Ausgabe 
(17.8.1894) 67
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den Weg des Lasters zurückzukehren. Aber wo ich auchanklopfte, um ehrliche Arbeit zu suchen, überall scheuteman davor zurück, einen bestraften Verbrecher in Dienstzu nehmen. Einmal zu den schlimmen Genossen zurück-gekehrt, wurde ich von diesen nicht mehr aus den Fingerngelassen. So bin ich auf dem Wege des Verbrechensfortgeschritten, und nichts vermochte mich mehr aufzu-halten, es hätte denn ein Engel sein müssen. Und diesesWunder geschah wirklich: der Engel waren Siel Undwären Sie auf Erden das einzige Wesen, in dem nochTugend nnd erhabene Selbstverleugnung wohnt, umIhretwillen allein schon lohnte es sich, den Weg desGuten zu wandeln. Niemals habe ich wieder meine Handnach unrechtem Gute ausgestreckt."

Melanie hatte mit tiefer Bewegung zugehört. AlsRölling schwieg, saß sie noch lange stumm vor ihm undhielt das Antlitz mit der Hand bedeckt.

Und wovon fristen Sie jetzt Ihr Leben, HerrRölling?" fragte sie endlich.

Er lächelte trübe.Ich arbeite, wenn es Arbeitgiebt. Sehnsüchtig blicke ich des Morgens gen Himmel,ob er nicht einen tüchtigen Schneefall in die StraßenBerlins Herabschicken werde, darüber freue ich michstets wie ein Kind über eine Weihnachtsbescheerung, dennda giebt es mit Schaufel und Spitzhacke ein StückchenGeld zu verdienen, was oft auf viele Tage reichen muß."

Melanie blickte ihn mit dem Ausdruck schmerzlichenMitleids an. Dann trat sie entschlossen auf ihn zu.

Es wäre eine Sünde, ein Verbrechen," sagte sie,wollte ich Sie in Ihre traurigen Verhältnisse zurück-kehren lassen. Sie stehen von dieser Stunde an inmeinen Diensten. Welche Beschäftigung würden Sie sichhier wohl wünschen?"

O, jede Arbeit, die Sie mir anweisen, werde ichmit Freude verrichten," rief Nölling, während es inseinem Auge hell aufleuchtete,machen Sie mich zumuntersten Ihrer Hirten oder vertrauen Sie mir Millionenungezählt an ich werde mein Amt treu und recht-schaffen verwalten."

Melanie versank in ein kurzes Nachsinnen. Plötzlichschien ihr ein Gedanke zu kommen.Ich nehme Siebeim Wort," sagte sie ernst,ich vertraue Ihnen dasTheuerste an, was ich besitze - meinen Bruder."

Er ist nicht hier, vermuthe ich?"

Er muß feiner angegriffenen Gesundheit wegenden Winter über in einem milden Klima verbringen undhat seit einiger Zeit eine Villa bei Monte Carlo bezo-gen, wo sich die berüchtigtste Spielhölle Europäs befindet.Ich fürchte, daß er seine Gesundheit vernachlässigt undseiner Leidenschaft fröhnt. Ich kann ihm leider nicht7'ir Seite stehen, um ihn zu überwachen, denn eS wareine seiner ersten Maßnahmen, den zuverlässigen underfahrenen Mann- welcher dieses Gut bisher verwaltete,zu entlassen. So bin ich denn an die Scholle gebanntund muß selbst nach dem Rechten sehen, so gut ich esvermag. Wenn ich zu Jemand das Vertrauen habe,daß er meinem Bruder ein warnender Freund, ein treuerBerather sein würde, so sind Sie es, Herr Rölling.Ich glaube, daß Sie größeren Einfluß auf ihn besaßen,als ich, daß Sie von diesem Einfluß nur im bestenSinne Gebrauch gemacht haben."

Das that ich stets, denn ich wollte nicht, daß erso tief fallen sollte wie ich," erwiderte Rölling.Ober aber auch jetzt noch auf mich hören wird, ob er als

reicher Mann sich nicht des Umgangs mit einem ehe-maligen Verbrecher schämen wird, wenn dieser auch nurin dem Verhältniß eines schlichten Dieners zu ihm steht,ist eine andere Frage. Ich werde aber mein Möglich-stes thun, um mich Ihres großen Vertrauens würdig zuzeigen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für alles, wasSie an mir gethan haben, danken soll!"

Wenn Jemand Ursache hat, dankbar zu sein,"entgegnete Melanie,so bin ich es, denn ich betrachtees als eine große Gnade Gottes, daß er mir die Mittelgegeben hat. Anderen zu helfen, wie auch ich in dertrostlosesten Lage meines Lebens einen Retter fand."

Rölling bemerkte, wie ein Schatten über ihr schönesAntlitz glitt, während ihre Hand unwillkürlich nach demHerzen griff, als ob die Worte, welche sie eben gesprochen,einen schmerzlichen Gedanken in ihr geweckt hätten.

xxxvn.

Die Sonne tauchte hinter den leuchtenden Kuppelnund Spitzen des Casiuos von Monte Carlo unter; diewinzige Halbinsel lag wie schlafend am Busen des Meeres,welches fern im Süden mit dem Himmelsblau zusammen-schmolz. Im Osten breitete sich ein röthlich flammenderSchimmer über Land und Wasser aus, den Hügelzugbei Mentone in rosafarbene Schleier hüllend. Ein paarnäher liegende Anhöhen bildeten den dunkleren Hinter-grund für freundliche Villen und Gärten, welche in tro-pischer Pracht prangten. Weit hinten im Norden schloffendie blendenden Schneegipfel der Seealpen das Land-schaftsbild ab.

Zwei Spaziergänger betrachteten das großartigestumme Schauspiel. Diese beiden waren Maitland undder Baron von Sturen. Sie hatten nur wenige Wochenin Neapel und Rom verweilt, und Maitland hatte feinenFreund überredet, einen längeren Aufenthalt in MonteCarlo zu nehmen, welches jetzt im Januar aufdem Höhepunkte der Saison stand.

Während Wolfgang umherblickte, von Dankbarkeitgegen das Wesen bewegt, das die Erde in solche Herr-lichkeit gekleidet hatte, stand Maitland in finsteremSinnen.

Wohin soll der Mensch fliehen vor Gott, " rief erin herbem Tone,vor ihm, der die armseligen, ausseiner Hand hervorgegangenen Erdenwürmer in ein Meervon Elend, Zwietracht und gegenseitiger Vernichtung ge-worfen hat! Geht er in die Städte, so findet er dielangsam zehrende Krankheit, die treulose Geliebte, betro-gene Hoffnungen, das Elend der Armuth. Sucht erZuflucht in der Einsamkeit der Gebirge, so folgen ihm derBlitz, der herabstürzende Felsblock oder die donnerndeLawine, und er wird zertreten, wie er selbst den Wurmzertritt. Wozu schuf Gott den Menschen, als um ihnzu verfluchen?"

Maitland's Auge leuchtete grimmig, und auf seinemAntlitz lag ein dämonischer Ausdruck, vor welchem Wolf-gang erschrak. Als er so da stand und seine schönenGlieder anspannte, indem er sich stets am äußerstenRande eines jähen Absturzes im Gleichgewicht hielt,glich er einem der gefallenen Geister, die auf die Erdeherabgekommen, um mit den Sterblichen gefährliche Ge-meinschaft zu halten.

Es ist nicht das erste Mal, daß ich Sie so spre-chen höre," sagte Wolfgang,aber fragen möchte ichdoch endlich einmal, welche Ursache gerade Sie, Mait-