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durch Bestechung deS Gefängnißwärters unerlaubten Zu-tritt zu Ihnen verschafft zu haben."
„Wer sind Sie und was wünschen Sie von mir?"fragte Nölling den Besucher.
„Als wir uns zuletzt sahen", antwortete der Unbe-kannte, „nahmen Sie eine Brieftasche an sich, die mirgehörte; sie enthielt einige hundert Mark in den bekanntenguten Noten der deutschen Reichsbank. Ich denke, dieseErinnerung wird, in Ermangelung einer anderen Be-leuchtung, hinlängliches Licht über meine Person ver-breiten."
Der Gefangene schwieg.
„Auf die NeichSbanknoten lege ich keinen Werth,denn es gibt ihrer noch viele", fuhr Maitland fort, „dochbefanden sich in der Brieftasche einige beschriebene Pa-piere, die Ihnen nichts nützen können, mir aber unersetz-lich sind. Wenn Sie mir zu diesen Papieren wiederverhelfen wollen, so verhelfe ich Ihnen zu Ihrer Freiheit "
„Sie haben keine Macht, mir die Freiheit zu geben",entgegnete Nölling.
„Kerkermauern kann ich nicht sprengen", versetzteder andere, „aber ich kann Sie morgen vor Gericht durchmeine Zeugenaussage entlasten und Ihre Freisprechungbewirken. Ich kann sagen, Sie hätten mit dem Ein-brecher nichts gemein als die Riesengestalt; ich kann be-haupten, ich hätte dessen Gesicht gesehen und dasselbegliche dem Ihrigen so wenig wie Tag und Nacht, undes ist kein Grund vorhanden, weßhalb man mein Zeug-niß in Zweifel ziehen sollte. Ich werde halten, was ichverspreche, wenn Sie mir jene Papiere wieder schaffen,darauf verpfände ich Ihnen meine Ehre."
„Ihre Ehre!" lachte Nölling. „Was ist Ihre Ehrewerth? Ich habe Streiche von Ihnen gehört, die mirIhre Ehre so kostbar erscheinen lassen wie einen falschenGroschen."
Maitlands Auge leuchtete in der Dunkelheit wie einBasiliskenblick.
„Sie thun mir Unrecht", sagte er nach ein paarSekunden des Schweigens, während er seine Ruhe wiedergesammelt hatte, „was Sie über mich wissen, könnenSie nur aus dem Munde eines Menschen haben, dermich verleumdet hat, während ich ihm Gutes erwies.Als Beweis, welch' ausgemachtem Schurken Sie Ihrblindes Vertrauen geschenkt haben, möge Ihnen die That-sache dienen, daß er unmittelbar nach dem Einbrüche aufTeßner's Gute erschienen ist und seitdem dort als häufigerGast verweilt. Wenn daraus nicht hervorgeht, daß erSie verrathen hat, so gibt es zwischen Ursache und Wirkungüberhaupt keinen Zusammenhang mehr. Jene Papiere,die ich von Ihnen zurückhaben will, liefern den Burschenin meine Hand und geben mir das Mittel, den schänd-lichen Verrath, den er an Ihnen beging, zu rächen."
Der Gefangene hatte ruhig zugehört.
„Zufällig bin ich über die Angelegenheit, die ihnmit Teßner zusammengeführt hat, besser unterrichtet alsSie", erwiderte er. „Und an dem Burschen selbst istIhnen überhaupt gar nichts gelegen, ich durchschaue Siesehr wohl! Es ist Ihnen nur um seine Schwester zuthun, die Sie mit dem Besitz dieser Papiere schreckenwollen."
„Sie wird morgen im Zeugenverhöre gegm Sieaussagen", warf Maitland hin.
„Darüber schlafe ich ruhig", versetzte der Gefangenein zuversichtlichem Tone.
„Oh, ich weiß sehr wohl, worauf Sie rechnen, meinFreund", sagte Maitland. „Ich hörte, Fräulein Nett«berg habe bei ihrer ersten Vernehmung vor dem Polizei-kommissär jedes Zeugniß wider Sie verweigert. WennSie ganz sicher sind, daß sie auch morgen vor Staats-anwalt, Richter und versammeltem Schwurgericht in ihremEntschlüsse fest bleiben wird, so mögen Sie ihr immerhintrauen. Aber man wird ihr ihre Pflicht gegen Staatund Gesellschaft vorhalten und ihr darthun, daß siemoralisch verbunden ist, zur Ueberführung eines Ver-brechers mit den Beweisen hervorzutreten, in deren Be-sitz sie ist. Und um allen diesen Gründen den gehörigenNachdruck zu geben, wird man ihr deutlich machen, welcheMittel dem Gesetze zu Gebote stehen, um diejenigen zubestrafen, die ihre Unterthanenpflicht nicht erfüllen. WennSie meinen, daß ein schüchternes, junges Mädchen allendiesen Pressionen widerstehen wird. um einen Mann,den sie vielleicht nur ein einziges Mal in ihrem Lebengesehen hat, vor Strafe zu retten, so kann ich Ihre Ver-trauensseligkeit nur bewundern. Sie können am bestenbeurtheilen, wie viel oder wie wenig Ihnen Ihre Frei-heit werth ist, obwohl es vielleicht Personen geben mag,die sich um Sie grämen mögen und verlassen und elendsind, wenn sich hinter Ihnen die Zuchthauspsorte schließt."
Nölling war während der letzten Worte an das ver-gitterte Fenster getreten und stützte den Kopf gegen denauf der hohen Brüstung ruhenden Arm. Er war er-schüttert, denn er gedachte seiner alten Mutter.
Maitland ließ ihm eine Weile Zeit.
„Wenn Sie thun, was ich von Ihnen verlangthabe", sagte er dann, „so können Sie sicher sein, daßFräulein Rettberg sich durch nichts wird einschüchternlassen, das Ihnen gegebene Versprechen zu halten."
Nölling stutzte.
„Wieso?" fragte er.
„Glauben Sie, daß sie Sie ins Zuchthaus bringenwürde, wenn sie dadurch ihrem Bruder das gleicheSchicksal bereitete?" antwortete Maitland in bedeutungs-vollem Tone. „Und ich verspreche Ihnen, ihr das vorAugen halten zu wollen."
Eine lange Pause entstand.
Endlich verließ der Gefangene seinen Platz amFenster und trat mit langsamen, wuchtigen Schritten sonahe an Maitland heran, daß beider Gesichter sich fastberührten.
„Sie sind ein viel schlimmerer Schurke," rief er,„als ich für möglich hielt. Ich glaube, ich würde liebersterben, als das arme Mädchen in Ihre Hände liefern.— Freilich, kein Mensch kann dafür stehen, was erthun wird, wenn er versucht wird. Aber, Gott sei Dank,diese höllische Versuchung ist mir erspart geblieben, denndie Papiere, um die es Ihnen zu thun ist . . ."
„Was ist mit den Papieren?" fiel ihm Maitlandins Wort und ergriff ihn am Arme.
„Die Papiere," versetzte Nölling, den anderen vonsich abschüttelnd, „habe ich mit eigener Hand verbrannt."
„Hund!" zischte Maitland und packte den Gefan-genen mit beiden Händen am Rockkragen.
„Hinaus! oder ich zerschmettere Ihnen den Schädelan der Wand!" rief Nölling, indem er mit einer ein-zigen Bewegung seiner linken Hand dem starken Manneeinen Stoß versetzte, daß dieser zurücktaumelte.
„Wir werden uns morgen wiedersehen!" knirschteMailland und verließ das Gefängniß.