Ausgabe 
(11.5.1894) 38
Seite
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Marbach sah den Mann, der ihn so vertraulichanredete, mißtrauisch an. Es war eine untersetzte, be-häbige Gestalt mit treuherzigen Zügen, ungefähr vierzigJahre alt.

Sie kennen mich?" fragte er langsam.

O freilich, wer sollte den neuen Besitzer von Noten-hof nicht kennen? Ich bin meines Zeichens ein Maurer-Polier und räumte die Trümmer von Tante Hanna'sHaus mit auf, wobei ich mir die rechte Hand verletzthabe. Da ich nun doch nicht arbeiten kann, so bin ichhier herausgebummelt, um mir das Jagdrevier des Frei-schützen anzusehen."

Ach so," erwiderte Marbach beruhigt,haben Siebeim Aufräumen der Trümmer noch etwas gefunden?"

Nein, der Blitz hat Alles verzehrt. Aber hiermuß der Musje Freischütz doch wohl gestanden haben,Herr Marbach I"

Gewiß, man sieht's an dem geknickten Buschwerk.Oder rührt es vielleicht von Ihnen her?"

Na, mag wohl auch etwas abgebrochen haben, derWeg war aber schon gebahnt. Möcht' die Canaille wohlkennen."

Ich ebenfalls," sagte Marbach, sich forschend vor-beugend und in die Tiefe blickend,der Kerl hat einsicheres Auge und eine vortreffliche Waffe gehabt. Esheißt was, bis dort hinunter einen solchen mörderischenTreffer zu machen. Wenn er nur hier eine Spur hinter-lassen hätte."

Glauben Sie denn, wir sind die Ersten hier ge-wesen, Herr Marbach? Unsere Criminalpolizei istganz vortrefflich, ich kenne einen Geheimen, der in Berlin am Platze wäre, aber sein Commissar läßt ihn nichtlocker. Na, der wird hier längst schon oben gewesen sein,und wenn der Mordgeselle sich nicht bei Zeiten unsichtbargemacht hat, dann packt er ihn, darauf können Sie sichverlassen. Er ist auch der Mann, ihn nach Amerika zuverfolgen."

Marbach blickte ihn überrascht an, hatte der Ge-heime schon geplaudert?

Meint Ihr Freund vielleicht, daß er über's Meerentfliehen wird?" fragte er rasch.

Ach, das weiß ich nicht, der ist in solchen Dingenstumm wie das Grab. Ich meinte nur so im Allgemeinen."

Wie heißt dieser Geheime?"

Ja, wissen Sie, Herr Marbach," erwiderte derPolier, sich verlegen die Nase reibend,das darf ichIhnen nicht sagen. Ich kriegte es so per Zufall herausund mußte ihm die Hand darauf geben, es nicht zuverrathen."

Das ist etwas Anderes," sagte Marbach,seinWort muß man unter allen Umstünden halten."

Er nickte ihm freundlich zu und schickte sich an, denRückweg anzutreten.

Na, dann will ich man auch gehen," sagte derPolier,hier oben über'n Berg genirt Sie meine Gesell-schaft wohl nicht, Herr Marbach!"

Nein, mein Lieber, auch nicht unten im Thal, wes-halb sollte denn Ihre Begleitung mich geniren?"

Sie drängten sich durch das Buschwerk wieder hinauf,wo Reinhardt ungeduldig hin und her ging.

Wen bringen Sie denn da, Marbach? ZumHenker, das ist ja der Polier Schulze! Was habenSie denn da unten gemacht?"

Herrje, was sollt' ich wohl da unten gemacht haben,

Herr Reinhardt!" meinte der Polier mit einem breitenLachen.Wollt' nur mal sehen, wo der famose Frei-schütz gestanden hat, und ob die böse Geschichte nichtvielleicht doch nur ein unglückliches Versehen gewesen ist.Ich weiß, daß sich schon mancher Sonntagsjäger hieroben verirrt und nach Wild ausgeschaut hat. Dachteeinen Nehbock zu schießen und traf seinen eigenen Hund.Es ist wirklich und wahr passirt. So traf ich hier amersten Pfingstmorgen, just an dieser Stelle hier, den HerrnSteindorf, wissen Sie, der eben jetzt aus Amerika zurück-gekehrt ist und sich damals, es mögen wohl schon andie zehn Jahre her sein, zwei schöne Güter verscherzt hat,nämlich Rotenhof, was das Ihrige nun ja ist, HerrMarbach, und vordem seinem Vater gehörte, und dasschöne Edenheim mitsammt der hübschen Braut. Na,ich war doch Geselle und arbeitete just damals an einemneuen Stallgebäude in Edenheim, kannte auch die jungeDame, mit welcher er auf und davon ging und seinschönes Erbe und seine armen, alten Eltern im Stichließ. Aber so viel ist gewiß, sie war nicht halb so hübschwie Fräulein Holten, mein Geschmack wär' die nichtgewesen, aber die Geschmäcke sind nun einmal ver-schieden, was, Herr Reinhardt?"

Reinhardt lachte fröhlich auf.

Das versteht sich, Schulze, wär' auch sonst einUnglück für die Menschheit. Also Herr Steindorfwollt' sich hier wohl sein Rotenhof betrachten?"

Ja, das mochte wohl so sein, ich kannt' ihn gleichwieder und er war auch ganz nett, gar nicht stolz, fingvon selbst an, mit mir zu sprechen, obschon er sich natür-lich von wegen meiner nicht gut erinnern that, was jaauch nichts machte. Er meinte, daß es in Amerika vielschöner wär', aber daß er doch wahrscheinlich, sich hierankaufen wollte"

Ah!" Machte Marbach unwillkürlich.

Lieber Gott, ob er nun noch die Lust dazu hat,nachdem sein kleines Mädchen todt ist, wird wohl dieFrage sein," meinte Schulze.Ich gab ihm so um denBusch herum zu verstehen, daß Fräulein Holten ja nochledig wär' und Edenheim jetzt noch besser im Standesein sollt' als früher. Na, da sah er mich groß an undsagte, daß er dazumal noch ein rechter Kindskopf gewesenwär', der sein Glück mit Füßen von sich gestoßen hätt'und so dergleichen. Ei, sagte ich dann ganz dreist zuihm, Sie sind ja doch ein verflucht hübscher Herr, undalte Liebe rostet nicht."

Hätt' Sie nie für einen Kuppler gehalten, Schulze,"polterte der Maler zornig dazwischen,wollten sich wohlden Pelz dabei verdienen."

Der Polier lachte verlegen.

Nee, nee, Herr Reinhardt, zu solcher Sorte ge-höre ich nicht, und kommt ja auch gar nichts auf meinenSchnack an. Aber das muß wahr sein, daß Herr Stein-dorf ein forscher Kerl ist und daß er sich drüben mitden Indianern höllisch herumgeschlagen hat."

Marbach, welcher einige Schritte vorangegangen war,wandte'sich hastig um.

Woher wissen Sie denn das?" fragte er, ihnforschend anblickend.

Na, es war merkwürdig genug, und er wollte esauch durchaus nicht wahr haben, aber gesehen hab' ich'sdoch ganz genau. Sehen Sie, meine Herren, wir gingenhier quer durch, weil Herr Steindorf einen Platz auf-suchen wollte, wo er als Knabe viel herum gespielt hatte,