Ausgabe 
(17.8.1894) 67
Seite
513
 
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Augsburgrr Postzeitung

^ 67. Ireitag, den 17. August 1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literariichen Instituts von Haas L> Gradderr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr).

Im Laune aller Schuld.

Roman von Gustav Höcker .

(Fortsetzung.)

Sie waren also verheiratet?" fragte Melauieüberrascht.

Ich war verheiratet, und mein Weib schenkte mireinen prächtigen Jungen. Ja, ich habe das Glück desFamilienlebens gekannt, aber ich sollte es nnr kurzeZeit genießen. Warum meine Mutter so plötzlich vornAuswandcrungsfieber befallen worden war, woher sie diehierzu erforderlichen Geldmittel nahm und mit welchemRechte ich von dem Advokaten Teßner das Geld zu derweiten Reise verlangen konnte, das alles war mir da-mals unerklärlich, mir war weiter nichts bekannt, alsdaß meine Mutter vor ihrer Verheiratung bei demAdvokaten als Wirtschafterin gedient hatte. Sie wissenso gut wie ich, welchen Dienst sie ihm erwiesen hat, alsich im Kriege war; er hatte es zur Bedingung gemacht,daß sie das Geld, durch welches er sie bestach, in Amerika verzehre, denn er wollte sich die Mitwisserin eines sogefährlichen Geheimnisses vom Halse schaffen; er fürchteteauch, daß meine Mutter mir die Sache gelegentlich aus-plaudern könnte, und um uns beide für immer vonein-ander zu trennen, log er mir vor, meine Mutier seiwährend der Ucberfahrt nach Amerika gestorben; ihr selbstaber hat er geschrieben, ich sei meiner letzten Verwun-dung erlegen. Bis vor einigen Monaten haben wireinander für todt gehalten. Erst durch einen meinerberüchtigten Genossen, der sich nach Amerika flüchtenmußte und dort zufällig mit meiner Mutter zusammen-traf, erfuhr sie, daß ich am Leben sei; ihr letztes Geldzusammenraffend, eilte sie nach Deutschland zurück undschloß ihren todtgeglaubten Sohn, den sie in einer ihrbezeichneten Verbrechcrkneipe fand, in demselben Augen-blicke in die Arme, wo dieser die Kunde erhielt, daßdie Häscher hinter ihm her seien . . . Bald nach meinerVerheirathung war ein Verwandter meiner Frau gestor-ben und hatte sie zur Erbin eines nicht unbedeutendenVermögensantheils eingesetzt. Die betreffende Testa-mentsklausel wurde jedoch von den anderen Miterben an-gefochten. Teßner, an den wir uns wandten, erbot sich,den Prozeß für uns zu führen und alle Kosten auszu-legen. Als Lohn beanspruchte er freilich nicht wenigerals zwei Drittthetle der Erbschaft für sich, aber da erdarauf schwor, daß meine Frau den Prozeß gewinnen

müsse, so nahmen wir sein Anerbieten an und verschrie»ben uns ihm beide mit Haut und Haaren. Aber derProzeß zog sich jahrelang hin, und die letzte Entscheid-ung fiel zu Ungunsten meiner Frau aus. Der hab-süchtige Advokat klagte die bedeutende Kostensumme, dieer verauslagt hatte, gegen uns ein und bediente sichschonungslos all der harten Machtmittel, welche daSGesetz einem Gläubiger einräumt. Ich war Schiefer-decker und hatte mit der kleinen Ersparniß, welchemeine Frau mir mit in die Ehe gekrackt, in Berlin eineigenes Geschäft errichtet, das uns recht und schlechtnährte. Alles, bis auf die unentbehrlichsten Werkzeuge,wurde mir gepfändet, mein Geschäft war ruinirt. Zu-letzt wurde auch der Hauswirth, dem ich die letzte Miethehatte sckuldig bleiben müssen, ungeduldig; er ließ unsalles nehmen, was uns noch zu nehmen war. Es warein giftiger Winter, der viele schlimme Krankheiten mitsich brachte. Auch meine Frau und mein Kind lagendarnieder, aber das Gesetz, welches die Berliner Haus-besitzer in seinen besonderen Schutz nimmt, kannte keineSckonung: meinen beiden armen Kranken wurden dieVeiten unter dem Leibe weggepfändct. In der feuchtenKellerspelunke, in der ich mit den Meiuigen Unterkunftsuchen mußte, starb erst mein Kind und bald darnachmerne Fran auf einem elenden Strohsacke . . . Derbesitzenden Klaffe mag der Staat als eine sehr moralischeAnstalt erscheinen, mir aber kamen ganz andere Ge-danken darüber. Ich hatte für den Staat, als er inGefahr war, mein Blut vergossen, und er schickte mirdafür, als ich im Unglücke war, seine Executoren überden Hals. Die Moral des Staates hatte die meinigevergiftet, ich war erbittert bis in's Mark. Für michwaren Tugend und Recht leere Begriffe geworden. Zeit-weise ohne Arbeit, war ich durch meine Armuth genöthigt,zur Befriedigung meiner Leibesbedürfniffe billige undschlechte Lokale zu besuchen. Dort kam ich mit Leutenaus der Verbrecherwelt zusammen. Sie ließen mich dasbaare lachende Geld sehen, welches ihr Geschäft ihnenabwarf; ich begann an der anscheinend so mühelosenLaufbahn des Verbrechens Gefallen zu finden, und alsich einst vier Tage lang hatte fasten müssen und demHungertode nahe war, warf ich meine letzten Bedenkenvon mir und betheiligte mich an einem Diebstahle. Ichward dabei ergriffen, vor Gericht gestellt und in's Ge-fängniß gesteckt. Während meiner Strafzeit bereute ichmeinen Fehltritt und nahm mir fest vor, nie wieder auf