang durch IhreFelder in Ihrer Gesellschaft zu machen und) mir beidieser Gelegenheit auch die Mordstätte anzusehen."

Sie hatten bereits ein gutes Frühstück zu sich ge-nommen und verließen das Herrenhaus.

Wollen wir nicht lieber reiten?" fragte Marbach,es ist ein tüchtiges Ende bis nach der Schlucht."

Nein, ich bin ein schlechter Reiter, aber ein fa-moser Fußgänger, und der Weg thut Ihnen augenblick-lich auch gewiß gut."

Meinetwegen," sagte Marbach, und beide schrittennun tüchtig aus.

Das Wetter war köstlich, die Sonne stand hoch amblauen Firmament. Alles grünte, blühte und dufteteringsum in der Natur. Nach einer Stunde schon hattensie auf geradem Wege den Hohlweg erreicht. Sie stan-den an der Krümmung, wo das blutige Drama so schnellund überraschend sich abgespielt.

Hier also war's?" fragte Reinhardt.

Ja, hier ging ich mit Fräulein Holten, dort standder Wagen, vor welchem mein Freund mit dem Kindeplauderte, gerade vor'm Schuß, wie Sie zugeben müssen."

Er deutete dabei nach der waldigen Höhe hinauf.

Dieser Hohlweg ist aber auch für solche Ueber-fälle wie geschaffen," meinte der Maler,so ein Schin-derhannes, der ein sicheres Auge und eine feste Handbesitzt, findet dort oben ein prächtiges Versteck und kannungehindert wegknallen, was ihm beliebt. Zum Henker,das erweckt doch ein verdammt gruseliges Gefühl ineinem, wenn man hier urplötzlich so unversehens weg-geputzt würde."

Das wird sich heute nicht wiederholen," bemerkteMarbach bestimmt.

Und weßhalb nicht? Kann es nicht auch einerjener unheimlichen Gesellen gethan haben, die zu Zeiten jeine unbezwingliche Mordlust in sich spüren, welche sieum jeden Preis befriedigen müssen? Die menschlicheGesellschaft birgt viele unheimliche und räthselhafte Ele-mente in sich"

Gewiß, alter Freund!" fiel Marbach ungeduldigein,man würde sich zu Tode entsetzen, wenn dieMasken plötzlich gelüstet würden. Trotzalledem aberfühle auch ich plötzlich eine unwiderstehliche Lust in mir,einmal wieder jene Höhen zu besteigen. Sie begleitenwich doch?"

Reinhardt blickte ihn unzufrieden von der Seitean, da er nicht die mindeste Lust zu dieser Besteigunghatte. Doch meinte er unwirsch, daß er sich zu derStrapaze verstehen wolle.

Wenn der neue Schinderhannes mich dort obentodtschießt," setzte er desperat hinzu,vermache ich meinGeld dem Herrn Steindorf."

Marbach lachte gezwungen und schritt rasch voran,bis sie an die Schlucht gelangten, von wo ein schmaler,ziemlich steiler Pfad hinaufführte.

Den sogenannten Diebsweg sollen wir hinan?"rief der Maler erschrocken,nein, mein Sohn, dannfolge ich nicht."

Bah, das sieht nur von unten so aus, sindSie denselben niemals gewandelt?"

In meiner Jugend, als ich noch wie eine Gemsekletterte, jetzt aber na, versuchen wir's noch mal,es kann nicht mehr als den Hals kosten."

Schweigend schritten Beide bergan, Marbach mitfestem Fuß in der Mitte des steilen Pfades, währendReinhardt sich klüglich zwischen den Büschen und Sträu-chern, welche ihm den nöthigen Anhalt gaben, Hinaufwand.

Sie hatten beinahe die Höhe schon erreicht, als derMaler einHalloh!" ausstieß.

Nun?" fragte Marbach, stehen bleibend,wasgiebt's denn?"

Etwas Blankes Goldenes, sehen Sie nur,ein hübsches Ding, das ein Tourist verloren hat, einManschettenknopf."

Marbach griff so hastig darnach, daß er einigeSchritte zurückrutschte und sich an einem Busch fest-halten mußte.

Da haben wir die Gewißheit," sagte er triumphirend,kommen Sie rasch, bester Freund, daß wir die Höheund damit den sicheren Boden erreichen, dann sollenSie Weiteres hören."

Sie stiegen jetzt schweigend hinauf und standenendlich auf einer breiten Felsplatte, welche sie nach bei-den Seiten hin in Wald und Gestrüpp verlor.

(Fortsetzung folgt.)

GotdkSrner.

Zu des Verstandes und Witzes UmgehungIst nichts geschickter als Augenverdrehung.

Bodenstedt.

Buxheim .

(Hiezu das Bild Seite 283 )

^Nachdruck verboten )

Eine Stunde westlich von Memmingen liegt amNordende eines kräftigen Tannenwaldes, derHart"genannt, da wo die Memminger Ebene zum Jllerthalabfällt, das Pfarrdorf Buxheim , dem die noch erhaltenenKlostergebäude der alten ehrwürdigen Karthause ein statt-liches Aussehen geben.

Buxheim ist die Heimstätte an der gekrümmten,gebogenen Nach*), war schon in der Karolinger 'schenKaiscrzeit eine Zugehörde des Bisthums Augsburg undgehörte zur alten Mark Heimertingen. Nach den Hunnen-stürmen siedelten sich hier von Augsburg aus Kanonikeran. Es entstand ein Chorherren- oder Canonikatstist,dessen Vorsteher den Titel Probst führte und vorn Augs-burger Domkapitel ernannt wurde. Die gemeinsamlebenden Mitglieder versahen die Pfarrei Buxheim unddie Nachbarschaft, und genossen die Kirchengüter und denZehnten als bischöfliches Lehen.

Herr v. Raiser meint, der Schirmvogt der bischöfl.Kirche Augsburg, Herzog Wels VI., der sich viel in Mem-mingen aufhielt, habe zum Schutze des CanonikatstiftesBuxheim und der bischöfl. Güter in der Umgebung, dawo jetzt das Dörfchen Westerhart steht, die Burg Alt-

*) Bekanntlich führt eine Menge kleiner Flüsse des schwä-bischen Oberlandes den Namen Ach oder Nach. Das Wort entstanden aus dem altdeutschenAha" Flüßchen, bedeutetund bezeichnet stets einen kleinen Flutz.