291
Er hätte als Reisebegleiter und Dolmetsch einen altenMissionär aus Finmarck mitnehmen sollen, allein seinegeringen Mittel erlaubten dies nicht, und er reiste ganzallein ab. Am 13. August v. I. kam er nach Christiania ,wo ihn der apostolische Vicar v'ou Norwegen , Msgr.Fallize, mit offenen Armen aufnahm und ihm alle Voll-machten der apostolischen Missionäre verlieh. Am 19.August schiffte er sich von Christiania nach Bergen über,wo er fünfzehn Tage bei den dortigen Aussätzigen zu-brachte. Seinem Neifcprogramme gemäß wollte er hieraufdie gefährlichen Küsten der Loffoden-Jnseln besuchen,sodann Vesteraalen und die trostlosen Gegenden von Lapp-land und Finmarck. Fünfzehn Tage nach erfolgter Durch-forschung Finmarks verließ er am 29. September Hammer-fest, die nördlichste Stadt der Welt, überall als Priesterund Benedictiner von Ligugs auftretend; auch las eran allen Sonntagen in den katholischen Missionsstationendas Hochamt. Alle Zeitungen des Landes brachten No-tizen von ihm als einem vorn Papste autorisirten Bene-dictiner-Mönch, und alle Localblätter meldeten von seinerAnkunft wie von seiner Abreise.
Am 12. October kehrte Dom Sauton in mehrcivilisirte Gegenden zurück, durchzog gegen Norden Schwe-den und begab sich nach Stockholm , wo er mit N. P.Moro, früherm Almosenier am schwedischen Hofe, nunPrior der Barnabiten zu Paris , zusammentraf, der geradedamals in Stockholm eine Reihe von Conferenzen hieltund unserm Reisenden zu dessen großer Freude erneuteBeweise seiner väterlichen Zuneigung gab. Auch Msgr.Bitter, der apostolische Vicar von Schweden, nahm denDoclor der Aussätzigen, den er den „Apostel der Liebe"nannte, mit großer Herzlichkeit auf. Aber Dom Sautonmußte nun darauf bedacht sein, sich Erfahrungen in derCur zu sammeln. Hohe und schätzbare Sympathien fürihn waren erwacht, und die norwegische Regierung sandteihm ein königliches Decret zu, unterzeichnet im Minister-rathe vom 8. November, durch das gnädigst entschiedenwar, daß es dem Doctor Sauton gestattet sei, die Aus-sätzigen im Königreiche zu behandeln mit all den Rechts-verbindlichkeiten und Verpflichtungen, wie sie norwegischeDoctoren besitzen. Gleichzeitig traf die Regierung mitDr. Kamin, dem Direclor der Aussätzigen-Anstalt zuMolde, ein Ucbereinkommen, das dem französischen Doctordie Krankcnsäle und alle Erleichterungen für seine Ar-beiten zur Verfügung stellte. Diese Begünstigungen seitenseiner lutherischen Regierung und die öffentliche Stellung,die dem Mönchdoctor während seines Aufenthaltes inNorwegen zugewiesen wurde, sind umso höher anzuschlagen,als vr. Sauton in dem Berichte an den König undden Ministerrath ausdrücklich „katholischer Priester undBenedictinermönch" genannt wird. Es ist dies gewißein würdiger und weiser Act der Toleranz, der demscandinavischen Reiche alle Ehre macht.
Diese osficielle Anstellung an der Aussätzigen-Anstaltin Molde legte unserem Mitbruder die Verpflichtungauf, sein wissenschaftliches, medicinisches Material zu er-neuern und zu ergänzen, weshalb er sich nach Frankreich begeben mußte. Am 26. November verließ er Christi-ania mit einer osficiellen, sehr lobenden Bescheinigungvon Msgr. Fallize über seine in Norwegen gemachtenStudien an den Aussätzigen. Auf seiner Rückreise zoger sein Mönchsgewand wieder an und kam bald glücklichin seinem Kloster St.-Martin in Ltgugä au. DomSauton beansprucht keineswegs den Ruhm, neue Ent-
deckungen gemacht oder geheime Mittel und Versuche ge-braucht zu haben. Er befolgte bei der Behandlung derso schrecklichen Krankheit des Aussatzes bisher eine sehrweise Methode; denn die bisherigen Mittel gegen dieselbesind noch sehr schwach und ungewiß. Es handelt sichdarum, eine heilbringende Behandlung zu finden. GebeGott , daß seine Arbeiten von günstigem Erfolge begleitetsein möchten! Die aufopfernde Liebe ?. Damians warzweifelsohne eine heroische und aller Bewunderung werth.Alles Lobes Werth sind ferner die Verdienste einer altenChristin, Miß Kate Marsden mit Namen, die sich dem-selben Liebeswerke widmete; mit Recht bewundert mandie Missionäre, die in Molokai, Mandalay, in Japan und sonstwo sich der Obsorge um die Aussätzigen widmen.Sie Alle opfern ihr Leben und bringen den armen, vonaller Welt Verlassenen die Tröstungen des Himmels.Aber all diese Hingabe, diese Opfer der Missionäre sindtheilweise noch unfruchtbar und kommen nur Wenigenzu Gute. Wie viele Tausende von Aussätzigen in Ruß-land, der Türkei, in Birmanien, in China und Japan rc.sind noch hilflos!
Dom Sauton will nun all diese Hingabe fruchtbarmachen und es den katholischen Missionären ermöglichen,Körper und Geist der armen Aussätzigen zugleich zu heilen.Eine Beschreibung dieser Krankheit, ohnehin aus denSchilderungen ?. Damians theilweise bekannt, sei unshier erspart. Dom Sauton ist Priester und Arzt. Nichtohne Rührung kann man nachfolgenden Auszug aus einemseiner Briefe lesen, den er Ende September mitten ausLappland absandte: „Was ich beabsichtige," schreibt er,„ist:' das Loos und die Lebensbedingungen dieser Un-glücklichen zu verbessern; abgeschlossen in den Anstaltenfür sie, sind sie auch abgeschlossen unter einander, nurdas Unglück vereinigt sie, denn jeder trägt an sich dasSiegel der Trauer und gar hünfig das der Verzweiflung;sie scheinen sich Einer vor dem Andern zu schämen. Ichwill ihre Herzen erwärmen, ihren Muth stählen, in ihretraurige Existenz einen Strahl des Lichtes und der Hoff-nung bringen; ich will ihnen zeigen, daß sie nicht mehrverlassen sind. Diese moralische Behandlung soll Hand inHand gehen mit rationeller, heilkräftiger Behandlung ihrerKrankheit... . Letzthin besuchte ich ein armes aussätzigesWeib; sie selbst glaubte für mich ein Gegenstand desSchreckens zu sein, das sah ich ihr an; sie fragte mich,wie ich mich für sie interessiren könne, da ich ihre Sprachegar nicht verstehe; ich fragte sie ruhig aus, sagte ihrtröstende Worte, sie lächelte und öffnete ihre großen Augen;Bewegung, Furcht und Ueberraschung las ich in ihremBlicke. Alles scheint für sie ein Traum zu sein, sie be-gann zu hoffen."
Wie der h. Martin, Bischof von Tours, durch einenKuß — so erzählt die Legende — einen Aussätzigen heilte,so versucht es nun einer seiner Söhne aus dem diesemHeiligen geweihten Kloster zu Ligugs, sich dem Dienstedieser Unglücklichen zu opfern, so erwachen die alten mo-nastischeu Traditionen. Dom Santon hat allerdings schonauch bittere Erfahrungen gemacht; allein kein großes,Gott wohlgefälliges Werk bleibt ohne diese. Zurückgekehrtvor Kurzem in seine Zelle zu Ligugö, nimmt er wiederseinen Platz im Chor ein und schöpft neue Kräfte fürsein Werk im Gebete. Seine Mitbrüder achten ihn undsind glücklich, ihn wieder in ihrer Mitte zu haben. Dochwird sein Aufenthalt hier nur ein kurzer sein. Wie derletzte Bericht von Ligugs lautet, reist Dom Sauton dem-