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Negierungsausschüsse zu verhaften. In diesem Augenblickehöchster Gefahr erklärt der Konvent Robespierre , Henriotund ihre Anhänger außer dem Gesetz. Die Menge aufden Tribünen nimmt Partei für die Versammlung, drängtdie Angreifer zurück, die sich feige zurückziehen, um nachdem Stadthanse zu eilen, wohin inzwischen Robespierre ,dem Gewahrsam im Luxembourg entkommen, von seinenFreunden gebracht worden war. Er benahm durch feineAngst allen Denjenigen den Muth, die ihn zu verthei-digen herbeigekommen waren. Die Cowmiffäre des Ge-meinderaths, welche die Vorstädte für RobeSpierre in Be-wegung setzen sollten, hatten nichts bewirkt. Man warder abscheulichen Hinrichtungen endlich müde^) und gabzur Antwort: „Wenn wir vor Hunger sterben, so wirduns das Schauspiel einer Hinrichtung von hundert so-genannten Aristokraten gegeben, unter denen oft diebesten, für unser wirkliches Wohl besorgten Patrioten sind.Will man uns mit Menschenfleisch speisen und mit Bluttränken? Nobespierre hat alle Freiheit und alle Menschen-rechte unterdrückt, und nun sollen wir uns eines solchenTyrannen annehmen?"
Um 11 Uhr Nachts rückt BarraS, der von demKonvente zum Befehlshaber der bewaffneten Macht er-nannt worden war, vor das Stadthaus, ordnet seineTruppen zum Angriffe und läßt die Dekrete, zu derenVollzug er beordert ist, bekannt geben. Henriots Kanoniereschreien: „Es lebe der Konvent!" und richten ihre Ge-schütze gegen den Gemeinderath, den sie noch eben zu ver-theidigen geschworen hatten. Man dringt nun in das Stadt-haus, die Treppe hinauf in den Versammlungssaal, wosich die Geächteten nach kurzem Widerstände ergeben. Umdem Blutgerüste zu entrinnen, drückte Nobespierre einPtstol in seinen Mund ab, zerschmetterte sich aber nurdie Kinnlade. Sein Bruder stürzte sich aus dem Fensterund brach beide Schenkelbeine. Couthon, unter einem Tischeversteckt, versuchte sich durch Messerstiche zu todten. Alle,ausgenommen Lebas, der sich zu gleicher Zeit zwei Pi-stolen in die Schläfe feuerte, hatte man lebendig bekom-men, unter ihnen Dumas, Fleuriot, den Maire, Coffin-hal, einen der Tribunalsrichter, Payan und Simon, jenenElenden, dem der Sohn des unglücklichen Ludwig XVI. zum Opfer gefallen war. Henriot ward von Coffinhal, der ihm Alles zur Last legte, aus einem Fenster geworfen.Unversehrt verbarg er sich in einem Abzugsgraben, woihn aber Gendarmen entdeckten und ihn durch Säbelhiebezur Ergebung nöthigten. Robespierre wurde auf einerArt von Bahre bis an die Thüre deS Konventssaalesgetragen, um ihn der Versammlung zu zeigen. Auf demWege dorthin näherte sich ihm ein Bürger mit den Worten:„Ja, Nobespierre, es gibt ein höchstes Wesen,und die Vergeltung harret Deiner!" Man setzteihn in dem Sitzungssaals des Wohlfahrtsausschusses ab,wo er, geschüttelt von Fieberschauern und ohne einen Lautvon sich zu geben, zwei volle Stunden verbrachte. Danntrug man ihn in das Hospital, Hotel Dieu, wo ein Wund-arzt ihn verbinden mußte, und zuletzt in die Conciergerie,den letzten Aufenthaltsort der zum Tode Verurtheilten.
") Als man gegen 8 Uhr Abends noch 80 Berurtheilte nachdem Richtplatze führte, warf sich das Volk auf die Karren, hieltdiese an und verjagte die Eskorte. Aber im selben Augenblickesprengte Henriot mit seinen Leuten heran» sammelte die zer-streuten Gendarmen wieder, ließ mit den Säbelklingen auf dasunbcwaffnete Volk einhauen — der Todtenmarsch wird fortge-setzt und am Tage der Rettung müssen 80 Schlachtopfer durcheinen bereits verhafteten Verbrecher fallen.
Am Morgen des 28. Juli vor das Revolutionstribuna!geführt, waren ihm Bewußtsein und Sprache wieder ge-kommen. In Anbetracht des Umschwunges politischer Macht-verhältnisse mußte Nobespierre verurtheilt werden. DaSSchaffst wurde für ihn auf dem Revolutionsplatze, näm-lich da errichtet, wo so viele Tausende zur Beschleunigungseines Sturzes geblutet hatten. Der Karren, welcher Robes-pierre mit 21 seiner Anhänger trug, wurde auf demWege zur Richtstätte vor dem Hause des Tischlers Duplaixlängere Zeit angehalten. *b) Das Volk, welches beim An-blicke Nobespierre's in ein Wuthgeheul ausbrach, wolltees so haben. Eine Gruppe von Weibern umtanzte mitbacchantischer Wildheit die Verurtheilten. Dem Zuge voranhüpfte ein Weib und schrie: „Dein Tod macht mich vorFreude trunken, Nobespierre, hinunter mit Dir in dieHölle, der Du von allen Müttern und Gattinnen verfluchtbist!" Auf dem Richtplatze wurde ihm mit Gewalt dieBinde, welche seine Wunde bedeckte, abgerissen. Er stießeinen fürchterlichen Schrei aus, dann wurde er auf'sBrett gelegt. Um 5 Uhr Abends fiel sein Haupt. DieLeichname der Hingerichteten warf man in eben die Gruben,welche kurz vorher gegraben wurden, um die Körper meh-rerer Hunderte von Schlachtopfern aufzunehmen, welchevon Nobespierre bereits dem Tode geweiht waren.
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Mangel an genügendem Schlafe — eineHauptnrsache der Nervenschwäche.
Eine hygieinische Betrachtung von L. H.
(Nachdruck «nboteu.1
Einig sind die Schriftsteller und Dichter aller Zeitenund Nationen im Lobe des Schlafes. Der Schlaf ge-währt ja Erquickung dem Ermüdeten, Ruhe dem Ver-folgten und Umhcrgetriebenen, er bietet Trost demKummervollen und Linderung dem Leidenden; er ist dasGrab der Leiden und die Auferstehung zu neuer Kraftund Heiterkeit. Tertulliau nennt den Schlaf wackiausvperuw, oui legitime trusnäo äie3 cwäit, nox IsAsorIsoiti Lukersns rerum etiarn eolorsw; der Schlaf istetwas Heiliges, deßhalb weicht gleichsam voll Ehrfurchtder Tag, damit man diese HimmelSgabe genießen könne,die Nacht hat ihn znm Gesetze gemacht, indem sie denDingen im geheimnißvollen Dunkel die Farbe nimmt.
Wenn nur dieses „Gesetz der Nacht" auch immerbeobachtet würde! Schon Seneca tadelt diejenigen, welcheauf unserem Erdtheile mit unseren Antipoden wachen,während wir schlafen bei Nacht, und mit unseren Anti-poden schlafen, während wir wachen bei Tag.
Wenn Seneca heute zu uns käme, würde er unsnicht auch tadeln müssen, daß wir das „Gesetz der Nacht"ganz oder doch theilweise übertreten? Fast jeden Abendist in den Städten etwas anderes los: ein Theater, eineVereinsversammlung, ein Concert, eine Arbeiterversamm-lung u. f. w. Dabei regt sich der während der Tages-arbeit erschlaffte Organismus in einem Nebelmeere vonTabaksqualm beim Genusse geistiger Getränke stark auf;erst um 11, 12 oder 1 Uhr wird dem müden Körpergestattet, sich zur Ruhe hinzustrecken auf's Lager — aberwelch ein unruhiger, gestörter, unerquicklicher Schlaf!Und nach 5 oder 6 Stunden muß die Arbeit wieder auf-genommen werden. Die Folge dieser unserer Lebensweise
") Im Hause Duplaix' hatte Robespierre seit Beginn derRevolution gewohnt.