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güsse von wirklichem, altem Gemäuer Formen herstellte,aus denen die zu den Bauten verwendeten Blöcke gegossenwurden; auch die an den Bauwerken zur Verwendunggekommene Bildhauerarbeit wurde auf gleiche Weise her-gestellt, und durch geschickte Uebermalung wußte man denAnschein hohen Alters hervorzubringen. Wenn man zumKipdorperthor hereinkommt, dann führt geradeaus eineStraße zum Rathhausplatz, während sich links eine engere,überaus malerische Gasse zur alten Börse hinzieht. ZumRathhausplatz gehend, kommen wir am Hospiz vorbei,welches durch den Begijnhof von der Kirche getrennt ist,einem Meisterwerke altgothischer Baukunst, in deren In-nern! sich u. A. ein herrlicher, holzgeschnitzter Altar undeine äußerst werthvolle Orgel befinden; Gottesdienst darfin der Kirche nicht abgehalten werden. Der Chor derKirche, an dessen Außenseite nach damaliger Sitte einKalvarienberg angemalt ist, grenzt an den Rathhausplatz,zu dessen hervorragendsten Gebäulichkeiten das alte Rathhaus,ein von vier Eckthürmchen überragter, schloßartiger Bau,ferner das mit verschwenderischer Pracht gebaute und ein-gerichtete Schöffenhaus, die alte Schwimmhalle und dasTheater mit seiner nach dem Platze hin offenen Bühnegehören. Die übrigen Gebäude sind Patrizier- und Bürger-häuser, alle genau nach alten Plänen oder Gemäldenwiederaufgebaut. In den Erdgeschossen der Häuser vonAlt-Antwerpen befinden sich Lüden, Werkstätten, Wirth-schaften u. s. w., während die Stockwerke an reiche Ant-werpener Familien verbiethet sind. In den Wirthschaftentrinkt man aus wunderlich geformten Thonkrügen einnach mittelalterlicher Art gebrautes Bier, auch kann mandaselbst viel sonderbar zubereitete Speisen und Wurst-waaren essen, die dem Gaste auf riesigen Zinnschüsselnvorgesetzt werden. So streng ist die historische Treue durch-geführt, daß man in keiner einzigen Wirthschaft Streich-hölzchen findet, sondern überall auf den Tischen bren-nende Wachskerzen zum Anzünden der Thonpfeifen. Aufdem großen Theater werden zweimal wöchentlich und indem unter der Schranne befindlichen Marionettentheatertäglich Vorstellungen gegeben. Großartige Costümfeste,Turniere, Einzüge von Nhetorikerkammern u. s. w. werdenmehrmals im Lauf des Sommers mit besonderem Prunkin Alt-Antwerpen abgehalten werden.
Für Ihre Augsburger Leser mag es von Interessesein, daß die Laternen, Ampeln u. s. w., welche zur Be-leuchtung dienen, in zahlreichen alterthümlichen zeitgenös-sischen Typen von der Firma F. X. Küster er in Augs-burg auf Bestellung des Comites geliefert worden sind.
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Vom Hose Nafiolcon's III.
Paris, 20. Mai.
Der „Figaro" theilt heute einige Briefe mit, dieOctave Feuillet im Jahre 1862 an seine Fraugeschrieben. Der Verfasser des „Lloimienr äs Larnors"stand bekanntlich in hoher Gunst bei Napoleon HI. undbei der Kaiserin Eugenie. Er gehörte zum vertrautenFreundeskreise des kaiserlichen Paares. Die vom „Figaro"veröffentlichten Briefe schildern das intime Leben deskaiserlichen Hofes, wie es der Dichter beim Verweilenin den Tuilerien und in Fontainebleau mitgemacht. DieSchilderung ist im liebenswürdigen Plaudertone gehalten;die blutigen Nebel der Geschichte zerstreuen sich auf einenAugenblick vor den Worten des charmanten Erzählers,
und man blickt in ein höfisches Idyll voll Heiterkeit undAnmuth. Die Publikation des „Figaro" hängt mög-licherweise auch mit dem neuen Napoleon-Kultus zusam-men; die geheimnißvollen Regisseure desselben wollenvielleicht, nachdem so viel von dem großen Ohm die Redegewesen, nunmehr auch den Neffen in einer sympathischenBeleuchtung zeigen. Immerhin wird man mit Interesseein Bruchstück aus dieser Korrespondenz lesen.
Zwei der Briefe erzählen von Ausflügen, dieunter der Führung der Kaiserin nach den Felsen imWalde von Fontainebleau unternommen wurden. Beider ersten Expedition war es sehr lustig zugegangen, dochhatte es keine besonderen Abenteuer gegeben. „Freilich",so schreibt Feuillet, „hatte dieser erste Ausflug einigeverstauchte und vertretene Füße zur Folge, über die mansich zwar nicht zu beklagen wagte, die aber allgemeinden Wunsch nach Vertagung jedes analogen Festes her-vorriefen. Die Kaiserin aber wurde von ihren Nichtengequält, sie solle doch eine abermalige Expedition veran-lassen, und das that sie denn auch eines Tages. Es hatteden ganzen Morgen geregnet, und als man in die Wagenstieg, sah der Himmel furchtbar bedrohlich aus. Aberwas thut das? Ihre kaiserliche Majestät schreckt vor nichtszurück. Sie wirft sogar einen tragischen Blick auf Diejenigen,welche aussehen, als bedauerten sie, daß die Wagen nichtgeschlossen seien. Man fährt ab. Ich saß auf der erstenBank des zweiten Wagens, neben den Damen Nebelund Le Breton. Auch war der italienische BotschafterNigra mit von der Partie, und für den Abend wurdender englische Botschafter und der Minister des Auswär-tigen, Lord Stanley zum Diner erwartet, dessen Beginnauf ein Viertel vor Sieben angesetzt war. Der Himmelwurde immer schwärzer, und nachdem die Spazierfahrtbereits länger als eine Stunde gedauert hatte, begannenwir uns mit der Hoffnung zu schmeicheln, daß die Kaiserin,die in eine Unterhaltung mit Nigra vertieft war, dieFelsen vergessen habe, um so mehr, als die zu einerKletterpartie nöthige Zeit uns zu mangeln schien. Wäh-rend wir uns so unsern Illusionen hingeben, beginnt derRegen in Strömen niederzuziehen. Wir spannen unseregroßen Regenschirme auf und befinden uns da drunterrecht gemüthlich. Bald hält der Wagen der Kaiserinunter einem dichtbelaubten Baume still, um einen Schutzvor dem Regen zu suchen. Die Kaiserin ruft zu unshinüber: „Glauben Sie, daß das noch lange dauernwird?" Man schüttelt bedenklich den Kopf, um anzu-deuten, daß die Situation wenig Aussicht auf Besserunggewähre. Madame Le Breton zieht ihre Uhr und bemerktschüchtern: „Ich möchte Ihrer Majestät zu bedenken geben,daß es fünf Uhr ist, daß wir eine Stunde gebrauchthaben, um hierherzukommen, und daß das Diner fürdreiviertel auf Sieben angesetzt ist." Worauf die Kai-serin unverzüglich aus dem Wagen steigt: „Wir habenalso keine Zeit zu verlieren, setzen wir uns in Marsch."Und man setzt sich in Marsch nach den Felsen hin undschaut die arme Madame Le Breton an, welche die Kata-strophe nur beschleunigt hat.
„Es gießt. Die Regenschirme bleiben in den Wagenzurück, und die Kletterei beginnt über die triefendenFelsen, das hohe Gras und das vom Regen durchtränkteGebüsch.' In wenigen Minuten haben die Anzügeund die Kleider kein menschliches Aussehen mehr. DieHüte sind in Dachtraufen verwandelt, an den Schuhenklebt der Schlamm, die Handschuhe werden zu Marmelade