Ausgabe 
(3.8.1894) 63
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uns von einander trennt, stets ein Geheimniß bleiben?"Niemals darf nur ein Wort davon über meineLippen kommen," sagte Felicitas feierlich.Und nun lebenSie wohl für immer!"

Sie sprach dies mit leiser, gebrochener Stimme, wiedie letzten Worte einer Sterbenden.

Wolfgang drückte sie mit wildem Ungestüm nocheinmal an seine Brust. Dann erleichterte ein Thränen-strom sein zerfleischtes Herz; er küßte sie wieder undimmer wieder mit einem wahnsinnigen Schmerz, wie ihnnur derjenige kennt, welcher weiß, was es heißt, sichauf immer von dem Liebsten und Theuersten auf derWelt trennen zu müssen. Felicitas weinte schweigend.Noch einmal flüsterte sie:Leb' wohll" Dann riß siesich von ihm los und eilte weg.

LXX.

Die Sonne war hinabgesunken. Von Süden herzog eine schwarze Wetterwand am Himmel herauf, inwelcher sich weißlich-graue, schweflige Wolken bargen.Wer um diese Zeit unterwegs war, der hätte wohl Ur-sache gehabt, besorgte Blicke nach dem finster zusammen-geballten Gewölk zu werfen, aber der Reiter, welcher aufder einsamen Landstraße dahintrabte, kümmerte sich nichtdarum.

Das sonst so frische und strahlende Antlitz Wolf-gang's, dem wir eben auf seinem traurigen Heimwegebegegnen, war blaß und bekümmert, getäuschte Hoffnungund tiefes leidenschaftliches Brüten hatten seiner Stirndas Siegel reiferen Lebens aufgedrückt; in wenigenStunden schien er um Jahre gealtert.

Immerzu ritt er durch die einsamen Fluren, welchesich tiefer und tiefer in Finsterniß hüllten. In langen,schweren Stößen begann der Wind zu heulen. DerHimmel öffnete sich flammend, und auf Augenblicke blitztedie Landschaft tageshcll aus der Nacht hervor, der Bodenerzitterte unter betäubenden Donnerschlägen, und in dickenStrömen rauschte der Regen herab. Der Reiter hieltzuweilen an, um sich in der Finsterniß zu orientiren,..w dann schüttelte er den Kopf, denn mehr und mehrgewann er die Ueberzeugung, daß er, nur immer mitseinen qualvollen Gedanken beschäftigt, des Weges nichtgeachtet und bei irgend einer Kreuzung die falsche Straßeeingeschlagen hatte.

Da tauchte plötzlich im violetten Lichte eines Blitz-strahls dicht an der Straße ein niederes längliches Ge-bäude auf. So viel Wolfgang in der flüchtigen Be-leuchtung unterscheiden konnte, war es eine Art Schup-pen, dessen ihm zugekehrte Seite offen lag. Er stiegvom Pferde und führte dasselbe in den finsteren Raum.Da erschien plötzlich am anderen Ende des Schuppensein Lichtstreifen, und in dem Zwischenraum einer sichöffnenden Thür zeigten sich die dunklen Umrisse einermenschlichen Gestalt.

Bist Du da, Paul?" rief sie in den finsterenRaum hinein. Wolfgang schritt auf die Stelle zu.Allem Anschein nach befand er sich in einer verlassenen,im Verfall begriffenen Ziegelscheune; das Licht drangaus einem durch eine Thüre verwahrten Bretterverschlag.Vor Wolfgang stand eine alte, wohl fast siebzigjährigeFrau mit schneeweißem Scheitel, in dürftiger, aber sau-berer Kleidung. Sie hielt ein Licht in der Hand, wel-ches in dem theilweise abgebrochenen Halse einer Flaschesteckte.

Es ist nicht Paul," sagte Wolfgang, indem erder erschrocken zurückweichenden Frau in den Verschlagfolgte,ich habe mit meinem Pferde hier nur Obdachgegen das Unwetter gesucht."

Die Alte starrte ihm eine geraume Weile sprachlosin's Gesicht und musterte ihn dann von Kopf bis zu Fuß.

Nein, nein," murmelte sie wie im Selbstgespräch,es ist keiner von ihnen; sie können die Kleider einesvornehmen Herrn anziehen, aber sie sehen doch nie wieein solcher aus. Nein, nein, es ist kein Häscher."

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre undein Mann von riesenhohem Wüchse trat ein, eine vomRegen triefende Decke um die Schultern geschlungen.Mit finsterem Blicke betrachtete er Wolfgang.

Wer sind Sie und was wollen Sie hier?" fragteer in drohendem Tone.

Ich suche nur Unterkunft gegen den Regen," ant-wortete Wolfgang,ich wollte nach dem Villenhofe undhabe den Weg verloren."

Nach dem Villenhofe?" griff die alte Frau dasWort auf und trat dicht an Wolfgang heran, um ihmabermals in's Gesicht zu blicken.Dann sind Sie wohlein Sohn des Barons von Sturen? Ja, ja, Sie sehenihm sehr ähnlich; auch von Ihrer Mutter haben Sieetwas, aber Sie gleichen mehr Ihrem Vater."

So kannten Sie also meine Eltern?" fragteWolfgang.

Ja, ich kannte beide gut; aber es ist jetzt zwan-zig lange Jahre her, daß ich sie zuletzt sah. LebenIhre Eltern noch?"

Nein, sie sind beide todt."

Von dem Antlitz des riesenhaften Mannes war,wahrend er dem Gespräche zuhörte, der drohende Aus-druck verschwunden.

Sie erinnern sich meiner wohl nicht, Herr Baron?"fragte er.Wir haben uns allerdings nur ein einzigesMal gesehen."

Es war in Moses Nathansohn's Hinterstübchen,"sagte Wolfgang, welcher Gestalt und Physiognomie desMannes schon vorher wiedererkannt hatte,und wennmein Gedächtniß mich nicht täuscht, so ist Ihr NameRölling."

Der Niese legte bedeutsam seinen Finger um denMund.

Ich habe volles Vertrauen zu Ihnen, Herr Baron,"sagte er,denn ich kenne gewisse Personen, an denen Siesehr edel gehandelt haben. Aber ich bitte Sie, nieman-dem zu verrathen, daß Sie mich hier gesehen haben.Die Spürhunde sind hinter mir her wegen eines kleinenStreiches, den ich vor einiger Zeit verübte, und ich ge-denke daher eine Reise über das Meer zu machen."

Seien Sie versichert, daß ich nicht den Verrätherspielen werde," versetzte Wolfgang, welcher sich nach denVermuthungen, die er schon früher über das Gewerbedieses Mannes gehegt, durch dessen dunkle Anspielungkaum überrascht fühlte.Ich mag nicht fragen, HerrRölling, was Sie sich haben zu Schulden kommen lassen,aber ich kann nicht umhin, Ihnen mein Bedauern aus-zudrücken, daß Sie auf ebenso schlimmen als gefähr-lichen Wegen wandeln. Es liegt so manches in IhremWesen, was mich sympathisch berührt, so daß es mirschwer fällt, Sie zu den unrettbar Verlorenen der mensch-lichen Gesellschaft zu zählen. Wenn Sie Ihre Fluchtüber das Meer glücklich bewerkstelligt haben, so denken

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