Ausgabe 
(25.5.1894) 42
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kaner, die durchsichtig bleiche Hand des Kranken, welcheauf der Decke lag, sanft erfassend.Hab' mich aufdas Telegramm hin nicht lang besonnen, den Schuftvon Prien mit einzufangen."

Ich danke Ihnen, Mr. Hilbrecht," erwiderte Mar-bach mit einem matten Lächeln,nun kann ich ruhigsterben, weil die Hochzeit nicht stattfinden wird."

Hm, hm," machte der Doctor besorgt, da er dieswiederum für eine Phantasie des Kranken hielt, undauch Mr. Hilbrecht zog ein sehr erstauntes Gesicht.

Ich weiß Alles durch Ihren Freund, den HerrnReinhardt," sagte der Commissar,Sie können sich aufuns verlassen, Herr Marbach."

Mein armer Reinhardt," flüsterte der Kranke,wird er nicht bald gesund sein, Herr Doctor?"

Wir haben ihn bald herausgeflickt," beruhigte ihnder Arzt,nur jetzt keine Aufregung mehr, meine Herren,ich kann sonst für nichts einstehen."

Der Commissar schien in den Augen des KrankenAngst und Unruhe zu lesen; der unglückliche jungeMann erregte seine ganze Theilnahme. Er beugte sichzu ihm nieder und sagte leise:Ich habe dem Mördereinen geschickten Jäger auf die Fährte gesetzt, da ichdem Polier Schulze glaube. Die Hochzeit wird nichtstattfinden, das kann ich Ihnen versprechen."

Marbach lächelte matt und drückte ihm dankbardie Hand.

Nicht wahr, Mr. Hilbrecht, Sie bleiben hier, bisSie den Vogel im Garn haben?" fragte er leise.

Versteht sich, Mr. Marbach, werden Sie nur baldgesund, damit Sie ihn selber darin zappeln sehen, inder Schlinge nämlich, worin ihm unweigerlich der Halszugeschnürt wird. 6ioc>ä olä Ko/I"

Er streichelte ihm mitleidig, wie einem krankenKinde, die Hand und folgte dem Commissar, welcher dieThür bereits geöffnet hatte.-

Tante Hanna saß in einem freundlichen Zimmerdes Krankenhauses, wo sie selbstverständlich als Privat-kranke behandelt wurde. Man hatte einen großen, be-quemen Lehnstuhl an's offene Fenster gerückt, wo ihrnoch immer etwas starrer Blick auf einen Garten fiel,dessen duftiger Blumenflor sie erfreuen und beleben sollte.

Nach und nach kam in der That ein anderer Aus-druck in ihre Augen, halb überrascht und erstaunt, halberfreut. Sie strich sich über die Stirn und lächelte stillbeglückt, waren die Blumen doch immer ihre Lieblingegewesen, deren Pflege ihr besonders am Herzen gelegen.Und heute war sie zum ersten Male im Stande gewe-sen, das Bett zu verlassen, woran die hilflose Schwächesie bislang gefesselt hielt. Die Greisin hatte allerdingsschon vorher einige hoffnungsreiche Zeichen des erwachen-den Bewußtseins für ihre Umgebung gehabt, weßhalbDoctor Peters auf den Anblick des blühenden Gartenssein besonderes Augenmerk richtete und, neben ihr stehend,sie unablässig beobachtete.

Ihre Rosen waren doch schöner noch als diese,Tante Hanna!" sagte er plötzlich, auf den Garten hin-ausdeutend.

Sie wandte langsam den Kopf und sah ihn miteinem gespannten Ausdruck an.

Meine Rosen!" erwiderte sie, wieder hinaus-blickend,ja, aber sie gehörten meiner Mutter."

Sie war mit ihrer erwachten Erinnerung in derKindheit, im Elternhause, aber es war immerhin schon

ein Resultat, welches er langsam weiter führen mußte.Freilich," fuhr er ruhig fort,Ihre Mutter hattesehr schöne Rosen, aber die Ihrigen, Tante Hanna,waren weit prächtiger noch, schade, daß die Leute sieso schmählich niedergetreten haben, als der Blitz Ihrekleine Villa einäscherte."

Wieder wandte sie ihm das Gesicht zu und sahihn prüfend an.

Meine Rosen," wiederholte sie, sich über die Stirnstreichend,der Blitz meine Mutter"

Sie brach ängstlich ab, die Gedanken verwirrtenund peinigten sie offenbar. Er ließ sie jetzt in Ruheund sah gespannt hinab in den Garten, durch dessenPforte in diesem Augenblick eine Dame getreten war,welche langsam, den kleinen Strohhut in der Hand,durch einen der zierlich geharkten Wege wandelte. ESwar Armgard Holten, welche auf des Doctors Bittegekommen war, um zn erproben, ob der Anblick ihre?einstigen Lieblings nicht die Gegenwart bei ihr zu er-wecken vermöge.

Die Unglückliche blickte jetzt wieder mit unruhigumherirrenden Augen über den Garten hin. Die nochimmer halbgefesselte Denkkraft rang mächtig nach Be-freiung und trieb ihr den Angstschweiß auf die bleicheStirne. Jetzt fiel ihr Blick auf die weibliche Gestalt,welche genau jenen hellen Anzug trug, den sie nachihrer Heimkehr von der Rheinreise bei ihrem Pfingst -gruß getragen und in welchem Tante Hanna sie so gernhatte sehen mögen.

Dem guten Doctor klopfte doch ein wenig das Herz,als er bemerkte, wie Tante Hanna's Augen sich immerstarrer auf Armgard richteten, wie sie sich erheben wollteund seufzend zurücksank, dann die Hände nach ihr aus-streckte und sich immer weiter vorbog, bis sie plötzlich,als Armgard näher gekommen war und ebenfalls lächelnddie Hände zu ihr erhob, einen Schrei ausstieß und inThränen ausbrach.

Doctor Peters winkte jetzt eifrig, heraufzukommen,und Armgard flog in's Haus, die Treppe hinauf, um imnächsten Augenblick vor Tante Hanna zu knieen.

Dieses Experiment war gut," murmelte der Arzt,sich vergnügt die Hände reibend.Die Thränen sindunbezahlbar."

Liebe, liebste Tante Hanna!" rief Armgard, siemit beiden Armen umschlingend und mühsam ihreThränen zurückdrängend,wie freue ich mich, Sie wie-derzusehen; nicht wahr, Sie haben Ihre Armgard nichtvergessen?"

Sie sah bei diesen Worten mit zärtlicher Besorgnißund tiefer Erregung in das blasse Gesicht der Greisinund trocknete mit ihrem Tuch die Thränen von denwelken Wangen.

Armgard, ein schöner Name," sagte Tante Hannaleise, sie unverwandt anblickend,ich liebte einst diesenNamen. Bist Du Armgard?"

Tante Hanna, besinnen Sie sich doch," mischtesich hier der Doctor ruhig ein,Fräulein ArmgardHolten auf Edenheim ist diese junge Dame, und wennich mich nicht irre, war sie stets Ihr besonderer Liebling."

Ein freudiges Aufleuchten glitt über das Gesichtder Kranken. Sie lächelte sie an und strich ihr sanftüber die Stirn.

Mein Liebling," sagte sie zärtlich,ich weiß jetzt,daß Du es bist. habe nur Geduld. eS ist mir oft