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tischen Mumien und römischen Marmormosaiken sehenwir hier hübsche Neliquarien aus dem 12. Jahrhundert,alte korinthische Gefäße und panathenäische Amphorenneben etruskischen Bronzen, Modelle von modernen Kriegs-schiffen neben Feldschlangen und Gewehren aller Art.Leider ist die Besichtigung durch die ungünstige Beleucht-ung sehr erschwert und der Reisende genöthigt, geradedie schönsten und hellsten Tage zu seinem Besuche zuverwenden.
Um nun auch den Kirchen, an welchen Brüssel aller-dings nicht besonders reich ist, die verdiente Beachtungzu schenken, so wird der Reisende vor allem die herr-liche, im Centrum der Stadt gelegene Kathedrale St.-Gudule besuchen, deren Thürme ihm von weitem schonihren Gruß entbieten. In der Blüthezeit der Gothikerbaut, wirkt sie auf den Beschauer durch ihre edlenFormen und stimmt ihn zur Andacht. Man sagt häufig,das belgische Volk sei wenig zur Frömmigkeit angelegt— hier habe ich mich vom Gegentheil überzeugt. Währendbei uns dem Volke so ziemlich das Bewußtsein entschwundenist, daß es auch außerhalb des Gottesdienstes die Kirchebesuchen soll und kaun, sind die belgischen Gotteshäuserauch an den Nachmittagen von einer ziemlich zahlreichenBeterschaar besucht. Und nicht blos alte Mütterleinsind es, auch junge Leute beiderlei Geschlechtes, die ihrHerz hierherführt, um sich Trost und Erquicknng zuholen. So war der Eindruck, den ich beim Betreten derherrlichen Kathedrale empfunden, ein doppelter. Nichtminder war ich entzückt von den schönen Schnitzereien,welche an den Beichtstühlen wie an der Kanzel angebrachtwaren. Zwei Laubgänge, aus in einander geschlungenenEichen und Palmen gebildet, in deren Zweigen Thiere allerArt sich bewegen, führen zur Kanzel, welche auf demRücken der beiden Stammelten: ruht. Während rück-wärts sich die Schlange emporwindet und Maria, mitder Sternenkrone auf dem Haupte, ihr den Kops zertritt,zeigt sich in der Mitte das Bild des gekreuzigten Hei-landes, auf das Wort der heiligen Schrift hindeutend:^esrinr orusilixunr xra,säisuwN8. Ihren größten Ruhmauf dem Gebiete der Kunst aber verdankt die Kathedraleden Glasgemälden, von denen die schönsten in der nörd-lichen Seitenkapelle, der sdnpslls äu sb. Lucraiuoiitäss miruslss sich befinden. Ihren Namen hat dieseKapelle von einigen wunderbaren Hostien, welche dortaufbewahrt werden, nachdem sie einst von Juden gestohlenund in der Synagoge mit Schusterpfriemen zerstochenworden waren. Zur Verehrung dieser Hostien stiftetendie 5 mächtigsten Fürsten Europas : König Ludwig vonUngarn, Franz I. von Frankreich , Johann III. von Por-tugal, Ferdinand I. von Deutschland und Kaiser Karl V. ,die hier befindlichen Glasfenster, welche unten die Bild-nisse ihrer Stifter tragen. In der südlichen Kapelle,der sduxslls äs notrs Hains, welche gleichfalls treff-liche Glasmalereien aus dem 17. Jahrhundert enthält,ist ein Marmormonnment des Grafen Friedrich von Mc-rode, der beim Aufstande des Jahres 1830 für seinVaterland gefallen. An seinem Grabdenkmal steht dieDevise seines Lebens: „klus ä'tionirsnr gus ä'donnsurs«.Nicht weit entfernt sind die Marienkirchen dlobrs Dornsäss viotoirss, auch Notrs Darne äu sadlon genannt,welche 1304 von der Schützeuzunft gegründet wurde,und Notrs Da-ms äs In sdaxslls. In ersterer befindensich die Monumente des Lyrikers Jean Baptiste Rousseau (1' 1741 in der Verbannung zu Brüssel ) und des Grafen
Flaminius Garnier, des bekannten Sekretärs des Herzogsvon Parma, in einer Seitenkapelle auch die alte Be-gräbnißstätte des Geschlechtes der Thurn und Taxis.
Einer der merkwürdigsten Plätze nicht blos Brüssels ,sondern überhaupt der Welt ist der große Marktplatz,welcher aus der einen Seite vom Nathhause, auf deranderen von den sogenannten Zunfthäusern mit ihrenprächtig vergoldeten Faxaden flankirt wird. Schon dasNathhaus mit seinem reichen gothischen Stile und seinemhimmelanstrebenden minaretartigen Thurme, seinen Spitz-bogenfenstern und den zierlichen Erkerthürmchen erweckteine ganz mittelalterliche Welt in unserem Geiste, dersich nichts Ungereimteres denken kann, als etwa ein mo-dernes „Standesamt" in diesen Prachthallen, in denendie Blüthe der belgischen Ritterschaft, die Vertreter derStadt und freien Zünfte ihre Berathungen hielten. Auchtraurige Erinnerungen knüpfen sich an dieses Gebäude.Hier war es, wo die beiden Grafen Egmont und Hoorneihr Todesurtheil vernahmen und den Gang zum Schaffstantreten mußten. Ob wohl die Geschichte dadurch nicht umeinen Justizmord reicher geworden ist? Andere Gedankenkamen mir beim Betreten des großen Festsaals, dessenLangseiten noch von einer wohladjustirten Batterie Cham-pagnerflaschen garnirt waren, als den stummen Zeugen,daß auch die Brüsseler Nathsherren Horazischer Lebens-weisheit nicht unzugänglich seien. Daneben enthält dasGebäude noch andere Säle von hervorragender Schönheit,wie die in venetianischem Genre gehaltene solls än son-8öi1 oowinunal, die salls ä'ottsnts, äss iuaria§s8u. s. w. Dem Nathhaus gegenüber steht das sog. Brod-haus (lra-IIs au xoin), das als ehemaliger Regierungs-sitz auch den Namen innison äu rot führt. In seinemreichen Stile, der allerdings schon manche Anklänge andie Renaissance erkennen läßt, schließt es mit den an-stoßenden Zunfthäusern dieses mittelalterliche Stim-mungsbild trefflich ab. Letztere bildeten ehedem denCentralpunkt der Interessen der einzelnen Stände,die sich dort versammelten, um über ihre gemeinsamenAngelegenheiten zu verhandeln. So besaßen die Metzger,die Bräuer, die Schiffer, die Bogenschützen, die Zimmer-leute, die Schneider usw. ihre eigenen Gildenhüuser, welchemit den ihnen eigenthümlichen Emblemen geschmückt warenund noch heutzutage Zeugniß ablegen für die Bedeutungund den Reichthum des mittelalterlichen Handwerks. ImGegensatze hiezu zeigt uns die große Galerie St. Hubert,eine prächtige glasbcdeckte Kaufhalle, die Erzeugnisse dermodernen Industrie, welche allerdings an Feinheit undMannigfaltigkeit die Handarbeit übertrifft, aber auch der-selben den goldenen Boden, auf dem sie bislang geruht,entzogen hat. Noch erübrigt uns ein Gang durch die be-lebteste Straße Brüssels , den Boulevard Anspach, so be-nannt zum Andenken an einen früheren Bürgermeister,dem die Stadt ihre eigentliche Blüthe und ihren Auf-schwung verdankt. In diesem Vcrkehrsccntrum erhebt sichdie nach französischem Muster erbaute Börse, ein präch-tiger Ban mit einer reich geschmückten Faxade von achtkorinthischen Säulen, dessen großartige Verhältnisse undfast übertriebener Reichthum einen grellen Gegensatz bildenzu der Noth, in welcher sich ein großer Theil der bel-gischen Bevölkerung, besonders der Arbeiterwelt, befindet.
Ist ein Vergleich Brüssels mit anderen Städten er-laubt, so möchten wir es an Schönheit der Gebäude undStraßen noch am ehesten mit München vergleichen, dasallerdings wiederum in Hinsicht seiner Lebensgewohnheiten