Ausgabe 
(28.8.1894) 70
Seite
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Vorlesungen, an diesen muß der Student theilnehmen.Eine Wahl hinsichtlich der Vorlesungen, wie beispielsweisein Deutschland, Oesterreich usw., gibt es auf den russischen Universitäten nicht. Natürlich kann ein Student auchganz ruhig ein Mal ein paar Collegsschwänzen", da-nach fragt Niemand. Er kann auch eine Viertel- oderhalbe Stunde zu spät in's Colleg kommen, deswegenwird er nicht zur Rede gestellt. Die Hauptsache ist nur,daß er bei Jahresschluß die Prüfungen besteht, bei denenallerdings auf manchen Universitäten Polen (Katholiken),Deutsche (Protestanten) und Juden gegenüber den Na-tional-Nufsen in so fern benachtheiligt sind, als man deneigentlichen Russen die mündlichen Examina wesentlicherleichtert und den Uebrigen bedeutend erschwert. Ver-einzelt kommen auch hier Bestechungen vor, wie sie anmanchen Gymnasien leidernichts Seltenes sind, wo dieVäter die Aufnahme ihrerSöhne von den Gymnasial-Dircctoren um 300500Rubel erkaufen müssen.

Juristen und Philologen,welche der russischen Staats-kirche angehören, erhaltennach bestandener Prüfungsofort Staats-Anstellungen,

Katholiken und Protestantenseltener, Juden niemals. Esvergeht immer eine Reihe vonJahren, ehe man Jsraelitenstaatliche Stellungen gibt,und dann auch nur in Aus-nahmefällen. In Petersburg werden Katholiken, Prote-stanten und Juden immernoch am ehesten angestellt.

An der Petersburger Univer-sität bilden die katholischenund protestantischen Lehr-kräfte zusammen mit einigenJuden den kleineren Theildes Lehrkörpers, während derweitaus größere aus echtenRussen besteht. An derWarschauer Universität gibtes mehrere katholische undprotestantische Professoren,aber keine jüdischen. Diepolnischen Gelehrten, welchedie akademischeLaufbahn ein-schlagen,haben nurAussichtaufAnstellungbzw.Beförderung,wenn sie sich nach dem Osten versetzen lassen. An der Uni-versität in Tomsk in Sibirien sind zwei polnische Pro-fessoren. Einer derselben, Pros. Zaleski (Saljessky), haterst vor kurzem eine in der Gelehrtenwelt Aufsehen er-regende Schrift über den Schirsee veröffentlicht. InOdessa, Kiew, Moskau und Charkow trifft man an denHochschulen eine Anzahl Professoren polnischer Nationalität(Katholiken), während an der Warschauer Universität nurnoch sehr wenige polnische Professoren lesen, und zwargegenwärtig ausschließlich in russischer Sprache.

Die russischen Studenten müssen, sobald sie dasUniversitätsgebäude betreten, in Uniform erscheinen. Aufder Straße zeigen sie sich gelegentlich auch in Civil. Bei

feierlichen Anlässen kommt zu der Uniform noch der Degen.Facultät und Jahrescursus können an der Uniform nichtunterschieden werden. Die studentische Uniform bestehtin dunkelblauem Anzug mit hellblauen Aufschlägen nebstgelben Metallknöpfen. Auch die Mütze ist von dunkel-blauer Farbe. Die Universitäts -Professoren sind ebenfallsan ihrer Kleidung kenntlich: einem dunkelblauen Frackmit Knöpfen, auf denen der russische Adler angebrachtist. In oorxors erscheinen die Studenten niemals aufder Straße oder im Universitätsgebäude. Rotten sie sichein Mal zusammen, so werden sie gewöhnlich sehr raschdurch Kosaken mit der Kugelpeitsche (aaUaMg.) auseinan-dergetrieben, sofort relegirt und der Polizei oder denGerichten zur Bestrafung überwiesen. Meist erfolgen diestudentischen Zusammenrottungen, um gegen mißliebige

Professoren zu demonstriren.

Die Universitäts -Rectorenwerden von der Regierungernannt und bekleiden dasRectorat oft viele Jahrehinter einander, bis sie ent-weder in eine höhere Stellungberufen oder pensionirt wer-den. Ein Verkehr zwischenStudenten und Professorenfindet außerhalb der Hörsälekaum statt. Zu den Bällenund Festlichkeiten in den Fa-milien der Professoren wer-den die Studenten, abgesehenvon den Söhnen eines Mi-nisters, eines hohen Offiziersusw., nicht geladen. Für ge-wöhnliche Sterbliche, vorallem für arme Studenten,sind die ruf fischen Professorenganz unzugänglich. Oeffent-liche Studenten-Versamm-lungen, Commerse u. dgl.,welche von Universitäts -Pro-fessoren besucht werden könn-ten, sind in Rußland ver-boten. Die großen(Sommer-)Ferien währen an den russi-schen Hochschulen vom 15.Juni bis 15. August, dieÖfter- und Weihnachtsferienje drei Wochen. Das fröh-liche, heitere und oft aus-gelassene studentische Lebenwie in Deutschland ist in Rußland gänzlich unbekannt.Verbindungen oder Vereine zu. wissenschaftlichen oder ge-selligen Zwecken sind nicht gestattet. Die früher in Dor-pat nach Art der deutschen Verbindungen bestehenden Stu-denten-Vereine sind von der Regierung aufgehoben worden,theilweise haben sie sich selbst aufgelöst. In den geheimenstudentischen Cirkeln und Vereinen herrscht ein sehr regesLeben. Man treibt darin mit Vorliebe Politik, natürlichnicht regierungsfreundliche, man beschäftigt sich vor allemmit der socialen Frage bzw. mit socialistischen und nihi-listischen Gedanken. Natürlich spürt die Polizei diesengeheimen Cirkeln eifrig nach, und von Zeit zu Zeit gelingtes ihr auch, die Mitglieder einer solchen Vereinigung zuverhaften. Eine akademische Gerichtsbarkeit gibt es in

Aeußere Ansicht der Wallfahrtskirche Geiersberg.

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