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bare Zeit hinaus ihren Fortgang genommen haben wür-den. Denn nach dem Tode ihres Zwtngherrn, als dieihnen gemeinschaftlich drohende Gefahr vorübergezogenwar, versuchten sie alsbald wieder den Terrorismus zuerneuern und bekämpften alle Maßregeln, welche einehumanere Gestaltung der revolutionären Zustände herbei-führen konnten.
Nobespierre, welcher von der wider ihn in Ganggebrachten Verschwörung wohl unterrichtet war, glaubtedas Gewitter durch die Macht der Rede im Konventeallein beschwichtigen zu können und wies alle Rathschläge,welche persönlichen Muth voraussetzten, scheu zurück.Seine Freunde riethen ihm, die Truppen Henriot's, desKommandanten von Paris , der Nobespierre ergeben war,nach dem Konvente zu beordern, die Ausgänge desSitzungssaales besetzen und die Mitglieder beider Aus-schüsse als Volksverräther im Namen des Gesetzes ver-haften zu lassen. Dieser Vorschlag, der Nobespierre ge-rettet haben würde, machte ihn erblassen. Er verlor denKopf, wenn er persönlich handeln sollte. Hatte er sichdoch den 20. Juni und 10. August verkrochen, und jetztwagte er es nicht, sich an einem Tage zu zeigen, anwelchem er das Ziel seiner Wünsche erreichen, sich dieDictatur erkämpfen sollte °).
Der Konvent kam den 9. Thermidor — 27. Juli
— um die gewöhnliche Stunde zusammen. Nobespierrebemerkte, daß die Mäuner des Berges noch nie so ent-schlossen und drohend ausgesehen hatten, wie heute. IhreReihen sind gedrängt, dicht, geschlossen, aber seine Bank
— ist leer, verlassen, von Allen gemieden. Seine Gegnersind übereingekommen, mit ihrem Angriff auf ein verab-redetes Zeichen zu warten. Dieses Zeichen wurde gegeben,als St.-Just, der Vertraute Nobespierre's/) das Wortergriff, um dem häufig wiederkehrenden Gerüchte übereine Spaltung im Schooße des Wohlfahrtsausschussesentgegen zu treten. Weit kam der Redner nicht, dennschon stand Tallien , Nobespierre's böser Dämon, uebenihm, drängte ihn von der Tribüne, und indem er sichgegen den Gefürchteten wandte, entfesselte er in der Ver-sammlung einen Beifallssturm, wie er noch niemals imKonventsaale gehört worden war. „Schlagen wir mitfestem Arme zu," rief er aus. „Laßt uns bis auf dieBänke des Nevolutionstribunals, bis in die Schreibstubender Jakobiner, in die des Gemeinderaths ihn und seinenaus Spitzbuben und Verbrechern bestehenden Anhang ver-folgen! Laßt uns endlich so vielen feigen Angriffen aufdie Menschheit und ihre heiligen Rechte ein Ziel setzen! ^)Ueber was rann sich denn der Tyrann beklagen? Kommter nicht durch die von ihm selbst geschmiedeten Waffenum, von denen er einen so fürchterlichen Gebrauch wideruns gemacht hat? Haltet ihn fest, er würde uns Allevernichten, wenn man ihn frei von hinnen ließe!" Tallien schien eine absolute Gewalt auf die ganze Versammlungerlangt zu haben. Der Berg erhob sich mit einem Male,um Nobespierre's Verhaftung zu verlangen. Dieser, vonseiner Betäubung, in welche ihn Tallien's Angriff ver-
b) Als man Nobespierre gerathen hatte, sich der TruppenWillen manchmal zu P-erds zu zeigen, wollte er reiten lernen,mußte aber vie Uebungen bald wieder einstellen, da er sich derFurcht vor diesen Thieren nicht zu entledigen vermochte.
') St.-Just, vordem Marquis von Fontinvtlle, Mitglieddes Wohlfahrtsausschusses, hatte mit Couthon und Lebas zuNobespierre gehalten.
b) Tallien hatte selbst diesen heiligen Rechten, zumal alsöffentlicher Ankläger beim Revolutionstribunal, Hohn gesprochen.
setzte, zurückgekommen, versuchte nun alles Mögliche, umzum Worte zu kommen. Aber „nieder mit dem Tyrannen"scholl es durch den Saal, und die Tribünen hallten bei-fällig wieder. Nobespierre's schneidende, gellende Stimmedurchdrang die donnernden, brüllenden Stimmen seinerFeinde. Bald erkletterte er die Neduerbühne, bald stieger auf den Stuhl des Präsidenten.^) Dieser blieb taubfür sein Geschrei. Nun entspann sich ein fortwährenderKampf zwischen der Klingel des Präsidenten und Nobes-pierre's Stimme. In Verzweiflung suchte er mit glühen-den Blicken Diejenigen, welche ihm im Glücke am meistengeschmeichelt hatten. Umsonst! „Zum letzten Male, Prä-sident der Meuchelmörder," schrie er jetzt, „verlange ichdas Wort!" Die Klingel antwortete ihm abermals. Jetztänderte Nobespierre seinen Plan und stürzte nach denBänken, wo Vergniaud's Freunde sitzen. „Wir müssen,"rief er ihnen zu, „einander gegen die gemeinschaftlichenFeinde unterstützen, die seit langer Zeit Euren Tod ge-schworen haben und nun den meinigen verlangen!" „Zu-rück von diesen Bänken," erwiderte ihm Ferrand, „Dubesudelst sie durch Deine Gegenwart. Vergniand undCondorcet saßen hier." ") Nobespierre fängt nun aber-mals den Kampf mit des Präsidenten Klingel an. Aberschon versagt ihm die Stimme. „Man will mich morden,"keucht er. „Hast Du den Tod nicht etwa verdient, tausend-fach verdient?" antwortet man ihm. Noch immer will ersich Gehör verschaffen. Aber man reißt ihn zurück, undGarnier, welcher bemerkt, daß seine Stimme sich ver-ändert hat, schreit ihm zu: „Das ist Dantons Blut, dasin Deinem Rachen zusammenströmt und Deine Spracheerstickt!" Er heult und droht, vcrzweiflungsvoll wirft ersich auf die Bänke, dann springt er wieder auf. DerMund schäumt, Rache blitzt ihm aus den Augen. DieAbstimmung über seine Verhaftung machte dieser fürchter-lichen Scene ein Ende. Dieselbe wurde bis auf sechsStimmen einstimmig unter dem Rufe „Es lebe die Re-publik" angenommen. „Die Republik!" kreischte Robes-pierre , „es gibt keine mehr, die Spitzbuben siegen!" Mitihm wurden zugleich sein Bruder, dann St.-Just, Couthon und Lebas in Verhaft genommen. Gegen Dumas, denberüchtigten Präsidenten des Nevolutionstribunals, Henriotund sämmtliche Chefs der Nationalgarden wurden Ver-haftsdekrete erlassen. Noch in der nämlichen Sitzung ließder Konvent den ehedem so Gefürchteten vor die Schrankenschleppen, um sich an seiner Demüthigung zu weiden. Einfragender Blick, den er nach den Galerien warf, wo dastugendhafte Volk") sich drängte, erhielt ein Zischen zurAntwort. „Die Banditen siegen," knirschte er mit ver-haltenem Grimme, indem er sich den Schranken näherte,wo Gendarmen seiner harrten, die ihn mit feinen Freundenin den Luxembourg bringen sollten.
Der furchtbare Nobespierre war zwar gelähmt, abernoch nicht zerschmettert. Ihn zu retten, durcheilt Henriotmit seinen Helfern die Straßen der Hauptstadt und schreitüber Rebellion und Aufruhr bis unter die Fenster derTuilerien. Er überwältigt deren Posten, rückt mit feinerArtillerie in die Höfe des Nationalpalastes ein und dringtbis zu dem Konventssaale vor, um die Mitglieder beider