land, zu so finsteren Gedanken haben sollten. Sie ge-hören zu jenen Bevorzugten, welche ein gütiges Geschickmit Reichthümern gesegnet hat; Siebesitzen hohe Geistes-gaben und vereinigen damit jene blendende Persönlich-keit, welche überall ihres Sieges gewiß ist. Ich wüßtenicht, was Sie sich noch wünschen könnten, wenn nichtetwa ein geheimes Leiden Sie drückt, welches Sie bishervor wir verborgen haben."
Maitland blickte seinen Begleiter drohend an, alsob er sich persönlich beleidigt gefühlt hätte, doch ver-schwand dieser finstere Schatten rasch wieder von seinenZügen.
„Mein geheimes Leiden, Baron," antwortete ernach einer Pause, „ist der Fluch, der auf meiner Geburtlastet, und den alle Reichthümer der Erde nicht von mirnehmen können. Wissen Sie, wer der stolze, mit Reich-thum gesegnete, mit Vorzügen des Geistes und Körpersausgestattete Mann ist, der vor Ihnen steht? Ich willeS Ihnen sagen: er ist ein elender Bastard!"
Wieder erschienen jene unheimlich dämonischen Schat-ten auf seinem Antlitz, während er die Fäuste vor sich hinballte; wieder wich dieser Ausdruck wilder seelischer Be-wegung rasch zurück, wie von einem eisernen Willengebannt.
„Meine Mutter war ein gebildetes, ehrbares Mäd-chen aus guter bürgerlicher Familie," fuhr er in ruhi-gem, aber bitterem Tone fort. „Ihre außergewöhnlicheSchönheit reizte die Sinnenlust eines hochadeligen Kava-liers, der ihr die Ehe versprach und sie verführte. DieFrucht dieses Verhältnisses bin ich. — Mein Vateropferte die Geliebte dem Standesvorurtheile und führteeine Dame aus altadeligem Geschlecht zum Traualtar.Während der Sohn, der aus dieser Ehe hervorging,standesgemäß erzogen wurde und den stolzen Titel seinesVaters erbte, war ich die Schande meiner Mutter unddas Verhängniß ihrer Zukunft. Als sie einst in derZeitung las, daß ein reiches kinderloses Ehepaar einenKnaben an Kindesstatt zu adoptirren wünschte, trug siemich hin. Ich bin meiner Mutter nie mehr im Lebenbegegnet. Ich grolle ihr nicht, daß sie die Bürde vonsich abschüttelte, denn sie mußte, um nicht unterzugehen,mit der hergebrachten Sitte der Gesellschaft rechnen.Wer meine Eltern waren, erfuhr ich mit allen Einzel-heiten später durch meine Pflegeeltern, welche mir inErmangelung anderer Erben ihr sehr bedeutendes Ver-mögen hinterließen. Schon in meinen Jünglingsjahrenfaßte ich einen Haß gegen den wortbrüchigen Mann, derdas Leben meiner Mutter vergiftet hat, einen noch glühen-deren Haß aber gegen meinen Halbbruder, der mir alledie Rechte gestohlen hat, auf welche ich nach natürlichemGesetze gerechten Anspruch besäße; er ist eine lebendigeBeleidigung meines Ehrgeizes und meines Stolzes. Ver-einigten sich nicht alle Eigenschaften in mir, die michbefähigen, um in jener Elite, der sich die Thüren derKönige und Fürsten öffnen, eine glänzende Rolle zu spie-len, so ließe ich mir vielleicht an Geld und Gut genü-gen. Aber gerade alle jene Vorzüge, die ich besitze, er-scheinen mir als ein Hohn auf meine Geburt, und nunfrage ich Sie, was mir das Leben bieten, was es mirsein kann! Nur eine Aufgabe wüßte ich mir noch zustellen, welche mir das Leben werthvoll machen könnte."
„Welche?" fragte Wolfgang.
„Die Aufgabe, meine Mutter und mich zu rächen,den meiner Rache durch den Tod entrückten Vater in
seinem legitimen Sohne zu strafen und diesen hinabzu-drücken, tief, tief unter mich hinab in den Sumpf gänz-licher Verkommenheit, wo ihm Titel und Würde nurnoch wie eine beißende Ironie erscheinen sollten!"
Maitland schien sich in eine solche Erbitterunghineingeredet zu haben, daß Wolfgang vor dem Blicketödtlichen Hasses, dem er in Maitland's Auge begegnete,unwillkürlich zurückbebte. Er gab daher jeden Versuchauf, ihn mit seinem Schicksale zu versöhnen, und wagteauch nicht, ihn auf den Widerspruch aufmerksam zumachen, in welchen Maitland mit sich selbst gericjh, in-dem er den Verführer seiner Mutter wegen eines Ver-gehens verurtheilte, aus welchem Maitland selbst sichkein Gewissen gemacht haben würde.
Wolfgang begnügte sich zu fragen, ob Maillandseinem Halbbruder im Leben schon begegnet sei.
„Wir kennen einander," gab Maitland finster zurAntwort.
„Und Ihre Mutter? Haben Sie nichts über derenspäteres Schicksal erfahren?"
„Sie starb in ihrem dreißigsten Lebensjahre alsdie Gattin eines Mannes, der ihr Vater hätte seinkönnen. Ich war bei Ihrem Tods zwischen zehn undelf Jahre alt. Doch genug hiervon. Kommen Sie mitmir in's Casino, damit die Roulette mich auf andereGedanken bringt. . ."
Beide begaben sich auf den Weg nach dem Casino,ohne mehr als dann und wann ein paar gleichgiltigeWorte auszutauschen.
Das Casino stand auf einem großen Platze, indessen Mitte sich eine Fontäne mit weitem Bassin erhob.Spaziergänger mit vergnügte» oder verstimmten, stets aberaufgeregten Mienen wandelten dort umher.
In der von Säulen getragenen Vorhalle empfingenDiener, alle Nähte mit Goldborten bedeckt, die ankom-menden Gäste.
Zum ersten Male betrat Wolfgang die Jnnenräume,mit denen Maitland aus früheren Jahren sehr wohlbekannt war. In den drei großen, der Norllette unddem Prsntö-st-Huai'Lllts gewidmeten, tageshell erleuch-teten Spielsälen gruppirte sich um sieben Tische in bun-tem Gedränge eine sehr gemischte Gesellschaft, zu welcherParis in freigebigster Weise seine Oami-rnonäs beige-steuert hatte. Eine fast andächtige Stille herrschte unterder dichten Menschenfülls. Man hörte nur das Klingender Münzen, das Schwirren der Scheibe, das Gerasselder Kugel und von Zeit zu Zeit den näselnden gleich-mäßigen Ruf der Croupiers: „l?ait68 votro zsu, Llss-sieurs!" und „klian ns va xlus!"
Die meiste Anziehungskraft übte die Roulette. Mait-land trat mit Wolfgang an einen dieser Spieltische. Aufdem Glücksfclde erhoben sich Berge silberner und gol-dener Frankstücke, breitete sich eine ganze Brandung rau-schender Bankscheine aus. Und dann plötzlich rafftendie Krücken der Croupiers alles unbarmherzig zusam-men. Während Wolfgang mit gespannter Aufmerk-samkeit den Vorgängen auf dem Glücksfelde folgte,welche ihm vollständig neu waren, beobachtete Maillanddie um die Roulette versammelte Gesellschaft. Unter denSpielern auf der anderen Seite bemerkte er plötzlicheinen hochelegant gekleideten jungen Mann, dessen Gesichtihm bekannt vorkam. Aber erst nachdem er diesen Zügenein gründliches Studium gewidmet hatte, erkannte erNettberg wieder, so sehr hatte sich dieser, seit er ihn