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reichte ihr einen Shawl hinein, welcher über seinem Armegehangen hatte, und eilte dann den Zug entlang, umdenselben ebenfalls zu besteigen. Er mußte an Wolf-gang vorbei. Dieser ergriff ihn am Arme.
„Wer war die Dame," fragte er, „der Sie ebenden Shawl in's Coups gereicht haben?"
„Frau Justizrath Carus von Berlin ." antworteteder Gefragte höflich, den Hut in der Hand.
„Ich meine," sagte Wolfgang, indem er mit allerKraft seine Fassung aufrecht zu erhalten suchte, „ichmeine, der Herr Justizrath kann noch nicht lange ver-heiratet sein."
„Erst seit zwei Wochen. Er befindet sich eben aufder Hochzeitsreise."
Mit bitterem Lächeln zog Wolfgang eine Visiten-karte hervor und gab sie dem Diener mit den Worten:„Für Frau Justizrath Carus mit meinem Glückwünsche!"
. . . Das also war das Hinderniß I . . .
XXXVIII.
Wolfgang hatte eine schlaflose Nacht verbracht.Sein Kopf schwindelte, als er sich am andern MorgenBewegung in der freien Luft machte und mit dem hastigen,unsicheren Gang eines Mannes dahinschritt, welcher derSpielball furchtbarer seelischer Bewegungen ist. SeinAuge erkannte die Gegenstände nicht, auf welche es sichrichtete, sein Geist schien sich von allen sinnlichen Wahr-nehmungen abgeschlossen zu haben.
Plötzlich faßte Jemand seinen Arm.
„Was ist Ihnen, Baron? Ich folge Ihnen seiteiner halben Stunde und glaube zu bemerken, daß Sienicht wissen, wohin Sie gehen oder was Sie thun."
„So ist es, Maitland," antwortete der Baron,nachdem er sich eine Weile besonnen, „ich bin dasOpfer einer unerhörten Täuschung geworden."
„Sagen Sie mir alles, Baron. Vielleicht kann ichIhnen rathen."
Wolfgang erlag fast unter der Last seines Schmerzes,er fühlte sich außer Stande, das Schreckliche allein zutragen. Nichts war ihm daher willkommener als dieseGelegenheit, sein Leid dem theilnehmenden Freunde an-zuvertrauen. Er bedeckte einige Minuten das Gesichtmit beiden Händen, um seine Gedanken zu sammeln,und erzählte dann seinem Begleiter rückhaltlos die Ge-schichte seiner Neigung zu seiner ehemaligen Jugendge-spielin, von jener ersten Wiederbegegnung zu Pferdean der Parkgrenze des „Villenhofs" bis zu dem Augen-blicke, wo sie sich gestern Abend so rasch von ihm ver-abschiedet hatte. Was dann unten an der Haltestationgeschehen war, welche unerwartete niederschmetternde Auf-klärung über das rüthselhafte Verhalten der Geliebtenihm durch eine einfache Auskunft aus dem Munde desDieners geworden war, — darüber schwieg er vor-läufig noch.
„Ich wußte nicht, daß Ihre Liebe eine so leiden-schaftliche war," sagte Maitland, „wenn Sie wahrhaftlieben, so dürfen Sie sich nicht durch thörichte Gelübdeabschrecken lassen, denn in der Leidenschaft liegt eineMacht, welche alle Hindernisse besiegt und der ein Weibauf die Dauer nicht zu widerstehen vermag. Sie müssenihr beweisen, daß Sie fest entschlossen sind, sie zu be-sitzen oder zu sterben."
„Dazu ist es zu spät!" versetzte der Baron bitter,„ich vermuthe, ihr Vater hat ihr irgend ein Versprechen
abgepreßt — gestern Abend noch erfuhr ich, daß sie jetztdie Gattin eines andern ist, eines Mannes, der min-destens das Doppelte ihrer Jahre zählt."
Maitland blickte ihn überrascht an. Dann aberfaßte er seine Hand, heftete sein dunkles flammendesAuge auf ihn und entgegnete: „Wenn sie die Gattineines andern ist, so müssen Sie sie diesem andern neh-men. Mit welchem Rechte darf ein anderer sie besitzen?Gehört sie nicht Ihnen durch das unauflösliche Bandder Herzensneigung, welches über das Grab hinausreicht?Kommen Sie mir nicht mit menschlichen Gesetzen undAnordnungen, wo nur Seele und Seele einander Gesetzsein können. Welche leeren Worte, gedankenlos an einemAltar gesprochen, werden aus ihrem Herzen den Gelieb-ten ihres Jugendtraumes reißen können? Sehen Sienicht ein, daß ihre ganze Zukunft nur eine endlose Kettedes Elends, des Grams sein muß? Baron! wenn Siewahrhaft lieben, so werden Sie dieses holde bethörteWesen von der höllischen Pein befreien, welche ihr dieZärtlichkeit eines ungeliebten Gatten bereiten muß. Siemüssen ihr das vom Blitz der Leidenschaft getroffeneGesicht eines Mannes zeigen, dem sie den Himmel ver-sprach und den nun das Höllenfeuer betrogener Zuneig-ung verzehrt. Sie müssen mit der gewaltigen Spracheder Liebe sie drängen, Sie von Verzweiflung, Vernicht-ung und Tod zu retten und Ihnen die Seligkeit zurück-zugeben, die sie Ihnen geraubt hat."
So sprach Maitland, und dabei kam ihm die über-wältigende Beredsamkeit der Blicke, der Gcberden unddes Tones zu Hilfe, die mehr noch als seine Wortewirkten. Wolfgang wußte wohl, daß die Worte, die ervernahm, böse waren, aber Maitland's schlimme Lehrenwandten sich in einem Augenblicke an ihn, wo seinemoralische Kraft durch den erlittenen Schmerz erschüt-tert war.
Beide gingen lange Zeit schweigend nebeneinanderher. Sie waren an einen Punkt gekommen, der sichunmittelbar über der Bucht befand. In dieser schaukel-ten sich die vor Anker liegenden kleinen, graziösen Pri-vat-Iachten, welche reichen Engländern oder Amerikanerngehörten und deren Nationalflaggen trugen; einzelneFischerboote, von denen die rothe genuesische Mütze her-aufschimmerte, kamen über die blaue, leicht gekräuselteFläche des Mittelmeeres herangesegelt.
Maitland's Schritte waren langsamer geworden, undin eifriges Sinnen verloren, blieb er endlich stehen undblickte in die Bucht hinab.
„Wie wäre es, Baron," unterbracher das Schwei-gen, „wenn wir eine Entführung mittelst einer schnellenDampf-Jacht in Scene setzten? Sie brauchen sich umnichts zu kümmern und haben bei der Sache nichts zuthun, als zu bestimmen, an welcher Küste Europa's oderAfrika's Sie mit Ihrer schönen Beute landen wollen."
Der Baron verstand seinen Begleiter. Es lagetwas in Maitland's Einflüsterungen, das den Eingeb-ungen des Teufels glich, und vergebens kämpfte Wolf-gang gegen die Versuchung.
„Was ich auch thun werde," erwiderte er nacheiner bedeutungsvollen Pause, „ich muß Zeit zur Ueber-legung haben. Für jetzt verlasse ich Sie, Maitland,denn ich fühle das Bedürfniß, mit meinen Gedankenallein zu sein "
Er verabschiedete sich von seinem Freunde, derseinen Spaziergang fortsetzte, und begab sich geradeswegs