In mehr als einem Kuhstalle gewahrte ich auf dem Ge-simse prachtvolle große Manteluhren mit guten Musik-werken. Auf den Dächern einiger Kuhställe sah ichwiederholt Uhren mit Glockenspiel. Im Sommer dientder Kuhstall der Familie bisweilen zum Speisezimmer,da sich das Vieh während der warmen Jahreszeit Tagund Nacht auf der Weide aufhält. Doch ich will es andiesen Mittheilungen über Broek genug sein lassen. Wennauch hie und da die holländische Reinlichkeit zu einerManie ausartet, im Großen und Ganzen berührt denReisenden dieser Ordnungssinn sehr angenehm.
Der Holländer ist nicht der sauertöpfische, wortkargeGeselle, wie man sich ihn häufig vorstellt. Der Holländerißt und trinkt außerdem nicht bloß gut, sondern auchverhältnißmäßig sehr viel. Besonders ist es die bäuer-liche und niedere Bevölkerung, welche in letzterer Hinsichtetwas Außerordentliches leistet. In den Kirmeßwochen
— die große Rotterdamer Kirmeß währt drei Wochen
— wird gewöhnlich drei Mal am Vormittag gefrühstückt,was immerhin sehr viel ist, wenn schon der Holländererst um 4 Uhr Nachmittags zu Mittag zu speisen pflegt.Mit diesen Kirmessen sind stets große Jahrmärkte ver-bunden. Für das männliche und weibliche Gesinde istdie Kirmeß »die tolle Woche". Viele Mägde bedingensich bei ihrem Dienstantritt für die Kirmeßzeit direkt dreibis vier vollständig freie Tage und Nächte aus, die ihnenauch von der Herrschaft zugesichert werden. TrotzdemEnde August und Anfang September es oft noch drückendheiß ist, tanzt das junge Volk leidenschaftlich und stärktsich dabei an — Grog, Glühwein, Punsch, Branntwein,Thee , Kaffee u. f. w. Noch überraschender ist die selt-same Sitte unter den Dienstmädchen gewisser ProvinzenHollands , für die Dauer der Kirmeß sich einen Liebhaberzu »miethen". Und zwar sind diese Liebhaber gar nichtso billig. Oft thun sich sogar zwei oder auch dreiMädchen zusammen, um sich einen Liebhaber gemeinschaft-lich zu engagiren, falls ein solcher für ein Mädchen zutheuer sein sollte. Dieser „Bräutigam auf Zeit undKündigung" hat vielerlei Pflichten. Natürlich muß erzunächst ein sauberer und schmucker Bursche sein, dannein flotter, unermüdlicher Tänzer, damit die Mädchen„mit ihm sich sehen lassen können" u. s. w. Der Lieb-haber erhält außer verschiedenen werthvollen Geschenkenseitens seiner Beschützerinnen natürlich während der ganzenKirmeßwoche vollständig freie Zeche.
Ich fand übrigens bei meinen häufigen Reisen durchdie verschiedenen Provinzen hie und da recht interessanteSitten und Gebräuche. Will z. B. in Nordholland einjunger Mann ein Mädchen heirathen und weiß er nicht,ob er auf Gegenliebe rechnen darf, so klopft er einesTages an die Hausthür und bittet das junge Mädchen,an welches er sein Herz verloren, um Feuer für seineausgegangene Zigarre oder Pfeife. Das erste Mal wirdihm das Feuer anstandslos von dem Mädchen gereicht;erbittet er sich den andern Tag oder einige Tage späternoch einmal Feuer, so weiß das junge Mädchen sofort,welche Absichten den jungen Mann in das Haus ihrerEltern geführt haben. Verweigert sie ihm jetzt das Feuer,so gilt dies als Zeichen, daß sie von seiner WerbungNichts wissen will. Reicht sie es ihm aber lächelnddar, so giebt sie ihm dadurch die Hand zum Bunde fürsLeben. In anderen Gegenden Hollands ist folgenderähnlicher Gebrauch üblich. Ein junger Mann hat ineiner Familie ein junges Mädchen kennen gelernt, das
er gern heirathen möchte. Um sich nun zu überzeugen,ob die Jungfrau gern die Seine werden möchte, schickter der Mutter der von ihm angebeteten Dame eine Torteoder einen Kuchen ins Haus und bittet sich die Erlaubnißaus, den Kuchen mit in der Familie bei einer TasseKaffee verspeisen zu dürfen. Natürlich wird ihm dieseBitte nicht abgeschlagen. Hilft nun das junge Mädchenmit, den Kuchen zu verzehren, und beißt sie mit ihrenweißen Zähnen herzhaft in ihr Kuchenstück hinein, so hatsie „angebissen" und ist bereit, mit dem jungen Manneden Bund fürs Leben zu schließen. Läßt sie aber denKuchen unberührt, so will sie von dem Betreffenden Nichtswissen, der sich nunmehr allerdings sehr rasch und schwerenHerzens von der Familie verabschiedet.
Uebrigcns sind die Holländerinnen durchweg hübsch.Große, kräftige, elastische Gestalten, heiter, lebensfroh undmeist wirklich gebildet, auch sehr sprachgewandt und vor-zügliche Gesellschafterinnen. Die holländische Sprache klingtaus dem Munde einer gebildeten jungen Holländerin sehrangenehm, und wenn das Holländische natürlich auch nichtden Wohllaut des Italienischen hat, so ist es doch eineauf's Feinste durchgebildete Sprache, welche der Hoch-deutsche sich in vielen Stücken zum Muster nehmen könnte.Es ist gänzlich falsch, wenn hie und da behauptet wird,das Holländische sei eigentlich gar keine Schriftsprache,sondern so etwas ähnliches wie Plattdeutsch. Bisweilenwerden in Zeitungen und Büchern holländische Worteoder ganze Sätze mitgetheilt, um angeblich zu beweisen,wie „kurios" das Holländische eigentlich sei. So soll z. B.der Holländer für „Kopf" die Worte „Deetz" oder „Dassel "haben. Der Satz: „Sie salbten ihm daS Haupt mit Oel",soll angeblich beißen: „Se schmeerten hem den Deetz metFatt in"; ja nach einer noch tolleren Behauptung: „Sebelabberten hem den Dassel met Thran." In all diesenSätzen ist indessen kein holländischer Ausdruck vorhanden.Vor allem verdient die holländische Sprache deßwegen An-erkennung, weil in ihr verhältnißmäßig wenig Fremd-wörter enthalten sind und auch der gebildete Holländerin der Umgangssprache nur selten ein Fremdwort an-wendet. Wir sagen „Kolonie", der Holländer „Volk-planting", d. h. „Volkspflanzung"; wir haben unsern„Professor", der Niederländer sagt „Hoogleerar", wirsprechen von „Extremen", die Holländer vom „uitersten"(sprich äußersten), wir haben „Philosophen«, welche„Ideen" fassen, der Holländer hat „Wysgecren" (Weis-heitsbegehrer), welche „Denkbeelder" (Denkbtlder) in ihremKopfe haben u. s. w.
Uebrigcns wird auch in Holland sehr viel Deutschgesprochen, es ist in den besseren Kreisen sozusagen diezweite Landessprache und verdrängt das Französische immermehr. Früher herrschte in verschiedenen holländischenKreisen eine gewisse Mißstimmung gegen das DeutscheReich. Indessen ist darin neuerdings eine sehr erfreulicheWendung zum Bessern erfolgt, besonders nach der Reife»die Kaiser Wilhelm II. von Deutschland im Juli 1891nach Amsterdam und Holland unternahm.
--SM8SS-.-
Der Nachtwächter.
- (Na-druS ««WoNN.1
Fz Wie der althochdeutsche Name rmktrvasitari zeigtund sein gemeinigliches Blasinftrument, das Horn, dasEhrenzeichen der Krieger, Jäger und Gerichtsboten er-kennen läßt, vermag der verspottete Nachtwächter sich eines