Ausgabe 
(17.8.1894) 67
Seite
519
 
Einzelbild herunterladen

619

hohen Alters zu rühmen. Er war auch von Anfangein in jeder Beziehung ehrenwerther Mann. Denn ergenoß das rühmliche Vorrecht des Freien, Waffen zutragen, und rvaoka, und ^varäs, d. i. die Tag- undNachtwache, die Aufrechthaltung der Ordnung im Innerndes Landes, die Hut der Städte, Festungen und Grenzendes Reiches gehörte ja zu den Bürgerpflichten desfreien Mannes. Als im Mittelaltcr das Reich in eineReihe kleiner Gewalten zerfiel, da ging auch dieNacht-wache" in den Dienst dieser engen Kreise über. Nament-lich war es das luftige Amt der Thurmwächter auf Höfenund Burgen, dem der beschriebene militärische Charakteranhaften blieb. Allein es ist auch wahrscheinlich, daßgerade für dieses Amt nach und nach sich Verrichtungenausbildeten, welche mehr dem geselligen und friedlichenZusammenleben der Burgbewohner ihr Dasein verdankten,zunächst das rufende Ansagen des Abends und Mor-gens, der Abend- und Morgenwunsch, daß Gott denMenschen eine gute Nacht und einen guten Tag gebenmöge. Dieser Gruß kam aber damals nicht bloß ausWächters Mund, sondern:Gott geb' Euch Fraue guteNacht!" oder:Gott geb' ihr immer guten Tag!" wargäng und gäbe in der höfischen Sprache. Für daSStunden ausrufen kommen die Belege später vor. Vor-erst blieb man bei der einfachsten Nalurbeobachtung, welcheden Tag noch nicht in Stunden, sondern bloß in Tagund Nacht und das Jahr nur in Sommer und Wintertheilte. Ein Gedicht der höfischen Periode erzählt:

Der Wachter auf der Zinne saß,

Sein Tagelied er sang,

Daß ihm sein' Stimm' erklangVon großem Ton.

Er sang: Es taget schon

Der Tag, er scheinet in den Saal,

Wohlauf, Ritter, überallWohlauf, es ist Tag!"

Aehnlich lautet auch der Morgenruf der Nachtwächterunserer Tage:

Steht auf im Namen Jesu Christ!

Der helle Tag vorhanden ist.

Der helle Tag, der nie verlag.

Gott geb' uns allen guten Lag!"

Und in meiner Heimath, im rheinpfälzischen Westlich,wenn wir in den Chartagen alsKläpperbuwwe" dasGebetläuten am Morgen verkündigten, fangen wir mitfrischer Kehle:

Steht aus im Namen Herrn Jesu Christ!

Der helle Tag vorhanden ist.

Den hellen Tag hat Gott gemacht.

Ave Maria, Betglock'!"

Demselben Nacht- und Thurmwächter wird in einerbesonderen Gattung der mittelalterlichen Lyrik eine hervor-ragende Rolle zugetheilt in denWächterliedern" oderTageliedern", den Scheideliedern zwischen dem Geliebtenund der Geliebten, anknüpfend an den Morgenfang desWächters. Der Amts- und Ehrennachfolger des höfischenNachtwächters wurde der städtische. Er behielt von seinemVorfahren das Horn bei und vertauschte bloß den Spießmit der Hellabarte, neben dem Morgen- und Abendrufward seine wichtigste Verkündigung der Stundenruf.Der älteste Stundenruf stammt aus dem 15. Jahr-hundert und lautet:

Merkt, Ihr Herrn, und laßt Euch sagen:

Die Glock' hat sechse geschlagen.

Hütet's Feuer! Wohlhin guter Sechse!"

Die AnredeIhr Herrn" zeigt uns, daß wir unsauf städtischem Boden befinden, wo die Obrigkeit,

die Herren des Rathes altreichsstädtisch regelmäßigunsereHerren" genannt werden. Auch auf den Dörfern fandmit der Einführung der Schlaguhren der StundenrufEingang. Und je mehr der ursprünglich wehrhafte Charaktersich verdunkelte, je alterthümlicher die Ausstattung desNachtwächters erschien nur die Laterne war alsmodernes Attribut hinzugekommen und je mehr diewohlhabenden Bürger sich der persönlichen Wachlpflichtentzogen, desto unpoetischer wurde das Amt und die Persondes Mannes. Bisweilen ward der Nachtwächter in dieKaste derunehrlichen Leute" verstoßen, bisweilen unter-schied man zwei Arten: die, welche dem Diebssange ob-liegen mußten und also Schergen und Häschern nahe-standen, galten als unehrlich, dagegen erfreute derreine"Nachtwächter mit Lanze, Horn und Leuchte sich einesehrlichen Rufes, er hatte auf Feuer und Licht aufzupassen,bei gefährlichen Ereignissen sich eilends zurückzuziehen undnur aus der Ferne grausam Alarm zu blasen. An einigenOrten, z. B. in Hamburg, ward das wohllautende Hornund der fromme Gesang im 17. Jahrhundert beseitigt.Nach dem Muster Amsterdams warb man 150 aus-gediente Soldaten, rüstete sie mit Partisanen, halbenPiken undanderen guten Wehren" aus und verpflichtetesie für einen genau geregelten Posten- und Patrouillen-dienst. Sie führten ein Klapperwcrk mit sich und hattendasselbehart zu rühren", wenn Brand, Frevel undDiebstahl im Anzüge, halbstündlich aber sanft zu rührenund durch bloße Aussprache zu vermelden: die Glockehat soundsoviel geschlagen; sonst war ihnen jeder Gesangverboten.

Erst im 18. Jahrhundert ward der Nachtwächterwieder in die Strömung der Poesie, hier der Senti-mentalität, dort des Humors hineingezogen. Empfind-same Seelen fühlten sich beim Rufe des Nachtwächtersvon weicher Wchmuth berührt, und Lavater z. B. schriebin sein Tagebuch:Um 3 Uhr Morgens erwachte ich undhörte den Nachtwächter. Ich hörte ihn niemals ohneeine gewisse süße Melancholie, die mit einer feinen Em-pfindung der Flüchtigkeit meines Lebens und der dunkelnVorstellung von wachenden Weisen, seufzenden Kranken,Gebärenden, Sterbenden u. s. w. verbunden ist." DerHumor der Zeit schuf die Fabeln von Gellert, wo zweiNachtwächter sich spinnefeind werden, weil der einebe-wahrt das Feuer und das Licht" und der anderever-wahrt das Feuer und das Licht" singt, und von Claudius,wo der Nachtwächter eine obrigkeitliche Nase erhält, weiler hartnäckig, stattder Klock hat 10 geschlagen",dasKlock" singt. Auch im Kasperltheater und, um es gleichhier zu verzeichnen, in der Jobsiade bekam der Nacht-wächter einen Ehrenplatz. Die Aufklärungszeit bemächtigtesich dann der Poesie des Nachtwächters, in ihrer sinnige»Art. In Leipzig erschien ein Gesangbuch für Nacht-wächter, betitelt:Der Nachtwächter des 19. Jahrhunderts",und in einem anderen Gesangbuch von 518 Liedern fürjede Tugend, jedes Geschäft, jedes Alter, jeden Stand,jedes Geschlecht (Lieder für Müller, Bäcker, Kaufleute,Pfarrer, Schulmeister rc.) ward als Nr. 54 auch ei»Lied für den Nachtwächter geboten:

I. Strophe.

Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagenr

Der Hammer hat 10 geschlagen.

Die Zeit zur Ruhe rückt heran.

Wohl dem, der seine Pflicht gethan!

Habt acht aus Feuer und Licht,

Daß Niemand Schaden geschichtr

's hat 10 geschlagen.