Ausgabe 
(21.8.1894) 68
Seite
521
 
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^L68.

1894

Augsburger Post;eitung".

Dinstag, den 21. August

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.

Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Gradherr in Augsburg ( Vorbesitzer vr. Max Huttlcr).

Lin Ganne alter Schuld.

Roman von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Die Nacht war klar, und die Luft war mit bal-samischen Düften beladen. Am anderen Ende hob sichdas gewölbte Dach des Casino's gegen den mondhellenHimmel ab, und schattenhafte Gestalten begegneten sichauf der Freitreppe. Unzählige Gasflammen glänztenwie Sterne im dunklen Raume und beleuchteten dieMarmorbalustraden und die spielenden Wässer der Fon-täne, indessen der bläulich blasse Schimmer einer elektri-schen Lampe der Scene etwas Geisterhaftes verlieh.

Felicitas," begann Wolfgang,lassen Sie michhoffen, daß die Verzweiflung nicht länger dauern wird,die mich treiben könnte, aus trüben Quellen Erleich-terung zu schöpfen."

Ach, Wolfgang," seufzte sie bang,ich kann Ihnenleider nichts zu Ihrem Troste sagen. Lassen Sie dieErinnerung an vergangene Tage schwinden ich sagenicht, daß Sie mich vergessen sollen, denn ich glaube,Sie werden dieß nicht können, aber erinnern Sie sichmeiner nur als einer Todten.

Wolfgang schüttelte unmuthig den Kopf.Aberwarum denn, Felicitas? Welches Hinderniß steht unsjetzt noch entgegen? Können Sie keinen Beweggrund an-geben, so fordere ich Sie als die Meinige, die mir durchjedes Band nach allem Rechte angehört."

Nein, nein, sprechen Sie nicht soi" flehte Felici-tas.Niemals, niemals kann ich die Ihrige werden,Wolfgang, der Tod meines Vaters ändert nichtsdaran."

Felicitas," erwiderte Wolfgang in einem Tone,in welchem die Ruhe der Verzweiflung lag,ich dachtemir einst, Sie würden mein Schutzengel sein, Sie wür-den meine Schritte leiten, mich von allem heilen, wasan mir schwach oder verkehrt ist. Ach, wie sehr habeich mich getäuscht! Sie haben mir meine Ruhe ge-nommen, Sie haben mir meine Hoffnung geraubt, Sieziehen mich von der Tugend ab, Sie stürzen mich inHerabwürdigung und Laster!"

O, WolfgangI" rief Felicitas, indem sie seineHand erfaßte und sie beschwörend drückte,wenn Siemich je geliebt haben, so fügen Sie zu der bitternTäuschung meiner ersten und einzigen Neigung nicht nochden unsäglichen Schmerz hinzu, daß der Mann, der mir

das Theuerste in der Welt ist, seinen reinen fleckenlosenRuf weggeworfen, sein Herz auf bösen Wegen verderbthat um meinetwillen. Versprechen Sie mir, daß Siemit solchen Gedanken und Vorsätzen, wie Sie eben aus-gesprochen, nicht von mir scheiden wollen."

Versprechen will ich es Ihnen," erwiderte Wolfgang.

Und nun leben Sie wohl."

O, gehen Sie nicht!" bat Wolfgang.

Ich kann nicht länger weilen," entgegnete sie,man erwartet mich." Sie riß sich sanft los, wandtesich nach einigen Schritten noch einmal nach Wolfgangum, ihm noch einen letzten Gruß mit der Hand zu-winkend, und eilte nach dem Casino zurück.

So plötzlich, so unerwartet schnell war sie ent-schwunden, daß Wolfgang nicht einmal Zeit gefundenhatte, sie zu fragen, welchen Umständen er diese über-raschende Begegnung überhaupt zu verdanken habe. EinigeAugenblicke lang fühlte er sich versucht ihr nachzueilen,aber er gab den Gedanken wieder auf und bog in einender Gänge des Gartens ein, die auf dem Platze mün-deten.

So lange er Felicitas' Stimme gehört, hatten ihreWorte ihn nur in tiefe Traurigkeit versetzen können;jetzt aber, wo er sich wieder allein sah, kam eine unsäg-liche Bitterkeit über ihn. Warum verschwieg sie dasHinderniß, welches auch jetzt noch zwischen ihnen stand?Die Festigkeit, welche in Felicitas' Resignation lag, ließihn an ihrer Liebe, das Geheimnißvolle an ihrer Auf-richtigkeit zweifeln. Wie kam sie hierher nach MonteCarlo? fragte er sich. Warum riß sie sich so schnellwieder von ihm los, und wer erwartete sie?

Wolfgang fühlte sich plötzlich von einem unbestimm-ten Argwohn erfaßt. Er wollte wissen, in wessen Be-gleitung Felicitas sich hier befand. Er kehrte um undeilte nach dem Casino.

Aber es war elf Uhr, die Stunde, wo das Spielgeschlossen wird, und die Säle waren bereits leer. Umdiese Zeit pflegte der Nachtzug die Tagesgäste von MonteCarlo nach Nizza zu führen. Gehörte Felicitas mitihrer unbekannten Begleitung vielleicht zu diesen?

Wolfgang eilte die Terrassenstufen hinab. Auf demPerron der Haltestelle unten drängten sich die Passagierein die Coupes. Der Perron war hell erleuchtet. Wolf-gang täuschte sich nicht: jene Dame dort, welche etwazehn Schritte von ihm soeben in ein Coupe verschwand,war Felicitas. Ein Diener, der hinter ihr gestanden,