Ausgabe 
(17.8.1894) 67
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zuletzt gesehen, verändert. Seine Wangen waren bleichund eingesunken und auf jeder derselben brannte einHeller rother Fleck; die tief in den Höhlen liegendenAugen zeigten einen unnatürlichen Glanz; seine Brustathmete hastig und dabei ließ er ein leichtes, aber häu-figes Hüsteln hören. Er spielte unausgesetzt und schobmit den gelben dürren Fingern, an denen Brillantringefunkelten, seine Banknoten mit einer Blasirtheit hin, alswären sie Maculatur. Es währte nicht lange, so sahMaitland hinter ihm eine riesige Gestalt auftauchen, inwelcher er ebenfalls einen alten Bekannten wieder er-kannte. Es war Nölling. Er trug schwarze Kleidung,eine schneeweiße Cravatte, drückte einen schwarzen Cyiin-derhut an seine Brust und schien mit aller einem Kammer-diener geziemenden Ehrfurcht Nettberg durch leises Zu-reden vom Spieltische entfernen zu wollen. Rettberg'sAntworten trugen offenbar das Gepräge herrischer Ab-weisung. Die stumme Scene wiederholte sich ein paarMal, bis Nettberg sich endlich zu fügen schien. Mehrgetragen als geführt, schwankte er an der Seite desRiesen mit schleifenden Füßen matt dahin, aber nicht umden Saal zu verlassen, sondern nur um an einen Irents-et-guarants-Tisch zu treten und dort von neuem zuspielen.

Maitland hatte diesen Vorgang mit einem leisenZuge des Hohns um seine Lippen beobachtet; jetzt aberwurde seine ganze Aufmerksamkeit von Wolfgang in An-spruch genommen.

Für diesen lag in dem Glänzen des GoldeS , demerbarmungslosen, unaufhörlichen Schwingen der Krückender Croupiers etwas dämonisch Anziehendes; hier vergaßer den schmerzlichen Druck, der auf seinem Herzen lastete.Er hatte lange den Kreislauf der Roulette beobachtet.Jetzt zog er eine Rolle Gold hervor und setzte sie aufNummer dreizehn. Die Scheibe machte ihre Drehung,und die Kugel rollte in ihr Fach.

Dien na vL plus!" näselte der Croupier inautomatischer Eintönigkeit.

noir, Iwpair st rnanHuel" klang esdann und Wolfgang's Einsatz hatte sich verdoppelt.Er ließ alles liegen und spielte weiter. Noch mehrereMale wiederholte sich dasselbe. Gold und BanknotenIhürmten sich vor dem glücklichen Spieler auf.

,2ärc>!" sagte er, die ungezählten Tausende ein-setzend.

2sro!" wiederholte der Croupier. Die Scheibesetzte sich in Bewegung, die Kngel schnurrte, dann stießste an die Umfassung.

1.6 gen 68t kait . . . riöu ns va plus . .

Irsuis äeux; Iiou§6 ?rür 6t I'ass6 , .

Alles war fort!

Von neuem holte Wolfgang eine Rolle Gold ausseiner Tasche. Er befand sich in einer Aufregung, dieer nie vorher gekannt hatte, sein ungestümes Wesen be-herrschte ihn mehr denn je und riß ihn zu einer Heftig-keit hin, die er vergebens bändigen zu können wünschte.

Maitland's Blick hing mit dem Ausdruck wildenTriumphs an dem Spieler.Der erste Sprung ist ge-than," dachte er bei sich.Er soll weitergehen, undüber kurz oder lang will ich der Welt einen so gemeinenund leeren Wüstling zeigen, als irgend einen, der seineLage und Nächte am Spieltische zubringt!"

Als Wolfgang einmal zufällig sein Auge von derkreisenden Höllenmaschine wegwandte, sah er eine Ge-

stalt, bei deren Anblick ihm das Blut heiß zu den Schlä-fen drang; er verstand nichts mehr von allem, was aufdem Glücksfelde vorging, als daß er abermals das Spielverloren hatte. Die Erscheinung, die ihm so unver-muthet hier in der Fremde entgegentrat, war Felicitas.Sie trug Trauerkleidung. Er eilte auf sie zu, faßteihre Hand und führte sie aus dem Gedränge. Felicitaswar nicht weniger bewegt als er und ließ die weiche,schöne, zitternde Hand in der seinigen, so lange er siehalten wollte. Auf seine Frage, warum sie Trauertrage, antwortete sie, daß ihr Vater gestorben sei.

Wolfgang," sagte Felicitas. während sich beidelangsam dem Ausgange des Saales zu bewegten,ichhabe Sie um eine große Gunst zu bitten."

Reden Sie, Felicitas," erwiderte er.Sind Siedenn nicht überzeugt, daß ich, um Sie glücklich zu machen,selbst mein Leben hingeben würde?"

Treten Sie nie wieder an einen Spieltisch, Wolf-gang," bat Felicitas.Sie wissen nicht, was ich inden letzten zehn Minuten gelitten habe."

»Ich sagte Ihnen, Felicitas, daß ich nicht dafürstehen könnte, welche Zerstreuungen ich suchen würde,um den Jammer los zu werden, den Ihr Verlust übermich gebracht hat."

O, Wolfgang," entgegnete Felicitas,suchen Sieum meinetwillen nach einem bessern Troste. Zu wissen,daß Sie glücklich sind, wäre die einzige Freude, der ichnoch fähig bin."

Ich muß mit Ihnen sprechen, Felicitas," sagte er,indem er sie sanft in die Vorhalle zog.Sie dürfenes mir nicht abschlagen."

Beide schritten die breiten Stufen hinab und suchtendraußen auf dem weiten Platze eine einsam gelegeneStelle auf, wo sie auf- und abwandelten.

(Fortsetzung folgt.)

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Land und Leute i« Holland .

Von Theodor Hermann Lange.

(Nachdruck verbolen.1

Wer Holland als Tourist besucht, nimmt gewöhnlichseinen Weg zunächst nach der Hauptstadt des Landes,nach Amsterdam. Amsterdam ist nicht nur die größte,es ist auch die schönste Stadt Hollands, die man häufigdasnordische Venedig" nennt und die thatsächlich invielen Stadtvierteln an die herrliche Lagunenstadt ander Adria erinnert.

Ziehen sich doch auch in Amsterdam neben den großenund breiten Straßen und den prachtvollen Quais tiefeGrachten" (Wasserstraßen) entlang, welche mit unzäh-ligen Lastkähnen, schnellen Dampfern und zierlichen Bootenbedeckt sind. Eine mehrstündige Dampferfahrt durch dieverschiedenen Quartiere orientirt am besten, obschon dieStadt aus weit über hundert Inseln und Jnselchen be-steht, welche durch 360 Zug- und Drehbrücken mit ein-ander verbunden sind. Von Jahr zu Jahr verringertsich allerdings die Wasserfläche in und um Amsterdam. Die Bassins im Centrum der Stadt verschwinden durchTrockenlegung mehr und mehr, und große Plätze entstehenauf dem so gewonnenen Terrain. Amsterdam ist gleich-wie Rotterdam ganz auf Pfählen erbaut. Die obereErdschicht in der Stadt besteht aus losem Sand undSchlamm, und bevor nicht die Pfähle in den unterstenfesten Sand eingerammt sind, läßt sich kein dauerhaftes