Ausgabe 
(25.5.1894) 42
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so dunkel hier in der Stirn," sie deutete geheimniß-voll daraufund dann möchte ich etwas festhaltenund kann eS doch nicht, das macht mir große Pein.Jetzt weiß ich aber, daß Du Armgard bist, es ist hiergerade hell."

Und nun kennen Sie auch mich, Tante Hanna,"sprach der Arzt, sie fest anblickend.Halten Sie IhreGedanken recht beieinander, dann wird's schon gehen,und Sie werden auch Ihren alten Doctor Peters wieder-erkennen."

Ja, ja," erwiderte sie nach einer Pause,ichkenne Doctor Peters, aber meine Armgard doch nochbesser. Ist dies mein Zimmer?"

Nein, Tantchen, Sie waren ja lange krank," sagteArmgard, den Doctor fragend anblickend.

Natürlich waren Sie krank, kleine Tante," nahmjener rasch das Wort,haben Sie es ganz vergessen,daß der Blitz in Ihr Haus fuhr, dasselbe in Brandsteckte und Sie sich bei dem Fall aus dem Bette denKopf verletzten? Da haben wir Sie natürlich in einfremdes Haus bringen müssen, und das hielt schwer,weil sich Hunderte um die gute Tante Hanna rissen."

Sie hatte aufmerksam zugehört und eine immerängstlichere Miene angenommen. Zuletzt sahen ihreAugen ganz starr wieder vor sich, so daß der Doctorsich erschreckt zu ihr niederbeugte, da er fürchtete, sie inden alten Zustand versinken zu sehen."

Der Blitz," murmelte sie plötzlich,ich sah ihnganz deutlich halt er trug er nahm etwasab, ich sah sein Gesicht nun wird's wieder dunkel,ich kannte ihn, ach, mein Kopf schmerzt so schreck-lich, ich seh' ihn jetzt nicht mehr, nur noch denBlitzstrahl."

Die Greisin stöhnte tief und schloß die Augen.Armgard blickte den Doctor an, der ganz bleich und er-regt aussah.

Sie hat noch Fieber," flüsterte sie traurig.

Nein, nein, nur still, lassen wir sie jetzt ruhen,sie wird einschlafen."

Wirklich hörten sie es bald an ihren regelmäßigenAthemzügen, daß sie schlummerte. Sie gingen beidegeräuschlos zurück, während die Wärterin wieder ihrengewohnten Platz bei der Kranken einnahm.

Schweigend schritt der Doctor neben Armgard, umsie hinauszubegleiten.

Glauben Sie wirklich an eine volle Genesung derArmen, lieber Doctor ?" fragte sie, ihm Zum Abschieddie Hand reichend.

Ganz bestimmt, mein Fräulein!" erwiderte er,ihre Hand fest in der seinen haltend,Sie haben sichdoch selber davon überzeugt, wie die Erinnerung in ihrerwachte. Haben Sie aber auch darauf geachtet, wiedie Erinnerung an jene Gewitternacht in ihr Bewußt-sein zurückkehrte?"

O gewiß, es war ja, als ob sie an eine Erschein-ung erinnert worden wäre."

Allerdings, aber an eine ihr bekannte Erscheinung,welche irgend eine Verkleidung an sich gehabt. Ichhoffe, daß sich dieses Räthsel bald lösen wird, da dieArme jetzt nur noch mit der Verdunkelung ihrer Denk-kraft zu kämpfen hat, das Licht bereits mit sichtlicherAngst festzuhalten sucht."

(Fortsetzung folgt.)

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Alt-Anltverflen" auf -er AntwerMerAusstellung.

U Antwerpen, 15. Mai.

Im wohlthuenden Gegensatze zu dem in den ver-schiedenenorientalischen Vierteln" der Ausstellung sichbreit machenden wirklichen und moralischen Schmutze um-fängt den Besucher von Alt-Antwerpen sofort der Ein-druck niederländischer Sauberkeit, Gediegenheit und Ge-müthlichkeit. Wer in Begleitung von Frau und Kind dieAusstellung besucht, der darf unter keinen Umständendas arabische, algerische, tunesische oder marokkanischeViertel besichtigen; aber auch wer als Mann allein zurAusstellung kommt, der wird gut daran thun, wenn erden ganzen orientalischen Kram von Anfang anlinksliegen läßt" und dafür desto mehr Zeit auf den Besuchvon Alt-Antwerpen verwendet. Wer diesen Rath befolgt,der wird nichts verlieren und sehr viel gewinnen. Manmacht sich gar keinen Begriff von der ungeheuren An-ziehungskraft, welche dieses Alt-Antwerpen auf Jedermannausübt, der ein Auge für künstlerische Schönheit, Ge-schmack und Verständniß für historische Ueberlieferung undSinn für echte, unverfälschte Gemüthlichkeit besitzt. Einervon unseren Bekannten war zu viertägigem Besuch derAusstellung aus Deutschland nach Antwerpen gekommen.Als wir ihn am Abende des vierten Tages trafen undihn fragten, was er Alles gesehen, rief er aus:Ichbin in der ganzen Zeit nicht aus Alt-Antwerpen heraus-gekommen, und wenn ich noch acht Tage hier bleibenkönnte, so würde ich sie auch noch auf Alt-Antwerpenverwenden!" Was ist denn eigentlich dieses Alt-Ant-werpen? hören wir da erstaunt den einen und anderenLeser fragen. Wir wollen versuchen, diese sehr natürlicheund naheliegende Frage so kurz und treffend als möglichzu beantworten: Alt-Antwerpen ist die von dem Bau-meister Frans Van Kuyck entworfene und unter seinerOberleitung ausgeführte getreue Nachbildung eines Ant-werpeuer Stadtviertels aus dem Ende des 15. und An-fang des 16. Jahrhunderts. Nicht eine Nachbildung ,,snminiaturs", wie man sie schon öfters gesehen hat, son-dern in natürlicher Größe, mit wirklichen, bewohnbarenHäusern, mehreren Straßen und Gassen, einem großenNathhausplatze und einigen hundert Einwohnern in derTracht des 16. Jahrhunderts. Der Leser wird höchlichsterstaunt sein, wenn wir ihm mittheilen, daß dieses ganzeStadtviertel innerhalb weniger Monate mit einem Kosten-aufwande von nur 300,000 Frcs. erbaut wurde. Werdas nicht weiß und zum ersten Male durch die wunder-bar gelungene Nachbildung des im Jahre 1515 erbautenKipdorpthores Alt-Antwerpen betritt, der wird sicherglauben, sich in einer wirklichen, durch irgend ein Zauber-werk unverändert erhalten gebliebenen, mittelalterlichenStadt zu befinden. Das Mauerwerk der Häuser sieht aus,als habe es schon seit hundert Jahren den Unbilden dernordischen Witterung Trotz geboten, die äußeren Holz-verkleidungen scheinen von jahrzehntelangem Wechsel vonSonnenschein und Regen ihre Wetterbraune Farbe erhaltenzu haben, Thüren, Fenstergitter, Hausschilder und innereEinrichtung der Häuser passen bis in die kleinsten Ein-zelheiten zum Ganzen. Erst wenn man mit dem Stockgegen das alte Gemäuer klopft, merkt man an dem hohlenTone, daß es nicht echt, sondern aus Stoff, einer be-sonderen Art von HartgypS, hergestellt ist. Die Täuschungwurde aber eine so vollkommene, weil man durch Ab-

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