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65. Ireitag. den 10. August L894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg <Vorbesitzer vr. Max Huttlcr).
Zm Laune aller Schuld.
(Fortsetzung.)
Melanie war aufgestanden, und ihren Ar« umFelici-tas' Hals schlingend, ließ sie ihren strömenden Thränenfreien Lauf. Sie fragte nicht weiter. „O, Felicitas,"rief sie, wollte Gott , daß wir uns nie trennen müßten.Ich fühle die Kraft in mir, Sie trösten zu können."
Das Gespräch wurde unterbrochen. Teßner tratmit Melanie's Bruder ein, der heute wieder von Berlin gekommen war.
Die beiden Mädchen trockneten eiligst die Spurenihrer Thränen ab und nahmen die Alltagsmiene alsMaske vor.
Teßner hielt zwei Schriftstücke in der Hand undüberreichte das eine davon Melanie.
„Es ist eine Vorladung, welche den Einbruchsdieb-stahl betrifft," beantwortete er Melanie's fragenden Blick.„Wie Sie bereits wissen, liebes Fräulein, wurde einerder Spitzbuben, Namens Rölling, auf den die Gendar-men Jagd machten, angeschossen und festgenommen. Erleugnet hartnäckig, an dem Einbruch betheiligt gewesenzu sein, aber das wird ihm nichts helfen."
„Auch wenn keine anderen Beweise gegen ihn vor-liegen, als seine auffallende Körpergröße, die er mit einemder Einbrecher gemein hat?" fragte Melanie.
„Es sind aber noch andere Beweise vorhanden,"entgegnete Teßner. „Der Mann ist der Staatsanwalt-schaft durch ein anonymes Schreiben auf's Bestimmtesteals einer der Thäter bezeichnet worden; als er deshalbverhaftet werden sollte, ergriff er die Flucht, was ihnnur um so verdächtiger machte."
„Kann ein anonymer Brief wirklich als Schuld-beweis dienen?" wandte Felicitas ein, während Me-lanie schwieg.
„So blindlings verfährt das Gesetz nicht, aber derInhalt des anonymen Briefes hat einen sehr wichtigenSchlüssel geliefert, daß man den Schuldigen wirklich vorsich hat. Als der Bursche mich in jener Nacht fesselteund knebelte," wandte Teßner sich wieder an Melanie,„hörte ich ihn zu seinem Genossen sagen, es habe eineZeit gegeben, wo er mich unter seinen Füßen zertretenhätte, wäre ich damals so hülflos wie jetzt in seine Handgegeben gewesen. Mir war der Sinn dieser Wortedunkel; als mir aber der Staatsanwalt auf Grund jenes
anonymen Briefes den Namen Nölling nannte, wußieich sofort, woran ich war. Es war der Name einesMannes, den ich mir in meiner ehemaligen Advokaten-praxis zum Todfeinde gemacht habe. Er hatte auch ganzdie hünenhafte Gestalt des Einbrechers."
Melanie war blaß geworden. Sie las den Inhaltdes von Teßner empfangenen Papieres durch. Es wareine in bester Form abgefaßte, auf einen bestimmtenTermin lautende Zeugenvorladung vor das Schwurgericht.
„Ich bin mit den Gesetzen völlig unbekannt," sagteMelanie. „Was sind die Folgen, wenn man die Zeu-genaussage verweigert?"
„Es' ist eine Geldstrafe darauf gesetzt; im Unver-mögensfalle tritt dafür Haft ein."
Melanie schwieg und ward nachdenklich, aber inihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Entschlossenheit, wel-cher den Gutsherrn fürchten ließ, sie werde nicht sohandeln, wie er es in seinem eigenen Interesse wün-schen mußte.
„Hier, Fräulein Rettberg, habe ich noch etwas fürSie," bemerkte er, das zweite Papier, welches er in derHand behalten hatte, ewporhaltend. „Es betrifft Ihreund Ihres Bruders Erbschaftsangelegenheit, die nun denHänden eines geschickten Berliner Recbtsanwalis über-geben werden soll. Er hat ein Vollmachtsblankett ge-schickt; Ihr Bruder hat es bereits unterzeichnet. ESfehlt nur noch Ihre Unterschrift, welche Ihr Vormundgegenzuzeichnen hat. Also wenn ich bitten darf!"
Er breitete die Vollmacht auf Felicitas' Schreib-tisch aus und reichte Melanie eine eingetauchte Feder,indem er ihr die Stelle bezeichnete, wohin sie ihrenNamen zu setzen hatte. Als dies geschehen war, übergaber das Document Melanie's Bruder, der es einsteckte.
„Ich werde die Vollmacht noch heute in die Händeunseres Anwalts legen," rief Edmund mit triumphiren-dem Blicke. „Unsere Sache steht gut, MelaUie, das kannich Dir sagen. Wir wollen dem Burschen ein Licht auf-stecken, daß er sich die Augen reiben soll!"
Melanie, welche bei diesen Worten ihres Brudersin Teßner's Augen eine schlecht verhehlte Schadenfreudeaufblitzen sah, wollte etwas entgegnen, als das Dienst-mädchen eintrat.
„Es ist eine alte Frau draußen, Herr Teßner, diemit Ihnen sprechen will," meldete sie.
„Ich habe jetzt keine Zeit," versetzte der Gutsherrkurz, „sie soll wiederkommen."