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3. Strophe.
Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagen:
Der Hammer hat 12 geschlagen.
Die Geisterstunde ist vorbei.
Wer glaubt jetzt noch die Narrethei?
Schicht wohl in göttlicher Hut,
Da schlüst sich's sicher und gut!
's hat 12 geschlagen.
6. und letzte Strophe.
Ihr Nachbarn hört und laßt Euch sagen:
Der Hammer hat 3 geschlagen.
Lobt Gott den Herrn sür diese Nacht,
Er ist's, der Euch getreu bewacht!
Verschlaft die Stunde auch nicht,
Sobald der Morgen anbricht.
's hat 3 geschlagen.
In unseren erleuchteten Tagen ist der Nachtwächtervollends zur komischen Figur geworden. Herren undBürger bei vorgeschrittener Bildung mögen von ihm nichtshören, geschweige sich etwas „sagen" lassen. Nur nochin „zurückgeblicbrnen" Städtchen und in Dörfern beg:gnetman bisweilen den romantischen Gestalten. In derGroßstadt aber schleicht still und wild im Schatten derHäuser und Thorbögen der moderne Schutzmann, derDiener jener „furchtbaren Macht, die richtend im Ver-borgenen wacht", der hohen Polizei.
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Erimm'uilgen an Zordaribad.
(Schluß.)
Neben der riesigen und wunderbar gleichmäßig gewachsenenJordanlinde zwischen Badehaus und Wirtschaftsgebäude, unterderen Schatten sich's so angenehm ruht und von der ein neuererDichter singt:
O schöne Ruh' für müde GästeO reicher Schatten weit hinaus!
Und droben summt's im Laub der NesteWie im gewaltigen Bienenhaus.
Als wie ein fernes OrgeldröhnenDie Stimme all der Bienen klingtUnd mit so sanften RauschetönenDer Wind sein Lied dazwischen singt —
— ist es in erster Linie der herrliche, bergansteigende Wald un°mittelbar hinter den Kurgebäuden, welcher das Juwel desJordanbades bildet.
Harzduftige Fichtenbestände abwechselnd mit Gruppen hoch-stämmiger Buchen laden hier zu wandeln, und lauschige Plätz-chen und zahlreiche Bänke zu stiller Ruhe ein. Weit oben amWaldessaum wird bei klarem Wetter das Auge entzückt durcheine umfassende AlpenauSsicht, (die man allerdings noch groß-artiger vom „Lindelc"berg im benachbarten Biberach zu genießenGelegenheit hat; dort schweift das Auge von der Zugspitze biszum Berner -Oberland mit Finsterarhorn und Schrcckhorn).
Dieser schöne Wald ist für die meisten Kurgäste — einigevon ihnen haben in dem darin aus Holz erbauten Waldhauscihr Quartier auch bei Nacht aufgeschlagen — Vor- und Nach-mittags der beliebteste Aufenthalt, wenn sie ihren „Guß" er-halten und sich wieder „warm gelaufen" haben. Hier gibt mansich so ganz der belebenden Kraft ozonreicher Lust hin und dadie allermeisten der Kurgäste mit jenem Leiden behaftet sind,das so recht Ln äo siöols ist, so darf man sicher annehmen, daßdiese Luftbäder nicht zum geringsten Theil an den guten Er-folgen ibren Antheil haben, welche in den Kaltwasseranwend-ungen für Nervenleidende mit Recht gesucht werden. Zudemgibt sür Herzleidende der Waldhügel auch Gelegenheit, die Pros.Ocrtcl'sche Terrainkur zu cxercircn. Leider war eS dem Schreiberdieser Zeilen nur zu kurze Zeit möglich, die Idylle des „Jordan"zu genießen. Aber trotzdem haben ihm die Kaltwasseranwend-ungen, die köstliche Luft und — last not toast — das »xroon!nLAvtiis« eine fühlbare Besserung seines neurastheuischen Zu-standes verschafft.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse waren ganz vortrefflich.Man ist nicht genirt, findet ohne Mähe Anschluß und kann ihnmeiden, wenn man will. Rauschende Vergnügungen gibt eS.nicht,aber eine, fast möchten wir sagen cordiale Stimmung lagertüber der Kurgesellschast und ein ungezwungener aber doch feiner
Ton beherrschte das gesellschaftliche Zusammensein. So fandenes wenigstens wir zur Zeit unseres dortigen Aufenthaltes, undmit Vergnügen erinnern wir uns des angenehmen Verkebrs mithochgebildeten Pcriönlichkeiten geistlichen und weltlichen StandesauS verschiedenen Ländern. Neben dem „engeren Vatcrlande"waren namentlich die Rheinlande stark vertreicn; auch Frank-reich und Rußland hatten eine Anzahl Gäste gesandt und zweifelnwir nicht, daß der Ruf des „Jordan" immer weiter dringenwird, zumal Prälat Kneipp selbst dieses Bad all Denen em-pfiehlt, die größeren Anspruch an Comfort machen und sich indem Trubel von Wörishofen nicht behaglich fühlen. Freilich ginges jüngst dem Altmeister recht übel im „Jordan"; er zog sichauf einige Tage dorthin zurück, um etwas „auszuruhen". Aberwo bat Vater Kneipp Ruhe? Kaum hatte sich die Kunde ver-breitet, daß er im „Jordan" sei, strömte das Volk von Nahund Fern zusammen und mit der Ruhe war's vorbei!
Sonst lebt man freilich sehr ruhig im „Jordan"; aber trotz-dem kann man von Vielen d-e scherzhafte Klage hören „mankommt zu nichts". Man bat eben mit der Pflege der Gesund-heit vollauf zu thun. Des Morgens kommt Wilhelm, der uner-müdliche Bademeister, und für die Damen eine „Schwester",um die Kaltwaschung ru vollziehen. Dann legt man sich wiederzu Bett; dann das köstliche Barfußlaufen in den thaufrifckenJordan-Wiesen; hierauf laugdauerndcS Frühstück: dann kommtdie Post und bringt Briefe und Zeitungen aus der Heimath;nun ist'S Zeit sich warm zu laufen und feinen „Guß", „Halb-bad" oder was sonst zu nehmen und sich wieder warm zu gehen;dann muß man doch den könlieben Wald genießen und nun ruftschon die Glocke zum Diner. Und so ging es fort, bis nacb demAbcndtisch allmälig ctzliche von den männlichen durstigen Seelen,dem Zuge der verderbten Natur folacnd, zu einem feuchtfröh-lichen „Schoppen" im Speiscsoal der Wirthschaft sich zusammen-fanden, und unter der Aegide des allbcliebicn xarockus bar-batns aus Rammingcn jeden neuankommenden Bruder in oers-vlsia — es wurde aber auch Honigwnn und andere entsetzlicheGebräue getrunken — mit dem Wahlspruch begrüßten: „Hammer wieder eint" Doch um V-10 Uhr war strenge Polizeistundeund das war gut — denn ergiebiger Schlaf ist sür die Neu-rastheniker ein Hanptrcquisit und „Ruhe ist dcö Bürgers erstePflicht", zumal im „Jordan".
DaS Jordanbad ist unstreitig ein köstliches Plätzchen undwer Ruhe suchen will, wird sich dort behaglich iühlen. Gottes-friede liegt über dieser Idylle und ferne dem Lärm der Weltläßt sich hier Einkehr halten in'S eigene Innere und zugleichdie Gesundheit Pflegen, auck wenn man mit einer Dosis Skepsisan der Allheilkrast des Wassers ausgestattet ist. ES schadet jeden-falls nichts bei vorsichtiger Anwendung wie sie im Jordan üblichist und — dem Schreiber dieses hat es vorzüglich bekommen.Darum schließt er mit den Worten:
Auf Wiedersehen — trautes Jordanbad!
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Schachaufgabe.
Schwarz.
Weiß zieht an und setzt mit dem 3. Zuge matt.