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liebes Ries, immer im freundlichsten Andenken, ver-folgte sie auch die Angelegenheiten ihres früheren Vater-landes stets mit dem lebhaftesten Interesse, und blieb sieauch ihren Verwandten zu Hause mit der gleichen Liebewie früher zugethan, so war doch ihre Hauptsorge fortanihrem neuen Heim und ihrer neuen, sich bald mehrendenFamilie zugewendet. In treuer, genauer Erfüllung ihrerBerufspflichten als christliche Hausfrau und Mutter suchtesie ihren Lebenszweck. Bei solcher Gesinnung vermißtman nicht die Freuden der grcßen Welt, findet mankeine Zeit zur Langweile; der Tag scheint eher zu kurz,als zu lange. Daß die Gräfin den Tag stets — Som-mer wie Winter — mit Anhörung der hl. Messe begann,erwähnen wir hier der Vollständigkeit wegen, obgleich eseigentlich überflüssig wäre, da sich das bei einer gutkatholischen Edeldame, der sich hiezu die Gelegenheit bietet,von selbst versteht. Der ganze übrige Tag war derThätigkeit gewidmet; müßig hat sie wohl Niemand jeangetroffen. Leitung des Hauswesens, weibliche Hand-arbeiten für das Haus und die Kinder wechselten mitArbeiten für die Armen und die Kirche. Erholung ge-währten Spaziergänge in der so romantischen Umgebungvon Hohenems, oder Lektüre gediegener Bücher, oder auchhie und da Musik. Der wohlgeordnete Zustand ihrerSeele spiegelte sich nach außen in ihrem musterhaftenOrdnungssinne ab; Einhaltung der Zeitcintheilung,Ordnung in allen Räumen und Gemächern, Ordnungin allen Beschäftigungen, darauf hielt sie vor Allem;auch der kleinste Fehler wider die Ordnung entzog sichnicht ihrem stets wachsamen Auge und wurde sofort ab-gestellt.
Wenn sie nun auch von der Dienerschaft dieselbegenaue Pflichterfüllung forderte, die sie sich selbst zurRegel gemacht hatte, so war sie ihren Dienern doch einestets gütige und freundliche Herrin, die eben so sehr fürderen geistiges als materielles Wohl bedacht war. Dafürzeugt der Umstand, daß im Hanse stets langjährige Dienerzu treffen waren.
Mit dem Heranwachsen der Kinder — Gott hatteihr 2 Söhne und 3 Töchter geschenkt — wuchsen dieSorgen für deren Erziehung. Die Kinder zu gutenChristen zu erziehen, daß dies die erste Pflicht der Elternsei, darin war sie mit ihrem lieben Gemahle ganz einig,und dahin ging vor Allem ihr Streben; die Aufgabewurde sehr erleichtert durch ihr eigenes Beispiel; dasBeispiel der Eltern in Erfüllung der religiösen Pflichten,die Angewöhnung der Kinder an Uebung der Religionvon frühester Jugend auf wirkt mehr und nachhaltiger,als die bloße Belehrung; das waren die Grundsätze, nachdenen sie die religiöse Erziehung der Kinder leitete.
Ebenso war sie aber auch bemüht, dieselben zu nütz-lichen Gliedern der menschlichen Gesellschaft heranzubilden.Obgleich die zärtlichste Mutter, so nahm sie doch keinenAnstand, sich auch zeitweise von den Kindern zu trennen,wenn sie es zu deren Besten geboten hielt. Daß dieErziehung und der Unterricht der Knaben mit fortschreiten-den Jahren im väterlichen Hanse immer schwieriger wird,darin waren die Eltern einig. Die Anforderungen desUnterrichts sind hoch, der Knabe bedarf des Wetteifersmit seinesgleichen, er muß sich frühe an den Verkehrmit anderen Menschen gewöhnen; dazu bietet ein tüchtigesInstitut mehr Gelegenheit, als der heimathliche Herd.Diesen Gesichtspunkten folgend, wurden daher die Knabenfrühzeitig dem so berühmten Institut 8to11a rnatubinn
der Väter der Gesellschaft Jesu in Feldkirch anvertraut.— Anders verhält es sich bei den Töchtern; Erziehungfür das Haus bildet hier den Schwerpunkt, und die besteErzieherin bleibt immer eine verständige, pflichtgetrcueMutter. Diesem richtigen Grundsätze folgend, behielt siedie Töchter länger zu Hause und leitete persönlich unterBeihilfe einer tüchtigen Erzieherin deren Ausbildung.Aber auch von den lieben Töchtern trennte sie sich zeit-weilig und übergab sie den Damen vom hl. Herzen Jesuin Riedeuburg, sei es, um sie zur Feier der ersten hl.Communion vorbereiten zu lassen, sei es, um der Aus-bildung vor dem Eintritte in die Well noch die letzteVollendung zu geben.
Leider mußte sie ihre geliebten Kinder noch in sojungen Jahren verlassen; waren ihr auch die zwei älterenTöchter während ihrer langwierigen Krankheit treue undhingebende Pflegerinnen und konnten so ihrer theurenMutter ihre Dankbarkeit und grenzenlose Liebe durch dieThat beweisen und Zeugniß dafür ablegen, daß der aus-gestreute Same bereits gute Früchte trage, so sind siedoch noch gerade in den Jahren, wo man der Mutter sosehr bedarf. Von ihren lieben Kindern schon jetzt ge-trennt zu werden, das war eS, was ihr oft recht schmerz-lich siel; wenn sie auch immerhin der Gedanke getröstethaben wird, daß Gott ihren redlichen Bemühungen auchfür die Zukunft seinen Segen erhalten werde. DieKinder möge auch die Gewißheit trösten, daß der Todihnen zwar die sicktbare, aber nicht die geistige Gegen-wart ihrer lieben Mutter rauben konnte; ja, daß sie imJenseits noch besser für sie zu sorgen im Staude ist,als dies auf Erden je möglich wäre.
Daß eine so liebevolle Gattin, eine so aufopferndeMutter, die den Ihrigen das Familienleben so zu sagenzum Paradies zu machen vermochte, auch im Verkehr mitder Außenwelt alle Herzen gewann, bedarf keiner Er-wähnung. Ihre stattliche, vornehme Erscheinung, ihrfreundliches Lächeln, ihr heiterer Charakter mußte schonfür sie einnehmen; mehr aber noch bezauberte ihre stetsgleiche, wohlwollende Freundlichkeit gegen Alle, mit denen sieverkehrte, mochten sie hoch oder niedrig sein.
Von ihrem Mitgefühl und ihrer Wohlthätigkeit fürKranke und Arme wollen wir schweigen, eingedenk ihresGrundsatzes, daß die eine Hand nicht wissen soll, wasdie andere thut. Sie half stets gern und freudig, wosie nur konnte. Ihr Interesse beschränkte sich aber nichtauf den Kreis ihrer Familie und ihrer nächsten Umgebung;auch für die großen socialen Tagesfragen hatte sie einenoffenen Blick. Der stets weitergreifenden Verderbuiß derZeit, der zunehmenden Eutchristlichung mit aller Machtentgegenzutreten, hielt sie für allg'mcine Pflicht. Reitder religiösen Erziehung, mit der Pflege der Religion inder Familie müsse man beginnen, war ihr oft ausge-sprochener Grundsatz. Diesen Zweck zu fördern hielt sieden Mütterverein, dessen segensreiches Wirken sie vonfrüher her kannte, für eines der wirksamsten Mittel.Sie förderte daher nach Kräften die Einführung diesesZeitgemäßen Vereines in Hohenems (Jauuar 1889) undübernahm gerne die Vorstandschaft desselben; derselbe hatsich bereits so eingebürgert, daß gegenwärtig gegen 400Mütter den Tod ihrer licben Präsidentin beklagen. Anallen speziellen Andachten und Gottesdiensten des Vereinsnahm sie stets persönlich theil; stets stieg sie an solchenTagen von ihrem Oratorium hinab in die Kirche. Wierührend war es da, die erlauchte Gräfin an der Spitze