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Ireilag, den 3. August
1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr).
Im Sänne alter Schuld.
(Fortsetzung.)
Eine Viertelstunde verstrich — eine halbe Stunde.Endlich vernahm er wieder Schritte vorn Hause her.Er stand auf und erblickte Felicitas. Sie kam nicht elasti-schen Ganges daher, der ihr sonst eigen war, sondernlangsam und zögernd. Als sie sich mehr genähert hatte,bemerkte er, daß ihr Antlitz todtenbleich war und ihreAugen in Thränen schwammen. Tief erschrocken, schlangWolfgang den Arm um sie und zog sie in die Laube.Er drückte sie an seine Brust und fragte sie angstvoll,was geschehen sei. Aber während er seine Frage mehrereMale wiederholte, verbarg Felicitas fortwährend ihr Ant-litz an seiner Brust und konnte vor Schluchzen nichtsprechen. Endlich brachte sie die Worte hervor: „Es istalles aus, Wolsgangl Ich kann nie die Ihrige werden.Wir dürfen uns nicht mehr sehen!"
„Gott im Himmel! Was soll das heißen, Felici-tas?" rief der Baron. „Wogegen kann Ihr Vater Ein-wendungen machen? Was kann er auszusetzen haben anmir, meinem Stande, meinem Vermögen?"
„Es ist nichts von alledem, Wolfgang!" betheuerteFelicitas.
„Nun, was ist es denn?" rief Wolfgang.
Sie antwortete nur durch ein trostloses Kopf-schütteln.
„Felicitas! Sie haben sich mir verlobt, und nimmerwerde ich meinen Anspruch auf Sie aufgeben. WennSie mich lieben, wenn Sie mich je geliebt haben, sowerden Sie mich M dieser schrecklichen Prüfungs-stunde nicht verlassen. Felicitas! Sie müssen die Meinigewerden, auf alle Gefahren hin und ohne die Einwillig-ung Ihres Vaters, wenn er seine Zustimmung auf nichts-sagende Gründe hin versagt. Sie haben nicht das Recht,sich zum Mittel zu machen, um mein Herz mit Füßenzu treten, meine ganze Zukunft der Verzweiflung zuweihen, mich einen Augenblick auf die höchste Höhe desGlückes zu erheben, um mich dann für immer elend zumachen."
Er hatte sie während dieser Worte fester an seineBrust gepreßt, aber Felicitas machte sich aus seinen Ar-men los, nur ihre Hand in der seinigen lassend.
„Es sind Umstände vorhanden," antwortete sie,welche es mir unmöglich machen, Ihnen meine Hand zu
geben, wollte ich auch meine Kindespflicht gegen meinenVater vergessen. Oh, Wolfgang l" rief sie unter einemerneuten Thränenstrome, „Sie werden mich hassen, Siewerden den Tag, wo Sie mich zum ersten Male sahen,als den unglücklichsten Ihres Lebens verwünschen —und dieser Gedanke ist für mich schwerer zu ertragen,als alles Andere!"
Verwirrt und schweigend starrte Wolfgang sie an.
„Was meinen Sie damit, Felicitas?" fragte erendlich. „Oh, denken Sie an die Verantwortung, dieSie auf Ihr Haupt laden! Bedenken Sie, Felicitas,Sie zerstören nicht nur anf immer mein Glück undmeinen Frieden, sondern Sie treiben mich hin zum Laster,zur Sünde, vielleicht zum Verbrechen! Sie stürzen michin jenen Strudel der wilden Genußsucht, welcher dieeinzige Zuflucht für hoffnungslose und glaubenslose Ver-zweiflung ist. Felicitas! Sie wollen sich einem Andernvermählen!"
„Niemals! niemals!" rief Felicitas heftig. „Ichrufe Gott zum Zeugen an, daß kein Beweggrund aufder Welt mich je vermögen soll, meine Hand einem an-dern Manne zu geben; daß ich Sie, theurer Wolfgang,immer lieben werde, bis zur letzten Stunde meines Lebens.Dagegen verlange ich von Ihnen nichts, als daß Siesich bestreben sollen, nie hart über Ihre arme Lizzi zuurtheilen und ihr eine Schuld aufzubürden, wo Ihnenihre Handlungsweise unbegreiflich erscheinen mag. WennSie mich je aufrichtig und wahrhaft geliebt haben, Wolfgang,so ehren Sie mein Gedächtniß dadurch, daß Sie stand-haft an all den edlen und hochsinnigen Grundsätzen fest-halten, die Sie in meinen Augen mit einer Glorie be-kleidet haben, welche in meiner Erinnerung von demBilde des einzigen Mannes, den ich je geliebt, unzer-trennlich ist. Lassen Sie mich auch hören, daß Sieglücklich sind, — so glücklich wenigstens, als die Um-stände eS erlauben. Ja, Wolfgang," fügte sie hinzu,beide Hände sanft auf seinen Arm legend, „glücklich mit einerAndern, die Sie vielleicht ebenso innig liebt, wie ich.O, Wolfgang, Sie sind ganz der Mann, Glück zu gebenund zu empfangen. Tag und Nacht will ich zu Gottflehen, daß dies Ihr Loos sein möge!"
Wolfgang barg sein Angesicht in den Händen, umdie schrecklichen verworrenen Bilder von sich abzuwehren,die ihn wie eine Vision seiner Zukunft umschwebten.
„Felicitas," fragte er nach einem langen Schwei-gen, „wird mir das unübersteigliche Hinderniß, welches