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Henkers nicht verendet, wird erschlagen, niedergeschossen,ersäuft in den Aufständen des Südens und der Vendee ,wo Konventsdeputirte die Beschlüsse des Wohlfahrtsaus-schusses vollziehen und im Namen der Freiheit, Gleichheitund Brüderlichkeit dem dreieinigen Nevolutionsgötzen Heka-tombe auf Hekatombe häufen. Und inmitten all dieserGräuel, wo die Nation durch ein Uebermaß von Jammerund Elend in einen Zustand dumpfer Verzweiflung ver-sank, jeder Widerstand aufhörte, dekretirte der Konventauf Nobespierres Vorschlag den „Glauben" an die Exi-stenz eines höchsten Wesens und an die Unsterblichkeit derSeele. Der blutbespritzte Hypokrit, der das Vertilgungs-system inaugurirte, Frankreich in ein Schlachthaus ver-wandelte, hatte über Menschenglück und Menschenrechtegesprochen, welchen Deductionen die Versammlung indüsterem Schweigen gefolgt war. Am 8. Juni wurde dasFest des höchsten Wesens gefeiert, bei welche« Robes-pierre als der Hohepriester einer neugeschaffenen antichrist-lichen Religion figurirte, um die Huldigung einer zahl-losen Menschenmenge entgegenzunehmen. Der Pariser Pöbel, gelangweilt von den täglich sich wiederholendenMasseuhinrichtungen, verlangte nach anderen Schaustellun-gen, die ihm jetzt geboten und von dem ersten Acteur desLandes meisterhaft in Scene gesetzt wurden. Das dank-bare Auditorium beklatschte die schwülstigen Tiraden seinesLieblings, brüllte die Hymne an das höchste Wesen undverlief sich dann, um nach weiteren Zerstreuungen zusuchen. Und damit wäre die ganze Sache abgethan ge-wesen. Aber die Farce barg für ihren Urheber eine nichtzu unterschätzende Gefahr. Etwas bisher ganz Unerhörteshatte sich ereignet. Drohende Zurufe gegen Nobespierrewaren aus den Reihen des ihn umgebenden Konventsvernehmbar geworden. An diesem Tage begann die Zu-versicht des Despoten zu schwinden, das Vertrauen in denBestand seiner Macht zu wanken. Die Opposition, welchesich gegen ihren Herrn gebildet hatte, rang mit diesemum Freiheit und Leben, sie verfiel dem Henker, wenn sieim Kampfe besiegt war. Es waren Mitglieder des Berges,die sich wider Robespierre stellten, Freunde des Hinge-richteten Danton, und von jenem am meisten gefürchtet.Am Tage nach dem Feste erschien Nobespierre im Wohl-fahrtsausschuß und verlangte, daß dieser im Konvent einAnklagedekret gegen die Dantouisten beantrage. AberMlland-Varennes, Collot d'Herbois und Andere fürchteten,daß, wenn sie abermals Deputirte preisgäben, schließlichsie selbst an die Reihe kommen könnten, Bedenken, welchedurch die seither gemachten Erfahrungen vollkommen ge-rechtfertigt wurden. Nobespierre errieth alsbald derenBeweggründe, aus welchen ihm gefährliche Gegner er-wachsen mußten, und beschloß den Untergang seiner Kol-legen. Um zum Ziele zu gelangen, sing er an, die Sitz-ungen des Ausschusses zu meiden, als ob seine Abwesen-heit allein genügte, dessen Beschlüsse in Mißkredit zubringen. Er hatte aber schlecht gerechnet. Denn als dieAusschußmitglieder ihn nicht mehr sahen, hörten sie auchauf, ihn zu fürchten, und ergaben sich Collot d'Herboisund Billaud-Varennes , die jetzt auch den zweiten Aus-schuß des Konvents, jenen der öffentlichen Sicherheit, be-stimmten, sich Nobespierre's Einfluß zu entziehen.
Während dessen dauerten die Hinrichtungen ununter-brochen fort. Auf dem Revolutionsplatze in Paris , wodie furchtbare Maschine fuuctiontrte, war der Boden vondem entströmenden Lebenssäfte schlüpferig, der Blutgeruchunerträglich geworden. Der Standort der Guillotine
mußte verlegt, und in der Vorstadt St. Antoine, wohinsie gebracht worden war, mußte das Blut durch einenKanal abgeleitet werden. Gleichwohl wurde über zu lang-same Justiz geklagt und das Revolutionstribunal, dessenGewissenlosigkeit und Grausamkeit notorisch war, für denEntgang der noch fehlenden Millionen ^) mit seinem Lebenverantwortlich gemacht. Vadier sagte: „Wir müssen eineMauer von Köpfen zwischen uns und dem Volke errichten."Billaud-Varennes sprach: „Das Nevolutions-Tribunalglaubt genug zu thun, wenn es täglich 60—80 Köpfefallen läßt. Eine Zahl, welche fast immer gleich ist, flößtkeine Furcht mehr ein; man gewöhnt sich daran, manmuß sie verdoppeln, dann wieder erhöhen." „Wie schwachihr zu Paris seid," rief Collot d'Herbois aus, „man siehtwohl die Verweichlichung einer großen Hauptstadt l Könntihr eure Ohren denn nicht an den Kanonendonner ge-wöhnend) Die Feinde des Vaterlandes zu köpfen, zeugtvon Furchtsamkeit, ihr müßt sie zerschmettern, ich habees hundertmal gesagt!" Also kam man überein, die Zahlder Verurtheilten einstweilen zu verdoppeln und siewenigstens auf 150 täglich zu bringen. Von nun ankannte das aus Männern von der Wahl Nobespierre'sbestehende Revolutionstribunal keine Freisprechung mehr?)Die Gefängnisse der Hauptstadt waren mit Verhaftetenüberfüllt. Um sie zu entleeren, wurden täglich 150 bis160 Personen vor das Tribunal geführt und alle ohneBedenken zum Tode verurtheilt. Die Jury, die Personi-fication des Nationalgewissens, lag während der Ver-handlung oft gähnend auf den Bänken und verdammtenach geendigten Debatten, bet welchen übrigens nur An-kläger und Belastungszeugen gehört wurden, ebenso hand-werksmäßig, als der Scharfrichter guillotinirte. Die ver-brecherische Leichtfertigkeit, mit welcher Richter und Ge-schworene verfuhren, spottete aller Beschreibung. Es er-eignete sich nicht selten, daß Personen vor das Tribunalgefordert wurden, welche schon längst guillotinirt waren.Ebenso war es den Gerichtsboten überlassen, welche Per-sonen sie mitnehmen wollten. Die Physiognomie der so-genannten Verdächtigen, und -verdächtig war Alles, wassich von den Sanscülotten in irgend welcher Weise unter-schied, war genau bestimmt worden. Die Sicherheits-karten, welche dem Inhaber derselben den Nachweis seinesrevolutionären Bürgersinnes ermöglichen sollten, hattenjetzt ihren Werth verloren. Man wurde von allen Seitenangefallen, um Rechenschaft über seinen Civismus abzu-legen. Furcht vor den Polizeiagenten verwandelte alleöffentlichen Plätze in Einöden. Jeder ruhige, besondersaber jeder begüterte Bürger bestellte täglich sein HauSin der Voraussetzung, die nächste Nacht verhaftet zu werden.Man hatte mit dem Leben abgeschlossen und glaubte, daßnur ein glücklicher Zufall Rettung bringen konnte. Dennin dem kurzen Zeitraume von wenigen Monaten endetenin PariS allein 13,700 Personen, darunter 3400 Frauenund Jungfrauen, auf dem Blutgerüste.
Es ist wohl mit gutem Grunde anzunehmen, daß,wenn die Sicherheit der Schreckensmänner nicht selbst be-droht gewesen wäre, die Hinrichtungen auf unberechen-
Nobespierre beabsichtigte, Frankreich auf ein Fünfttheilseiner Einwohner zurückzuführen.
Eine Anspielung auf seine Lyoner Füsilladen.
°) Richter und Geschworene waren aus dem Abschaum derGesellschaft zusammengesetzt. Einige waren bald nach ihrer Ent-lassung von den Galeeren ToulonS auf die Nichterbank gelangt,Andere hatten während der Septembermorde ihr Verbrecherthumdokumentirt.