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daß Sie eine Pflicht gegen Ihr Vaterland, gegen dieGesetze und die Gesellschaft zu erfüllen haben. Ich frageSie daher: ist der Angeklagte dort der Mann, dessenGesicht Sie in jener Nackt gesehen haben?"
Melanie blickte vor sich nieder und schwieg.
Im ganzen Saale herrschte Todtenstille.
„Ich will nicht im Geringsten Ausflüchte suchen,"versetzte sie mit fester Stimme, obwohl ihr Antlitz todten-blaß war, „aber ich werde eine Frage nicht beantworten,welche einen Menschen ins Verderben stürzen könnte, dermein Leben schonte, wo mein Tod ihm die Gewähr seinerSicherheit geboten hätte. Ich werde nicht sagen, ob ichihn gesehen oder nicht."
Wieder entstand ein tiefes, Schweigen, und dannführte ihr der Vorsitzende in ernster, eindringlicher Nedenoch einmal alle Gründe vor, die er auffinden konnte,um die Zeugin zu überreden, die Frage zu beantworten.Nichts jedoch vermochte sie hierzu zu bewegen; und alser drohte, ihre Mißachtung des Gesetzes zu bestrafen,erwiderte sie in demüthigem, aber festem Tone: „HerrPräsident, ich habe diesen Ort mit der vollsten Kenntnißder Strafmittel betreten, welche dem Gerichte in einemsolchen Falle zur Verfügung stehen."
„Ist es Ihr letzter Entschluß," ergriff jetzt derStaatsanwalt das Wort, „in dieser Versammlung nichtden Mann zu bezeichnen, dessen Gesicht Sie in jenerNacht sahen?"
„Ich sagte nicht, daß er sich in dieser Versamm-lung befinde," erwiderte Melanie, welche seit ihrem Ein-treten absichtlich ihre Blicke von dem Angeklagten weg-gewendet hatte, „ich weiß nicht, ob er hier gegenwärtigist. Ich sagte nur, daß ich keine Frage über seine Per-sönlichkeit beantworten wolle, und bei diesem Entschlüssewerde ich bleiben." Der Staatsanwalt stellte sofort denSirafantrag gegen die widersetzliche Zeugin, und der Ge-richtshof verurtheilte sie demgemäß zu einer Geldstrafevon dreihundert Mark oder sechs Wochen Haft.
Als der Vorsitzende dies Melanie verkündigte, tratRölling hastig einige Schritte vor, als wolle er reden.Da bemerkte er unter dem Publikum in einer der vor-dersten Reihen eine Bewegung. Er sah hin und er-blickte seine alte Mutter; sie war aufgestanden, hattesich aber gleich wieder gesetzt und faltete unter dem Kinndie Hände, wie in stummer Bitte. Er schlug die Augennieder und zog sich wieder zurück.
Der nächste und letzte Zeuge war Tcßner.
Er hatte sich von seinem Schlaganfall wieder er-holt, war aber so hinfällig, daß Felicitas ihn führenmußte. Als er am Arme des schönen jungen Mädchensnach der Zeugenbank wankte, erhob sich Nöllings Muttermit vorgebeugtem Kopfe abermals von ihrem Sitze. Dieauffallende Bewegung konme Teßner und seiner Tochter,welche in dichter Nähe vorüber mußten, nicht entgehen.Felicitas erkannte jene Frau wieder, nach deren Besuchesie ihren Vater in jenem schrecklichen Zustande ange-troffen hatte. Er war nicht zu bewegen gewesen, sichdarüber anszusprcchen, wer die Frau sei und ob ihrBenehmen jenen Kraukheitsanfall herbeigeführt habe; überdie letztere Frage schwand in Felicitas jeder Zweifel,als sie jetzt fühlte, wie ihr Vater beim Anblick derselbenFrau plötzlich heftig zusammenzuckte. Sie geleitete ihnvollends bis zur Zeugenbank, um sich dann auf seineausdrückliche Bitte aus dem Saale zu entfernen.
Wie schon die Zeugen vor ihm gethan hatten, be-
richtete Teßner, was ihm persönlich bei dem Einbruchder Diebe begegnet war. Er brachte seine Aussage inabgebrochenen, kurz hervorgestoßenen Sätzen vor undmußte dazwischen oft Pausen machen.
„Sie haben schon früher die Erklärung abgegeben,"begann der Vorsitzende das Verhör mit dem neuen Zeu-gen, „daß der Mann, welcher Ihnen die Glieder zu-sammenschnürte und den Mund verstopfte, nach gewissen,ihm entschlüpften Aeußerungen zu schließen, nur derAngeklagte gewesen sein könne, der einen alten Haßgegen Sie habe und in seiner Persönlichkeit dem Ein-brecher gleiche."
Teßner warf einen scheuen Seitenblick nach derRichtung, wo Nöllings Mutter saß.
„So sagte ich," gab er zur Antwort, „doch mutzich gestehen, daß ich meiner Sache nicht so gewiß bin,um jene Behauptung auch unter dem geleisteten Zeugen-eide aufrecht zu erhalten. Es ist wahr, daß ich gegenden Angeklagten vor einer langen Reihe von Jahreneinmal in einer Prozeßsache ziemlich streng verfahrenmußte, es sind mir aber in meiner Praxis als Anwaltviele derartige Fälle vorgekommen, und der Einbrecherist nicht der Einzige, der mehr oder weniger Grund gehabthätte, eine Aeußerung gegen mich zu thun, die auf einenalten Haß hinweist. Es liegt in der Natur des Advo-katenberufs, daß man sich viele Feinde macht."
„Die äußere Persönlichkeit des Angeklagten findenSie jedoch mit derjenigen des Einbrechers übereinstim-mend," fuhr der Vorsitzende fort.
Teßner richtete einen langen Blick auf Rölling.Dann erwiderte er: „Der Angeklagte ist bet all seinemhohen Wuchs von ebenmäßiger Gestalt: der Einbrecherwar dagegen auffallend hager und auch etwas kleiner."
„Sie glauben also nicht, daß der Angeklagte einerder Diebe war?" fragte der Vorsitzende.
„Nein, ich glaube es nicht," antwortete Teßner.
Damit war das Zeugenverhör geschlossen, aber auchdas Belastungsmaterial, welches der Anklage zu Grundelag, hinfällig geworden, so daß der Vertheidiger leichtesSpiel hatte, die Freisprechung seines Klienten zu erwir-ken. Das einzige Strafurtheil, welches in dem Prozesseausgesprochen worden war, traf Melanie, und es mögehier gleich hinzugefügt werden, daß Teßner sie durchErlegung der ihr zuerkannten Geldstrafe vor der Alter-native einer langen Haft schützte.
(Fortsetzung folgt.)
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^ Clcrnenline Gräfin von Waldburg,
geborene Prinzessin von Oettingen-Spielberg.
Ein Lebensbild von H. W.
Am 6. März starb im Palaste zu Hohenems inVorarlberg Gräfin Clementine Marie Notgere vonWaldburg-Zeil-Hohenems, geborene Prinzessin vonOettingen-Spielberg, deren irdische Ueberreste am8. März auf dem neuen Friedhose zu Hohenems zurNutze b stattet wurden.
Dem Gedächtnisse an die hohe Verblichene seien dienachfolgenden Zeilen gewidmet!
Es kann nicht die Absicht sein, hier eine vollständigeBiographie zu schreiben; auch wären wir nicht im Stande,alle Vorzüge dieser durch Adel der Gesinnung mehr nochals durch den Adel ihrer hohen Geburt ausgezeichneten,