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Sie an weine Worte und versuchen Sie, in einer neuenWelt ein neues Leben anzufangen."
„Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, HerrBaron," erwiderte Rölling, „aber die sogenannte guteGesellschaft gestattet niemandem besser zu werden. Glau-ben Sie mir, was die Hälfte aller Verbrecher in'S Un-glück stürzt, ist Mangel an Hoffnung. Das letzte Rest-chen Hoffnung würde Unsereinen gar oft wieder zum ehr-lichen Manne machen, aber haben wir einmal einen Fehl-tritt begangen, so gibt eS für uns nichts mehr zu ge-winnen, wenn wir auch stehen bleiben. Nun, ich habeeinige Aufmunterung von Ihnen erhalten, und wenn ichdiesmal glücklich durchkomme, so will ich mein Möglichstesthun, Ihren wohlmeinenden Rath zu befolgen."
„Ich hoffe beideS für Sie, Herr Rölling," ent-gegnete der Baron, „denn es steckt in Ihnen ein guterKem, wie ich glaube. Doch das Unwetter draußen hataufgehört, und ich könnte nun am Ende meinen Wegfortsetzen."
„Dann werde ich Sie soweit begleiten, bis Sieselbst nach dem Villenhofe finden können," erbot sichRölling, „denn ich kenne hier alle Wege und Stege genau."
Der Baron nahm das Anerbieten dankbar an. Erwünschte der alten Frau freundlich gute Nacht und holtesein Pferd, welches ihm von Rölling abgenommen undam Zügel geführt wurde, da der einzuschlagende Wegdas Reiten sehr erschwert hätte.
Der Aufruhr der Elemente draußen hatte sich be-ruhigt. Der Regen fiel fast nur noch in vereinzeltenTropfen.
Während die Beiden schweigend Nebeneinander her-gingen, bedauerte der Baron im Stillen, daß die Acht-ung vor dem Gesetz ihm verbot, nur im mindesten dieFlucht eines Mannes zu begünstigen, bei welchem ereine Neigung zur Reue zu sehen glaubte. Aber er dachtenach, wie er in anderer Weise etwas für ihn thun könne.
„Herr Baron," sagte Rölling unterwegs, „ich weiß,daß Sie Beziehungen zu einem jungen Manne NamensRettberg gehabt haben. Wie es scheint, ist er nichtmehr in Berlin . Wissen Sie vielleicht zufällig, wie esihm geht?"
„Er hält sich gegenwärtig bei dem GutsbesitzerTeßner in Göllnitz auf," antwortete der Baron, peinlichberührt, den Namen des Mannes aussprechen zu müssen,der den seligen Traum seiner Zukunft vernichtet hatte.
„Hai " rief Rölling, indem er sich vor die Stirneschlug, „dann ist es dieser Bube, der mich verrathenhat! Was hätte er sonst mit dem alten Schuft zu thun?"
„Soviel ich weiß," entgegnete Wolfgang, „verkehrtRettberg mit dem Besitzer von Göllnitz in einer Ge-schäftsangelegenheit; eS handelt sich um eine bedeutendeErbschaft, zu welcher der ehemalige Advokat dem jungenMann verhelfen will."
Rölling schien beruhigt. „Dann soll Rettberg sichin Acht nehmen," bemerkte er. „Auch mir hat der alteHalsabschneider einmal zu einer Erbschaft verhelfenwollen. Das Ende vom Liede war, daß er mich in'sbitterste Elend stürzte. Alles, was ich geworden bin,hat er allein auf dem Gewissen. Doch ich will die altetraurige Geschichte nicht aufrühren; es macht mich ganzwild!" —
Nach einiger Zeit vereinigte sich der schmale Feld-weg, auf welchem man bisher dahin geschritten war, miteiner Fahrstraße. „Das ist Ihr Weg, Herr Baron,"
sagte Rölling stehen bleibend. „Wenn Sie denselbenverfolgen, so kommen Sie an einen Bach, worüber eineBrücke führt; hinter dieser scheidet sich die Straße. Siebrauchen nur die Richtung nach links einzuschlagen, soerreichen Sie den Villenhof."
„Ich danke Ihnen," sagte Wolfgang. „Doch nochein Wort, Herr Rölling. Ich vermuthe, die alte Frau,die Sie bei sich haben, ist Ihre Mutter."
„Ja, Herr Baron . Sie ist von dort hergekommen,wo ich nun selbst mein Glück probiren will, und nach-dem wir einander längst für todt gehalten, fanden wiruns in dem unglückseligen Augenblicke, wo ich vor denHäschern die Flucht ergreifen mußte. Aber sie wolltemich in der Gefahr nicht verlassen und hat mich inmeinen Schlupfwinkel begleitet, wo ich augenblicklich vorVerfolgung sicher zu sein glaube."
„Für Sie selbst, Herr Rölling, kann ich leider nichtsthun," erwiderte Wolfgang, „aber Ihrer Mutter bieteich ein Obdach auf meiner Besitzung an. In der Nähedes VillenhofeS habe ich ein leeres Häuschen, welchesich ihr wohnlich einrichten lassen will. Dort kann siebleiben, so lange sie lebt. Ich werde sofort die nöthi-gen Befehle geben, und wenn Ihre Mutter sich morgenauf dem Villenhofe meldet, soll sie ihr neues Heim zuihrer Aufnahme bereit finden."
Rölling antwortete nichts. Er drückte dem Baronnur schweigend die Hand und führte sie ehrerbietig anseine Lippen. So schieden beide.
(Fortsetzung folgt.)
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SaiZner a dllmo.
Ein Gedenkölatt zum 27. und 28. Juli 1794.
Von Frhrn. v. R.
(Schluß.)
Die Hinrichtung Dantons und seiner Gefährten schlugdem Schreckensregiment die erste, unheilbare Wunde. Derblutgetränkte Radikalismus getroffen von seinen eigenenRepräsentanten! Der Tyrann hatte die Konsequenzen desGleichheitsprincips gezogen, und sein Arm reichte in dieVerstecke der Aristokraten wie in die Versammlungsräumedes geschworenen KönigSmordes. Die Jakobiner erkannten,daß auch sie nicht mehr sicher seien, und rüsteten sich zurAbwehr. In diese Zeit fallen die Anfänge der gegen dasLeben Nobespierre's gerichteten Verschwörung, dann jenebekannten, in fürchterlich steigender Progression massen-haft vorgenommenen Exekutionen. Die Revolution nähertesich ihrem Zenith. Ein Vlutstrom von ungeahnter Heftig-keit ergießt sich über Frankreich . Das Leben sinkt imWerthe wie eine Waare, nach welcher nicht mehr gefragtist. Die Revolutionsausschüsse werden vermehrt/) Nevo-lutionstribunale in allen Städten des Reiches errichtet,die Guillotine wird in Permanenz erklärt. Das Mordbeilarbeitet Tag für Tag?) und was unter der Hand des
') Es waren deren im ganzen Umfange der Republik 50,000beschäftigt und kosteten nach Cambon's Berechnung jährlich 591Millionen 300,000 LivreS.
') Collot d'HerboiS , der ehemalige Schauspieler, hatte alsCommissär des Konvents die gegen Lyon ausgesprochene Achtzu vollziehen. Er läßt die Einwohner zu Tausenden mit Kar-tätschen niederschmettern. Deßgleichen wüthete Carrier in Nantes ,wo Kinder von 6—14 Jahren und selbst Säuglinge guillotinierwurden. Tausende von Männern und Frauen, zusannnenge-bundcn und republikanische Ehen genannt, wurden in der Loire ertränkt.