Ausgabe 
(10.8.1894) 65
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Sie sagt aber, sie müsse Sie sogleich sprechen; siebenimmt sich sehr trotzig."

Hast Du sie nicht nach ihrem Namen gefragt?"

Ja freilich; aber sie will mir ihn nicht sagen."

Halb ärgerlich, halb neugierig, verließ Teßner dasZimmer, von dem Dienstmädchen gefolgt.

Melanie wandte sich nach dieser Unterbrechung wie-der an ihren Bruder.Ich muß es tadeln, Edmund,"bemerkte sie,daß Du von unserem Prozeßgegner immernur in cynischen Ausdrücken sprichst. Warum diese Ani-mosität, wenn der Ansgang zu unseren Gunsten so ge-wiß ist, wie Du sagst? Der Sieger soll dem Unterlie-genden stets Großmuth bezeigen."

Haha!" höhnte Edmund,Großmuth einem Men-schen, der im Besitzthum dessen schwelgte, was uns ge-hörte, während wir darbten? Zum Bettler werde ich ihnnoch machen!"

Das hoffe ich nicht!" verwies ihm Melanie vor-wurfsvoll.Du, Edmund, solltest vor allen anderenMenschen wissen, wie schrecklich es ist, ein Bettler zusein. Und warum wolltest Du so rücksichtslos gegeneinen Menschen handeln, welcher von der Unrechtmäßig-keit seines Besitzes wahrscheinlich selbst keine Ahnunghat? Da übrigens die Sache nun dem Gericht über-geben werden soll, so wäre es wohl an der Zeit, daßich etwas tiefer als bisher eingeweiht würde. Wo liegtdas Rittergut, auf welches unsere Familie Erbansprüchehat, und wer ist der Mann, gegen welchen wir denProzeß führen wollen?"

Das soll Dir nicht länger Geheimniß bleiben,Schwesterchen," antwortete Edmund mit jenem häßlichenLächeln, wobei die hämische Falte unter seinem Ohreerschien,das Rittergut heißt der Villenhof, und derunrechtmäßige Besitzer, gegen welchen wir prozessiren,nennt sich Baron Wolfgang von Sturen." Felicitas,die zugehört hatte, stieß einen Schrei aus. Melanieeilte auf sie zu und ergriff ihre beiden Hände.LiebsteFelicitas," sagte sie,lassen Sie sich doch durch einenabgeschmackten Scherz meines Bruders nicht erschrecken."

Sie lächelte der Freundin ermuthigend zu; aberdas Lächeln verschwand plötzlich, als sie, im Begriff, ihremBruder eine Zurechtweisung zu geben, diesem in's Ge-sicht blickte. Nur zu gut kannte sie diesen Zug vonGrausamkeit, der sich um seinen Mund legte, wenn erin irgend einer Sache bitteren Ernst machte.

Wenn Du glaubst, ich scherze nur," sagte er miteisiger Kälte,wenn Dir jetzt nicht die Augen darüberaufgehen, weshalb Dir der Name unseres Gegners bis-her wohlweislich verschwiegen worden ist, so frage HerrnTeßner."

Melanie stürzte auf ihren Bruder zu.Nie undNimmer werde ich einwilligen," rief sie, während ihrAntlitz in dunkler Nöthe flammte,daß der Name Rett-berg geschändet werde durch eine Handlung der nieder-trächtigsten Undankbarkeit gegen einen Mann, der wirein hochherziger Wohlthäter und aufopfernder Freundwar, gegen einen Mann, der für meine Ehre mit allerKraft eintrat und Dich vor schimpflicher Zuchthausstraferettete! Gieb mir die Vollmacht zurück, und wenn Dudas nicht thust, so wird es Rechtsmittel geben, eine Un-terschrist für ungültig zu erklären, die auf hinterlistigeWeise erschlichen ist!"

Du wußtest, um was es sich handelte, ehe Du dieVollmacht unterzeichnetest," versetzte Edmund ruhig,und

wenn es Dir um nähere Auskunft zu thun war, sohättest Du vorher fragen sollen. Im Uebrigen würdeder Prozeß auch ohne Dich seinen Gang gehen. Dubist minderjährig, und selbst wenn Du für Deinen Theilvon dem Prozeß zurücktreten wolltest, so würde dies dochnichts gelten, denn die Vormundschaft handelt für Dich,und ohne ihre Zustimmung kannst Du keinen Verzichtvornehmen. Die Vormundschaft aber, das kann ich Dirversichern, richtet sich Gott sei Dank nicht nach dem Gut-dünken eines sentimentalen Mädchens, sondern nach demGesetze."

Aus Melanies Antlitz war plötzlich alles Blut ge-wichen, als sie erkannte, daß sie macht- und willenlossei, den Gang des Gesetzes aufzuhalten.O, meinGott!" preßte sie hervor. Felicitas sah sie wanken undsprang noch im rechten Augenblick hinzu, um die Ohn-mächtige in ihren Armen aufzufangen. Sie legte siemit Hülfe Edmund's auf das Sopha und eilte hinaus,um Essig herbeizuholen.

In dem Hausflur begegnete ihr eine alte Frau mitschneeweißem Haar, die eben aus dem gegenüberliegen-den Zimmer heraustrat. Sie blieb vor Felicitas wiefestgezaubert stehen und starrte ihr sprachlos in's Ge-sicht, als sähe sie ein Gespenst vor sich. Bald jedochkehrte ihr die Fassung zurück.

Gehen Sie hinein," sagte sie, auf die Thür hintersich deutend,Ihrem Vater ist plötzlich unwohl geworden."

Dann entfernte sie sich, ohne weiter ein Wort zusprechen. Felicitas stürzte in das Zimmer und fandihren Vater todtenblaß in einem Lehnsessel sitzen. DieAugen waren starr, er vermochte sich nicht zu bewegenund gab nur unartikulirte Laute von sich. Offenbarhatte ihn ein Schlaganfall betroffen.

XXXIII.

Schon seit Wochen befand sich Nölling im Gefäng-nisse der Kreisstadt in Untersuchungshaft. Er hatte beiseiner Verfolgung durch die Gendarmen einen Schuß inden rechten Arm erhalten und war dadurch, vielleicht zuseinem Glücke, verhindert worden, von seiner ungewöhn-lichen Körperkraft Gebrauch zu machen und sich der Ge-fangennahme energisch zu widersetzen. Obwohl die Wundeihrer Heilung entgegenging, trug er den Arm doch nochin der Binde.

Der Abend war schon weit vorgerückt, und in derengen Zelle herrschte Finsterniß. Es war die letzte Nacht;ehe die Sonne des nächsten Tages untersank, kannte ersein Schicksal, denn morgen sollte sich dasselbe vor demSchwurgerichte entscheiden.

Das Knarren des Schlüssels an der Thür seinesGefängnisses lenkte ihn plötzlich von seinen Gedankenab, welche nicht die erfreulichsten waren. Er wußte sichnicht zn erklären, was den Gefängnißwärter um diesespäte Stunde noch einmal zu ihm führen konnte. DieThüre that sich leise auf und schloß sich ebenso leisewieder hinter einer Gestalt, von welcher in der Finster-niß nur die Umrisse zu unterscheiden waren.

Herr Nölling", sagte der Eingetretene mit ge-dämpfter Stimme,wir sind ohne Zeugen und könnenrückhaltslos mit einander sprechen, ohne daß es vor demGesetze nachthcilige Folgen für Sie hat. Sie könnenjedes Zugeständniß, welches Sie mir sagen, keck vor Ge-richt ableugnen, wenn ich an Ihnen zum Verrätherwerden wollte; Sie können mich sogar beschuldigen, mir