Ausgabe 
(17.8.1894) 67
Seite
517
 
Einzelbild herunterladen

617

Gebäude aufführen. So kostet der Ban unter der Erdebisweilen mehr als der über derselben. Ganze deutsche Wälder sind hier in die sumpfigen holländischen Torf-lager eingerammt worden. Vor einigen fünfzig Jahrenversank plötzlich ein für die ostindische Kompagnie errichtetesKornmagazin buchstäblich in den Schlamm, da die Pfählenachgegeben hatten. Mehrere Jahre später drohte übrigensAmsterdam noch eine andere Gefahr sehr bedenklicher Art.Manche Pfähle waren von Holzwürmern derartig zerfressen,daß sie einer Honigscheibe auf ein Haar ähnelten. DerWurm war aus tropischen Ländern mit Schiffen herüber-gekommen, konnte aber zum Glück das nordische Klimanicht vertragen und war nach etwa Jahresfrist wiedervollständig verschwunden.

Das moderne Amsterdam ist ungemein reich anKirchen, Palästen, Museen, Akademien, Bibliotheken undSammlungen der verschiedensten Art. Die gemeinnützigenAnstalten, die Asyle u. s. w. müssen geradezu als muster-giltig bezeichnet werden. Von hohem technischem undtheilweise auch historischem Interesse sind die Diamant-schleifereien nördlich und südlich von der Binnenamstel.Aber auch die Industrie mit nachgeahmten Diamantenblüht in Amsterdam .

Den Mittelpunkt des Verkehrs in Amsterdam bildetoer sogenannteDam" (Damm). Von hier aus laufendie Hauptstraßen: Damstraat, Kalversiraat, Nieuvedijku. s. w. aus. Hier befinden sich die größten Geschäfts-läden, die ersten Hotels, die vornehmsten Restaurantsund Cafes. VomDam" einem großen Platz, aufwelchem auch das Königliche Palais , die Börse und an-dere hervorragende Bauten stehen gehen Pferdebahnennach allen Richtungen. AmDam" kann man aucheinen der kleinen Vergnügungsdampfer besteigen, umhinaus nach demN" (Ei") oder auf der Binnenamsteldurch die Stadt zu fahren. AmN", an derHandels-kade", amOsterdock" u. s. w. löschen und laden diegroßen Ozeandampfer und Segelschiffe.

Fast uoch großartiger als in Amsterdam erscheintuns in Rotterdam der holländische Seeverkehr, da er inletzterer Stadt sich nur an wenigen Quais konzentrirt.Nähert man sich beispielsweise von Dordrecht kommendder Stadt Rotterdam , so hat man vom Eisenbahnwaggonaus einen herrlichen Blick über den Wald von Masten,der uns auf der rechten Seite entgegenstarrt. Der Eisen-bahnzug fährt auf einem großartigen Viadukt dahin, undschon vor der Einfahrt in die Stadt haben wir eineprächtige Aussicht. Ueber Brücken und Kanäle, über dieMaas , die Rotte, carröartige Bassins rollt der Zug,um schließlich an derStation Börse" stehen zu bleiben.Die beidenneuen" hohen Maasbrücken sind entzückendeBauwerke. Drunten plätschern die Wogen, auf derenRücken kleine Boote und Dampfer, sowie die stolzenOstindienfahrer, die prächtigen Post- und Passagierdampferder Niederländisch-Amerikanischen Dampfschifffahrtsge-sellschaft sich schaukeln, welche den Verkehr zwischen Holland und Amerika vermitteln, während bis hinauf zum Rotter-damer Park ein Wald von Masten unsern Blicken sichdarbietet und Kriegsschiffe, Kanonenboote und Küsten-fahrer vor unsern Augen sichtbar werden. Hier merktwan den Pulsschlag des Weltverkehrs, hier werden dieProdukte aller Zonen und Länder verladen, hier erhebensich die langen Reihen gewaltiger Speicher, von denen eineinziger oft 700,000 Ctr. Getreide tragt. Die Passagier-dampfer der Niederländisch-Amerikanischen Dampfschiff-

fahrtsgesellschaft liegen am sogenannten Norder-Eilandund an einem bestimmten Tage in der Woche stauen unddrängen sich Hunderte von Europamüden zusammen, inüberwiegender Anzahl deutsche Auswanderer, um die Reisenach Amerika anzutreten.

Ebenso großartig wie nach dem Hafen zu ist inRotterdam der Ausblick von derStation Börse" in dieStadt hinein. An den prächtigen Postplatz mit demstattlichenPostkantoor" und derBeurs" (Börse) schließensich die neuen hochgebanten Straßen an, von schiffbarenKanälen durchflossen. Die frequenteste und wohl ammeisten deutsche Straße Rotterdams tst dieHoogstraat"(hohe Straße). Hier liest man an den Firmentafelnauffallend viel deutsche Namen, hier befindet sich auchmindestens ein Dutzend besserer Münchener Bierhallen.Apostelbräu",Löwenbräu",Weihenstephan ",Kloster-bräu" u. s. w. alle diese und ähnliche Namen prangenauf großen Schildern weithin sichtbar an den Häuser-reihen. Ja sogar eineBerliner Weißbierstube" befindetsich hier.

Die Zahl der in Holland ansässigen Deutschen istübrigens eine verhältnißmäßig recht bedeutende. Unterden 360,000 Einwohnern Amsterdams befinden sich über12,000, unter den 185,000 Einwohnern Rotterdams etwa 8000 Deutsche .

Der Neiseude, der aus Deutschland oder sonst wo-her nach Amsterdam und Rotterdam kommt und in diesenbeiden Städten die vielgerühmte und peinliche Sauberkeitkennen lernen will, wird zwar Amsterdam als eine ele-gante und reinliche Stadt bezeichnen müssen, aber hin-sichtlich weniger Straßen Rotterdams doch arg enttäuschtsein. Es giebt in Rotterdam zwar ungemein saubereStadtviertel, aber bei dem enormen Frachtverkchr durchdie Stadt ist es gar nicht möglich, gewisse Straßen, wosich große Gütermassen stauen oder ein- und ausgeladenwerden, fortwährend reinlich und sauber zu halten. Willwan die holländische Sauberkeit kennen lernen, so mußman in die Provinz reisen. Dort sind zahlreiche Dörferso überaus reinlich gehalten, daß oft uoch die kühnstenErwartungen übertroffen werden. Der Preis gebührtin dieser Hinsicht dem Dorfe Broek, das sich von Am-sterdam aus bequem in zwei Stunden erreichen läßt.Die Fußwege in Broek sind mit gebrannten, verschieden-farbigen Ziegeln mosaikartig gepflastert. Der Fahrwegführt um das Dorf. Im Sommer sind eine AnzahlKinder eigens zum Zwecke angestellt, um jedes Blatt,jede Blüthe, welche ein Windhauch in die Gassen weht,aufzuheben und in gemauerte Löcher, bezw. Behälter zuwerfen, die mit grün und weiß angestrichenen Bretternbedeckt werden. Natürlich werden diese Gassen tagtäglichvon den Dienstmägden gescheuert, getrocknet und glattbezw. glänzend gebürstet. Die Dienstboten reinigen dieTeppiche, Schuhe und Kleider ihrer Herrschaften niemalsin oder vor den Häusern, sondern auf einem eigens dazubestimmten Grasplatze, der sich einige Hundert Schrittevom Dorfe entfernt befindet. Die Kaminrohre in denHäusern werden gleichfalls sorgfältig gewaschen. An denThüren steht Schuhwerk aller Art, denn im Hause selbergehen die Bewohner nur in Filzpantoffeln. Erwühnens-werth sind gleichfalls die doppelten Eingänge in jedemHause. Die Hauptthür wird meist nur bei Taufen,Trauungen und Begräbnissen geöffnet. Ganz besondersstilgerecht" und sauber sind die Kuhställe in Broek', diesich meist unter den Dächern der Wohnhäuser befinden.