HL38.
Kreitag, den 11. Mai
1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Znstiruts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).
Tanke Lanna's Oeßeimniß.
Original-Noman von E. von Linden.
(Fortsetzung.)
„Dieser Knopf mit dem Monogramm W. P. gehörtzu einem gleichen, den Fräulein Holten auf der Brand-stätte oder vielmehr in dem Garten der alten TanteHanna gefunden hat," begann Marbach. „Mein FreundWarncck besäst ein ganz ähnliches Paar mit dem eigenenMonogramm und erklärte, daß diese Knöpfe bei einemJuwelier in Chicago gekauft wären."
„W. P., also —«
„William Prien, stimmt famos, wie?"
„Dann wäre dieser Mensch auch an Tante Hanna'sGeschick, betheiligt!" rief Reinhardt kopfschüttelnd, „dasschießt aber doch wohl über's Ziel hinaus."
Marbach schwieg einen Augenblick unschlüssig.
„Der Schurke hängt allerdings mit dem tragischenGeschick jener Bedauernswerthen eng zusammen," ver-setzte er endlich zögernd. „Ich habe freilich mein Wortgegeben, die Sache geheim zu halten, kann Ihnen gegen-über aber eine Ausnahme machen, weil Sie bei derDurchsuchung des Möbels zugegen waren, somit halbund halb zu den Eingeweihten gehören. Es wurde dochvon meinem Freunde zuerst das Wort „Raubmord" aus-gesprochen."
„Ja, ja, ich weiß, —hilf, Himmel, nun wird'smir klar, der schändliche Verbrecher hat die Greisin be-raubt und ermordet, wie er's mit Ihrem FreundeWarueck gethan. — Hatte das Unthier denn noch nichtgenug an dem amerikanischen Raube?"
„Er ist ja ein leidenschaftlicher Spieler," sagteMarbach, „und wird wohl den ganzen Raub schon indieser Weise verloren, sich deshalb nach neuen Mittelnumgeschaut haben. Hier aber tritt uns wieder einneues Räthsel entgegen. Woher kannte er die alteTante Hanna und -das Innere ihres Hauses? Undwie konnte er wissen, in welchem Möbel sie ihr Geldbewahrte?"
„Nun, mein Freund, die Räumlichkeiten müssen dieDiebe meistens von außen studiren, das war also beiTante Hanna'S kleinem Hause eben kein Kunststück. Wirkönnen auch nicht wissen, wie viele Kisten und Kastener vorher geöffnet hat, bevor er das Rechte getroffen,da nur wenige Sachen gerettet worden sind. — Darüberwollen wir uns also nicht weiter die Köpfe zerbrechen,
da die Thatsache so ziemlich feststehen wird, daß dieselbeHand beide Verbrechen begangen hat. O, könnte mandiesen Mordbuben mit dem blutigen Strich, der ihn wievon höherer Hand gezeichnet erscheinen läßt, doch packen,um ihn der verdienten Strafe zu überliefern."
„Das ist auch mein sehnlichster Wunsch," sprachMarbach, den Knopf sorgsam in Papier wickelnd und indie Tasche steckend. „Kommen Sie, alter Freund, wirwollen noch den Platz uns ansehen, von wo der Geselledie Mordkugeln hinabgesandt hat."
Er schritt wieder voran und der Maler folgte ihmschweigend, zuweilen spähende Blicke umherwerfend, alsfürchte er irgend etwas Ungeheuerliches.
„Warten Sie hier ein wenig, lieber Reinhardt!"bat Marbach, nachdem sie eine lange Strecke auf einemder schmalen Fußwege zurückgelegt hatten. „Es mußdort hinunter sein, sehen Sie nur, wie hier das Gestrüppniedergetreten, die Büsche geknickt, vielfach sogar abge-schnitten sind. Der Abhang ist ziemlich steil und nichtganz ungefährlich, weshalb ich hier erst allein sondirenwill."
Er drängte sich bei diesen Worten bereits vorsichtigdurch das Buschwerk, welches ihn überall wie mit Fang-armen packte und festhielt.
„Nehmen Sie Ihren guten Rock in Achtl" schrieihm Reinhardt nach, „Sie kommen sonst in Fetzen zurück."
„Ja, es ist eine vertrackte Arbeit," erwiderte Mar-bach, „aber es führt nun einmal kein anderer Weg nachKüßnacht ."
Er rang sich glücklich durch, wenn auch mit einigenRissen an den Händen, wobei ihm der Einfall, seineJagdmütze aufgesetzt zu haben, jetzt trefflich zu statten kam.
„Aha, hier wird er gestanden haben," sagte er halb-laut, als er eines freiliegenden Felsstückes ansichtig wurde,das für den Auslug in's Thal, sowie für einen Schützenauf dem Anstand wie geschaffen schien. „Daß die Polizeisich diesen Platz noch nicht in Augenschein —"
Er brach erschreckt ab und stieß einen Ausrufhöchster Ueberraschung aus, als sein Blick auf einen Mannfiel, der, den linken Arm um eine Fichte geschlungen,ihn ruhig ansah.
„Guten Tag, Herr Marbach!" sagte derselbe jetztmit einer tiefen, gemüthlichen Baßstimme, „wollen Siesich auch mal diesen Schützenplatz ansehen? Kann mirdenken, daß es für Sie doppelt interessant ist, weil Siesozusagen direkt dabei betheiligt gewesen sind."