Ausgabe 
(3.8.1894) 63
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ist aber eine sehr traurige, es ist die in allen Standenimmer mehr um sich greifende Neurasthenie oder Nerven-schwäche.

In den Annalen der Elektro - Homöopathie undGesundheitspflege (Monatsschrift des elektro-homöopathtschenInstitutes in Genf , 3. Jahrgang, 1893, Nr. 1, S. 3)schreibt A. v. Fellenberg-Ziegler in einem Aufsätzeüberdie Folgen und Nachtheile ungenügenden Schlafes" folgen-des beherzigenswerthe Wort:Ich bin überzeugt, daß derfast allgemein herrschende Mangel an ausreichend ge-nügendem Schlafe des Nachts bei den Stadtbewohnerneine Haupt-, ja bei vielen, die alle Excesse meiden undmäßig und vernünftig leben, vielleicht einzige Ursacheder herrschenden Neurasthenie (Nervenschwäche) ist."Während des Schlafes soll ja der Körper neue Kräftesammeln zum Zwecke fernerer Leistungsfähigkeit; imSchlafe erschlaffen sämmtliche der Willkür unterworfenenMuskeln und häufen durch den während desselben un-unterbrochen vor sich gehenden Stoffwechsel neue Lebens-kraft in sich auf, wodurch sie dann befähigt werden, deran sie gestellten Forderung zu erneuter Thätigkeit Folgegeben zu können. Während des Schlafes soll alsoWiederersatz der durch die wachende Thätigkeit auf-gewendeten Stoffe und Kräfte vor sich gehen daherhaben schon die alten Lateiner den Schlaf einen reäiuta-Zrator viiiam, Wiederhersteller der Kräfte, genanntund es leuchtet sofort die ungeheuere Wichtigkeit des-selben ein für die Stärkung des Körpers, die Erhaltungder Gesundheit, die Verlängerung des Lebens. Mangelan genügendem, restaurirendem Schlafe muß also zer-störend auf den Organismus einwirken.

Das durch keinen Schlaf eingeschränkte Leben,"sagt Ph. K. Hartmann (Glückseligkeiislehre für dasphysische Leben des Menschen, Leipzig 1862, S. 115),verzehrt gleich beständig angefachtem Feuer den thieri-schen Körper, verursacht Abmagernng, große Schwäche,Wassersucht, Abzehrung und hitzige Fieber von der ge-fährlichsten Art; oder die Organe der Phantasie verfallenin ausschweifende Thätigkeit, überwältigen die äußerenSinne und die Vernunft, und es entstehen Schwermuth,quälende Seelennnruhe und Wahnsinn. Je rascher dasLeben eines Menschen in sich ist, je weniger er zuzusetzenhat, desto bedürftiger ist er des Schlafes und desto ver-derblicher für ihn der Abbruch desselben. Sehr arbeit-same, magere und nervenschwache Menschen können daherihrer Gesundheit nicht empfindlicher zusetzen, als wennsie sich den Schlaf entziehen; sie haben vielmehr dasRecht, ihn eine Stunde länger zu genießen als andere,und schwerlich wird es ein wirksameres Erholungsmittelfür sie geben."

Schlaf ist dem Körper so nothwendig wie Nahrung,ja noch nothwendiger; dennMangel an genügendem,restaurirendem Schlafe des Nachts zehrt mehr an denKörper- und insbesondere au den Nervenkräften, als un-genügende Nahrung. Schlafentziehung greift erwiesenerMaßen den Organismus und besonders das Nerven-system ohne Vergleich viel mehr an als Nahrungs-mangel". v. Fellenberg 1. o. Denn die Muskelsnbstanz,die der Körper durch Arbeit und Wachen verliert, kannzwar durch Speise und Trank wiederersetzt werden, dieNervensubstanz aber wird nur wahrend des Schlafesersetzt.

Da nun bei geistiger Arbeit die Nerven mehr inMitleidenschaft gezogen werden, als bei körperlicher, so.

ist geistig Arbeitenden der Schlaf noch viel nöthiger alskörperlich Angestrengten.Wer geistig angestrengt ar-beitet," sagt der bekannte Pilosoph Stock! (Phil. Bd. 2,S. 407),bedarf des Schlafes ebenso gut, als derjenige,welcher große körperliche Anstrengungen zu bestehen hat,ja vielleicht bedarf er dessen noch mehr, weil die geistigeArbeit gerade die Centralorgane des sensitiven Organis-mus in hohem Grade in Mitleidenschaft zieht."

Der durch seine Pastoraltheologie berühmte Prak-tiker Dr. Stöhr schreibt diesbezüglich (PastoraltheologieS. 190 sf.): Es ist eine durchaus irrthümliche Ansicht,zu glauben, daß gerade ein mit grobkörperlicher Arbeitverbundenes Tagewerk ein stärkeres Bedürfniß nachSchlaf mit sich bringe. Ich gebe zu, daß in einemsolchen Falle das Gefühl physischer Ermüdung besondersaugenfällig ist und den Ermatteten in unwiderstehlicherSehnstnht nach Muskelruhe auf das Lager zwingt; aberder vollkommen gesunde Erwachsene hat dann nach wenigenStunden tiefen, todähnlichen Schlafes die volle Elasticitätder Glieder wieder gewonnen, und sein ganzes Wesenathmet eine Frische und Verjüngung, die sich in derselbstbewußten sicheren Weise seines Gebahrens kundgibt.Nach starken geistigen Anstrengungen dagegen zitternnoch während der ersten Zeit des Schlafes die mächtigenErregungen der vorausgegangenen Stunden nach, dasgesammte Nervensystem bedarf längere Zeit, um zurvollkommenen Ruhe zu kommen, in lebhaften Traum-bildern klingen noch die Eindrücke nach, die das Gehirntagsüber erfahren hat, und nach dem Erwachen lastetoft genug noch ein Gefühl von Druck bleischwer aufStirn und Schläfen, und mit eigenthümlicher Verdrossen-heit beginnen die Vorstellungen sich zu ordnen, um all-mälig Gestalt und Farbe zu bekommen; es muß einebestimmte Zeit verstreichen, bis sich das Wirrsal halb-fertiger und ungeordneter Gedanken zu voller Klarheitund Bestimmtheit aufgehellt hat.

Und gerade für den Gelehrten, der vielleicht diebesten Stunden des Tages um des lieben Geldes willenin einem geistesleeren oder wenigstens tief unter seinemWollen und Können stehenden Frondienst verzetteln muß,liegt die Versuchung so nahe, durch das Opfer des Schlafessich etwas von jener Muße zu erkaufen, die er sonst ver-gebens während jener Zwangsarbeit in der beruflichenTretmühle herbeisehnt, die nun einmal für die meistenvon uns zumKampf um's Dasein" gehört. Es ist einerhabenes Gefühl, diese Stunden der Nacht, die mansiegreich dem unabweisbarsten Bedürfnisse der menschlichenNatur abgezwungen hat, so ganz sein eigen nennen zukönnen. Wenn der letzte Tritt in den Straßen verhalltist und jene tiefe, geheimnißvolle Stille sich ringsum ge-lagert hat, die so fruchtbar an Entwürfen und Bildernist, dann fühlt sich der Wachende Herr und König in demweiten Reiche des Gedankens, die kleinlichen Sorgen undPlagen des Tages sind entschwunden und vergessen, undin dem Bewußtsein, vor jedem lästigen Störenfried sicher,die ganze Kraft des Geistes zur That zusammenraffen zukönnen, kann er mit früher nie geahnter Leichtigkeit undUngcstörtheit zur Arbeit ansetzen. Aber der Preis, dener für die kostbare Waare Zeit gezahlt hat, istein hoher: Leben und Gesundheit! Die Widerstands-fähigkeit der Mannesjahre und der Enthusiasmus geistigenSchaffens sind lange Zeit im Stande, den Körper vorden Folgen dieser naturwidrigen Entbehrung zu schützen;aber es kommt der Tag, au dem die künstlich erhaltene