Ausgabe 
(10.8.1894) 65
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wahrhaft christlichen Frau, hingebenden Gattin und ebensopflichttreuen als zärtlichen Mutter in den knappen Nahmen,den ein Zeitblatt bietet, zu fassen; es seien daher nurdie hervorragendsten Punkte aus ihrem Leben hier kurzberührt!

Der beinahe nur in dem fürstlich Oettingen'schenGeschlechte gebräuchliche BeinameNotgere'', welcher dernunmehr Dahingeschiedenen in der Taufe zugegeben wurde,versetzt uns zurück in die Zeiten des frühen Mittelalters,als noch der hl. Notger (9721008) eine Zierde desBischofsstuhles zu Lüttich war. Einer beständigenTradition zufolge soll derselbe ein Bruder oder dochnächster Verwandter des Gaugrafen im Riese Siegehard(1007) gewesen sein, auf den das erlaucht? Geschlechtder Grafen, später Fürsten zu Oettingeu seinen Ur-sprung zurückführen kann, und deshalb wird St. Notgervon Alters her als besonderer Schutzpatron des hohenHauses verehrt. Mit den Grafen Conrad und Ludwig(1136 und 1139) tritt dann der Name von Oetting ;nzum ersten Male urkundlich in der Geschichte auf.

Als deren spätere Enkelin wurde Prinzessin Cle-mentine Marie Notgere am 23. September 1844 rmSchlosse zu Oettingen geboren. Sie war die ältesteTochter des im Jahre 1882 im Alter von 67 Jahrenverstorbenen Fürsten Otto Karl und der im Jahre 1877im frühen Alter von erst 52 Jahren verstorbenen FürstinGeorg in eClementine, geborenen Gräfin v Königseg g-Aulendorf - Von ihren nachfolgenden Geschwistern ist ihrPrinzessin Camilla, vermählt mit dem Prinzen Ernstzu Windischgrätz, erst 43 Jahre alt, bereits im Jahre1888 in die Ewigkeit vorangecilt und hat nunmehr diegeliebte Schwester an den Pforten des Paradieses er-wartet, während ihre beiden Brüdcr, die Fürsten Albrechtund Emil zu Oettingen-Spielberg, jüngst intiefstem Schmerze am offenen Grabe ihrer theuren Schwesterstanden. Ueber ihre Jugend sei nur erwähnt, daß siedieselbe theils in den Schlössern zu Oettingen und Hoch-altingen, theils in Augsburg und München im Kreiseihrer Familie verlebte- Wer das Glück hatte, die aus-gezeichnete Mutter zu kennen, wird nicht daran zweifeln,daß sie ihren Töchtern eine treffliche Erziehung gab. be-stimmt, sie zu gediegenen, christlichen Hausfrauen heran-zubilden, ohne dabei ihre Stellung als Damen der großenWelt zu vernachlässigen. Wenn nun auch der Verkehrin der sogen, großen Welt manche Gefahren in sich birgt,namentlich die Gefahr zu großer Verwestlichung, so ver-steht es die christlich und häuslich erzogene Dame dochauch, diesen Verkehr zu ihrer geistigen Vervollkommnungzu benützen. Wie es die Biene versteht, selbst aus schäd-lichen Pflanzen Honig zu saugen, so ist es auch mit demVerkehr in der Welt: fast nirgends hat man mehr Ge-legenheit, sich in der Selbstlosigkeit und Selbstverleugnung,in der Rücksichtnahme aus den Ncbenmenschen, in derFreundlichkeit auch gegen minder sympathische Personenu. s. w zu üben, als gerade hier; es kommt nur daraufan, ob man es versteht, die Gelegenheit zu benützen.Daß die Verstorbene, dem Beispiele der emsigen Bienefolgend, dies verstand, dazu befähigte sie ihre gute Er-ziehung, und die guten Früchte zeigten sich in ihremspäteren Leben.

Die Einförmigkeit des Alltagslebens der Familiewurde manchmal durch Reisen unterbrochen. Auf einerdieser Reisen traf es sich nun im Jahre 1869, daßPrinzessin Clementine mit ihren Eltern das welt-

berühmte Bad Ragaz in der Schweiz besuchte. Aufdem Wege dahin erblickte sie zum ersten Male aus derFerne den blanken Kirchthurm der Pfarrkirche zu Hohen-ems, wie er sich am Fuße der ehrwürdigen BurgmineA ltems von dem Hintergründe einer erhabenen Gebirgs-landschaft abhebt. Damals ahnte sie nicht, wie oft sieeinst in jener Kirche sich mit ihrem Heilande vereinigen,wie oft sie dort vor dem Allerheiligsten ihre Seele unddas ewige und zeitliche Wohl ihrer Augehörigen in tiefsterAndacht Gott und der hl. Gottesmutter anempfehlenund daß einstens von oort aus ihre sterbliche Hülle denGang zur etztsn Ruhestätte antreten werde. Sie ahntenicht, daß sie dort drüben im freundlichen Hohcnemsschon im nächsten Jahre als Herrin einziehen und alseine Nachfolgerin der frommen Gräfin Hortensia vonHohenems, der Schwester des hl. Carolus Borro-möus, die hier vor 300 Jahren so segensreich waltete,ihre Lebenslage beschließen werde.

Und doch fügte -s Gott so; in Ragaz war esnämlich, wo sie ihren Gemahl, den Grafen Clem.nsvon Wa dburg-Zeil-Hohenems, gclegcnheitlich einesBesuches 'ennen lernte- derselbe hatte >m kaiserlichen Heereden Feldzug 1866 in Böhmen mitgemacht und lebtenunmehr, nachdem er den Kriegsdienst verlassen hatte,seit dem Tode seines Vaters auf seiner Gütern rm un-fcrnen Hohenems . Schon am 22. Februar des nächstenJahres (1870) führte er (eine stebe Braut in München zum Altare. Die Trauunq wurde von einem nahenVerwandten, dem jetzigen Domdechanten von NottenbnrgGrafen August oon Waldbucg-Wo fegg, in der?rzbischöflicheu Hauskapcll? vollzogen.

Diese Verbindung zwischen den beiden erlauchtenHäusern war nicht die erste- Eine sei hier besondershervorgehoben Einer der berühmtesten Ahnen des Grafen,nämlich Neichserbtruchseß Georg von Waldburg (f 1531)Bauernjörg" zugcnaunt als Haupt-mann des schwäbischen Bundes der Schrecken der frän-kischen Raubritter und der wilden Horden des Bauern-krieges, hatte im Jahr. 1514 die Gräsin Marie vonOettingen zur Gemahlin genommen, deren VaterJoachim von dem berüchtigten Raubritter HansThomas v. Absberg ermordet worden war. Jnsofernekonnte das Brautpaar also auf vormalige gemeinsameStammeltern zurückblicken. Erhebender war der Rück-blick auf eine der größten Frauen Deutschlands , auf diehl. Elisabeth von Thüringen, von welcher weiblichcr -seits abzustammen beide Theile sich rühmen konnten;fügen wir noch bei, daß Braut und Bräutigam auch dieheilige Herzogin Hebwig von Schlesien unter ihre älterenweiblichen Ahnen zählen konnten. Welch' erhabene Bei-spiele unter den Voreltern! und wahrlich, die späte Enkelinwar ihr ganzes Leben bemüht, sich solcher Ahnen würdigzu erweisen.

So haben wir denn die junge Frau bis zum Ein-tritte in ihre nunmehrige traute Häuslichkeit in Hohen-ems begleitet; betrachten wir nun auch ihr stilles, segens-reiches Wirken im Kreise der Ihrigen und nach außenwährend der 24 Jahre, die sie hier an der Seite ihresgeliebten Gemahles in glücklichster Ehe verlebte. Los-gerissen aus dem Getriebe der großen Welt, getrennt vonihren theueren Angehörigen, fern ihrer geliebten Heimath,fand sie sich mit bewunderungswürdigem Geschick in dieneuen Verhältnisse in dem so stillen und entlegenen Hohen-ems . Behielt sie auch ihre alte Heimath, namentlich ihr