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wie er sagte. Da kamen wir an die Tannen, die drübenwieder recht dicht stehen, und wie er mit seinem feinenZeug hindurch will, bleibt ihm der Hut hängen. Ichgreife darnach, er auch, und dabei kommt sein Bart inCarambolage mit den Tannenstacheln. Er kam ordent-lich in Wuth und Angst, ich aber meinte, nur immerruhig Blut, junger Herr, und mach' ihm sachte denKinnbart los. Dabei sah ich etwas Rothes und glaubte,daß er sich schon blutig gerissen hätte, — aber es waroder schien nur eine Narbe zu sein, was er sicherlich beiden Nothhäuten sich weggeholt hat. Ich sagte es ihmauch dreisteweg, weil ich das für keine Schande hielt.Da kam ich aber schön an, glaubte wahrhaftig, er wolltemir an den Kopf springen. Sagte, das sei dummesZeug, er habe sich beim Nasiren geschnitten, ich solltedergleichen Schnickschnack nicht herumtragen. Wissen Sie,meine Herren," setzte er pfiffig blinzelnd hinzu, „er warimmer eitel auf seine Schönheit, und das hat sich auchnoch immer nicht gegeben."
Marbach hatte bei der naiven Erzählung des Poliersden Maler mit einem gewissen Triumph angesehen, unddieser war tief erblaßt.
„Es ist jedenfalls nur ein kleiner Nasirschnitt ge-wesen," bemerkte Marbach gleichgiltig.
„Na, aber ein ganz gehöriger," behauptete Schulze,„eine lange rothe Narbe quer zwischen Mund und Kinn,— gewiß soll es Fräulein Holten nicht wissen, meintwohl, es schadet seiner Schönheit, ja, ja, die liebeEitelkeit l"
„Dann sagen Sie auch nur nichts mehr davonan Andere," rieth ihm Marbach lächelnd, jetzt eiligst,als brenne ihm der Boden unter den Füßen, weiter-schreitend. Plötzlich blieb er stehen.
„Was riecht denn hier so brenzlich? Sie habendoch keine brennende Cigarre fortgeworfen?" wandte ersich an Schulze, der umherschnuppernd die Nase hochhob.
„I, wie soll? ich denn, Herr Marbach! Werdemich doch hüten, die ausgedörrten Tannen in Brand zusetzen. Aber wahr ist's, es riecht hier ordentlich schwef-lich, nicht wahr, Herr Reinhardt?"
„Kann auch vom Thal heraufsteigen und so in derLuft haften," meinte dieser naserümpfend. Er war beidiesen Worten dicht hinter Marbach getreten, um den-selben zum Weitergehen anzutreiben, als plötzlich einekurze, aber heftige Detonation die Luft erschütterte unddie beiden Freunde mit einem sAufschrei niederstürzten.
Der Polier, dem ein starker Baumast das Gesichtverwundet hatte, stand aufrecht, vor Schmerz, Schreckund Entsetzen ganz betäubt. Endlich aber erholte er sich,wischte sich das Blut aus dem Gesicht, ohne den Vorgangbegreifen zu können, und bückte sich zu den wie leblosdaliegenden Herren nieder. Waren sie todt?
„Mein himmlischer Vater, das ist zn schrecklich,"jammerte er außer sich, als er sah, daß sie von Blutüberströmt waren und fürchterlich zugerichtet sein mußten.Was sollte der arme Schulze hier oben doch nur be-ginnen? Woher schnelle Hilfe nehmen, wenn sie amEnde noch lebten?
Da hörte er eilige Schritte sich nahen und athmeteerleichtert auf, wobei er seine eigene Blessur ganz vergaßund sich mit dem bunten Taschentuch mechanisch das Blutabwischte.
Jetzt wurden zwei Jäger sichtbar, der Förster undsein Jagdgehilfe, welche im Laufschritt daherkamen.
„Was ist hier geschehen?" fragte der Förster athem-los. „Woher kam der Knall, den wir gehört haben?"
„Weiß ich's denn? — Bin ja selbst verwundetworden, die ganze Gegend hier ist verhext."
„Alle Wetter, wie sind die zugerichtet!" rief derGehilfe erschrocken, „das kann nur von einer Explosionherrühren. Am Ende haben sie Dynamit bei sichgehabt —"
„Dummes Zeug," unterbrach ihn der Förster, „diesist ja Herr Marbach auf Notenhof. Schnell, Taschen-tücher her, sie verbluten sich sonst."
Der Förster nahm den Verwundeten die Tücheraus den Taschen und brachte mit Zuhülfenahme desseinigen wie desjenigen des Jägers einen dürftigen Noth-verband zu Stande.
„So," fuhr er, sich aufrichtend, fort, „Ihr Riß imGesicht, mein Lieber, wird wohl nicht gefährlich sein.Begleiten Sie meinen Gehülfen nach dem Forsthause,um Hülfe zu holen, vor allen Dingen eine Bahre,Wenzel," wandte er sich an den Jäger, „der Knechtkann mitkommen. — Die Minna könnte nach Noten-hof sich aufmachen, damit sie von dort einen Arzt ausder Stadt holt, der alsdann direct nach dem Forsthausefahren muß. Haben Sie Alles kapirt, Wenzel?"
„Ja, Herr Förster , weiß Bescheid, kommen Sie,Mann!"
Er winkte Schulze, der willig folgte, obgleich erempfindliche Schmerzen an seinen Gesichtswundcn zuhaben schien.
Der Forstgehülfe schritt kräftig aus und so er-reichten sie bald ihr Ziel und kehrten ebenso rasch mitdem Knechte und zwei Bahren an den Unglücksort zurück.Als die Verwundeten aufgehoben wurden, stöhnten sieplötzlich laut auf, was den Förster mit stiller Befriedig-ung erfüllte und Schulze seine Schmerzen vergessen ließ.Da der Förster selber Hand mit anlegte, so ging derschwierige Transport rascher und glücklicher von statten,als man gefürchtet, und die Verwundeten lagen so gutals möglich gebettet, als Doctor Peters erschien.
Der Wagen, welcher von Notenhof abgeschickt wor-den, war ihm zum Glück unterwegs begegnet, da er nachEdenheim fuhr. Er sagte kein Wort zu der grausamenBescheerung, konnte aber ein Erschrecken nicht unter-drücken und schien das Resultat der Untersuchung sehrbedenklich zu finden. Marbach hatte eine schwere Wundeam Hinterkopf und eine Zerschmetterung des linkenArms davongetragen, während dem alten Reinhardt dierechte Gesichtshälfte verbrannt und die Schulter zerrissenworden war.
„Das sind ja wahrhaft mörderische Wunden," be-gann der Doctor endlich , nachdem er mit dem Verbin-den fertig war, „Reinhardt wird wohl nach Notenhoftransportirt werden können, mit Marbach wäre das aberein Risiko —"
„Dann bleibt er natürlich hier, Herr Doctor!"unterbrach ihn der Förster.
„Wäre mir lieb, werde für die Krankenpflege sorgenund einen tüchtigen Heilgehilfen mitbringen. Muß heutenoch einmal herauskommen, weil der Arm mir schwereSorge macht."
„Wird er durchkommen, Herr Doctor?"
Dieser zuckte die Achseln.
„Er lebt ja noch, und so lange dürfen wir auchhoffen. Habe meine Vorschriften auf diesem Zettek