Ausgabe 
(25.5.1894) 42
Seite
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ein so wackerer Mann, und tapfer, sag' ich Ihnen,tapfer und umthig, ein Herz wie Gold. Gnade Gott ,wenn mir sein Mörder zwischen die Finger geräth."

Sie dürfen ihm nicht ein Haar krümmen, Mr.Hilbrecht!" rief der Kommissar beinahe ängstlich,derist für etwas Besseres aufgespart."

Versteht sich, Sir! aber halten werde ichihn, und wenn ich mit ihm auf Leben und Todkämpfen muß."

Dann sind Sie mein Mann! Kutscher!" riefder Kommissar,Sie können langsam weiter fahren undnach dem Försterhause einbiegen, wir machen den Wegüber's Gebirge."

Sie waren ausgestiegen, und der Wagen fuhr weiter,während sie jenen steilen Pfad bestiegen, um oben dieinteressanten Punkte in Augenschein zu nehmen.

Als sie sich dem Platze der Explosion näherten, sahder Kommissar dort den Förster mit einer Dame stehen,in welcher er zn seiner Ueberraschung Fräulein Holtenerkannte. Sie kannte ihn nicht, erwiderte jedoch freund-lich seinen ehrerbietigen Gruß und horchte auf, als derBeamte dem ihm bekannten Förster den Amerikanervorstellte.

Mr. Marbach hat an meinen Vater telegraphirt,welcher just krank liegt," sagte Hilbrecht.Ich warheute Morgen schon in Rotenhof, wo man mir sagte,daß Mr. Marbach wohl sterben müsse und nichts weitervon sich wisse. So kam ich gar nicht her und ging zurPolizei, und nun wollen wir ihn doch mal sehen. Ichkenne Mr. Prien, ist ein großer Gentleman und nochgrößerer Schuft."

Der Förster schüttelte verwundert den Kopf über diewunderliche Ausdrucksweise des Fremden, dessen Vaterein Deutscher, die Mutter aber Amerikanerin war, undder nun beide Sprachen oft durcheinander mengte, dieSätze aber noch häufiger verdrehte.

Ich kenne Ihren Mr. Prien nicht," versetzte derFörster ruhig.

Nein, Herr Hilbrecht, er kennt den Gentlemannicht," nahm der Kommissar rasch das Wort,lassenwir ihn bei Seite. Sie erlauben doch, Herr Förster,daß wir Herrn Marbach besuchen?"

Dieser zuckte die Achseln und meinte, daß es heutewohl nicht gut für den Kranken sei, der sich übrigensein klein wenig besser befinde, weil das Fieber bedeutendnachgelassen.

Das Fräulein hier hat schon mit ihm geredet,und ich fürchte, es hat ihm nicht gut gethan," setzteer hinzu.

Es ist nicht meine Schuld, Herr Förster!" sagteArmgard mit leicht geröthetem Antlitz.Herr Marbachhatte dringend nach mir verlangt, und ich kam, obgleichich mich nicht ganz wohl fühlte, weil Dr. Peters michdarum bat. Hätte ich gewußt, daß er das Verlangenjedenfalls nur in seiner Fieber-Phantasie gestellt unddie seltsamsten Reden, wahrhaft tolle Bitten an michrichten würde, ich wäre sicherlich nicht gekommen. DerArme erregt meine ganze Theilnahme, und ich würde esfür sehr grausam halten, ihn ferner mit Unterredungenzu quälen."

Sie wissen doch, mein gnädiges Fräulein, daßihn ein bübisches Attentat so schändlich zugerichtet hat?"fragte der Kommissar.

Ich habe es erst jetzt durch den Herrn Doctor

Peters, der auch ihn und den Maler Reinhardt behan-delt, erfahren."

Ja, es sind schlimme Dinge hier seit Pfingstengeschehen," fuhr der Kommissar fort,bei denen sichunabweislich die Vermuthung aufdrängt, daß eine unddieselbe Hand sie verübt hat. Würden Sie es mirnicht als müßige Neugierde auslegen, meine Gnädige,wenn ich die Bitte wagte, mir einiges von jenen fieber-tollen Reden des Kranken mitzutheilen?"

Armgard erröthete auf's Neue und versetzte dannzögernd:Es schien sich Alles um eine rothe Narbebei ihm zu drehen, welche ihn zu den tollsten Zumut-ungen an mich veranlaßte. Mir wurde himmelangstdabei."

Der Kommissar verbeugte sich dankend, da er sichdas Uebrige sehr wohl denken konnte. Jedenfalls hatteMarbach sie gebeten, ihren Verlobten zum Abschneidenseines Kinnbarts zu veranlassen, um sich von dem Vor-handensein einer rothen Narbe zn überzeugen. EineZumuthung allerdings, welche die junge Dame ebensoempören, als ihr die Gewißheit geben mußte, daß mansie zu einem phantasirenden Fieberkranken geführt habe.

Er verabschiedete sich mit seinem Begleiter, dervon jenem rothen Strich des Mr. Prien keine Ahnungzu haben schien, von Fräulein Holten und dem Förster,da er fester als je entschlossen war, den kranken Mar-bach zu besuchen.

Im Försterhanse wurde ihnen der Bescheid, daßder Kranke sehr aufgeregt und der Doctor, welcher beiihm sei, einen fremden Besuch sicherlich nicht wiedergestatten werde.

Gehen Sie hinein und melden Sie dem HerrnDoctor, daß der Kommissar Frenzel ihn zu sprechenwünsche."

Man brachte ihm den Bescheid, in's Krankenzimmereinzutreten.

Da sind Sie endlich, Herr Kommissar!" rief Mar-bach ihm mit matter Stimme entgegen.UeberzeugenSie sich, daß ich fieberfrei bin und ganz klar venke.Es wird mit mir wohl bald zu Ende sein, möchte abervorher noch das Schrecklichste verhüten. Fräulein Holtenhält mein Wort für tolle Fieberphantasien, Sie darfjedoch jenen Menschen nicht heirathen. Sie müssen da-gegen einschreiten, Herr Kommissar, er ist der Mannmit dem rothen Strich."

Ich weiß es, Herr Marbach," beruhigte ihn derKommissar, während der Doctor ihn achselzuckend an-blickte.Mein Ehrenwort darauf, daß wir ihn packen,den famosen Mr. Prien, wir kennen ihn jetzt, und zumUeberfluß ist heute auch Noch Mr. Hilbrecht aus Chicago hier eingetroffen."

Marbach wollte sich überrascht aufrichten, siel abersofort kraftlos zurück.

Sieh, sieh," sagte Doctor Peters erstaunt,wirwollen unsere Kraft messen, das ist ja kein schlechtesZeichen."

Ist Mr. Hilbrecht Vater gekommen?" fragte Mar-bach leise.

Nein, der Sohn, ich hab' ihn mitgebracht, Siekennen ihn doch, Herr Marbach, wollen Sie ihn sehen?"

Der Kranke nickte, worauf der Kommissar hinaus-ging und mit Mr. Hilbrecht zurückkehrte.

Olä bc>^, Mr. Marbach, da bin ich selber,John Hilbrecht, meiner Mutter Sohn!" sagte der Amen-