Ausgabe 
(28.8.1894) 70
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Rußland nicht und somit auch keinenCarcer ". Dieeinzige Strafe, welche die Universität über die Studentenverhängen kann, ist die Relegation. Nur Polizei undGerichte verurtheilen die politisch oder sonstwie belastetenStudenten, und zwar entweder zu Gefängniß, Zwangs-arbeit oder Verbannung nach Sibirien .

Im Allgemeinen sind die russischen Studenten armeTeufel. Die wenigen reichen Söhne von hohen undhöher» Beamten, höhern Offizieren, Großindustriellen usw.verschwinden in der Masse vollständig. In Petersburg und Moskau bestreiten viele Studenten alle ihre Aus-gaben mit 20 Rubeln monatlich (44 M.). Ein Studentin Tomsk (Sibirien ) schrieb mir vor mehreren Monaten,daß dort zahlreiche Studenten für die volle Pensionmonatlich nur 15 Rubel (etwa 32 M.) zahlen, HeizungundBeleuchtung einbegriffen.

Die wohlhabenden Studen-ten in Tomsk zahlen etwa30-35 Rubel für die Pen-sion. In dem in Tomsk er-scheinendenSibirski Wjest-nik" finde ich öfters Anzei-gen, worin Studenten sichzur Ertheilung von Privat-unterricht, zur Buchführungbei Kaufleuten, zu Uebersetz-ungen usw. anbieten. InTomsk gehen Studenten mitErlaubniß ihrer Professorenbis zu neun Monaten inKondition", d. h. sie neh-men für diese Zeit Stellungals Hauslehrer an und ar-beiten für sich weiter. Nureinen bis zwei Monate vorden Prüfungen müssen siepünktlich wieder Eintreffen.

Natürlich ertheilen auch zahl-reiche Studenten an Gym-nasiasten oder sonstige Schü-ler Unterricht.

Viele Studenten leben fastausschließlich von privatenund staatlichen Stipendien,welche besonders die Mosk-auer Universität in großerAnzahl zu vergeben hat. Diestaatlichen Stipendien er-halten fast ausschließlichNational-Russen. Die UniversitätsgebäudeAeußern wie im Innern unsern deutschen,sind meist awphitheatralisch gebaut.

Kneipgelage, Mensuren oder nabele Passionen sindden russischen Studenten ganz unbekannt. Studenten-Duelle sind sehr selten. In Warschau kommen sie bei-spielsweise niemals vor, vereinzelt noch in St. Peters-burg und Moskau , wo es Studenten vom Militär-Adelgibt, d. h. Osfizierssöhne. Fechtunterricht können vieStudenten nehmen; aber es lernen verhältnißmäßigwenigepauken",und guteSchläger" gibt es noch weniger.Die Militärverhältnisse der russischen Studenten sindganz eigenartige. Das Institut der Einjährig-Freiwilligengibt es in Rußland nicht. Der active Dienst beträgtbei den Landtruppen fünf bis sechs Jahre. Ein junger

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Hochaltar in der Wallfahrtskirche Geiersberz.

ähneln imDie Hörsäle

Mann, welcher eine Universität absolvirt hat, befindet sichjedoch nur sechs Monate im activen Dienste. Hat ersich gut geführt, so wird er nach drei Monaten Offizier(je nach Wunsch in der Linie oder Reserve, aber nicht inder Garde). Gymnasial-Abiturienten dienen ebenfallsnur sechs Monate activ.

Das erste medicinische Examen heißt nicht dasPhy-sicum", sondern die Prüfung vom ersten zum zweitenCursus, und zwar wird in folgenden Fächern geprüft:Botanik, Zoologie, Mineralogie, Chemie, Physik, Anatomieusw., wozu auch noch die praktischen Uebungen im Labo-ratorium kommen. Im letzten (fünften) Jahrescurs be-schäftigten sich beispielsweise die Studenten der Medicinmit Pathologie, Therapie, Chirurgie, Geburtshülfe, Frauen-krankheiten, gerichtlicher Medicin, Toxikologie, Ophthal-

mologie, Herzkrankheiten,Hautkrankheiten usw. In denjuristischen Cursen wird be-sonders Geschichte des russi-schen Rechts, Encyklopädieder juristischen und politi-schen Wissenschaften, Ge-schichte des Römischen Rechts, allgemeine und russische Ge-schichte, Civil- und Straf-Procedur, Civilrecht, inter-nationales Recht usw. be-handelt. In den mathema-tischen Cursen wird dasHauptgewicht auf Geometrie,Physik, Chemie, Differential-rechnung, Integralrechnung,Mechanik, praktische Astro-nomie usw. gelegt. Im erstenJahrescursus für Philologenwird französische und rus-sische Litteratur, allgemeineGeschichte, russische Spracheusw. behandelt. Im erstenJahrescursus für Naturwis-senschaftler wird Physik, Che-mie, Anatomie usw. gelehrt.

Im letzten Jahrescursuswerden Paläontologie, tech-nische Chemie, Geologie usw.gelehrt. Im großen Ganzengeht es in den Auditoriender russischen Universitätennicht viel anders als in denoberen Klassen der Gymnasien zu, nur mit dem Unter-schiede, daß die Professoren die Studenten bereits alsErwachsene behandeln und daß der einzelne Student,wenn er schließlich ein Mal einige Tagebummeln" will,auch ruhig aus den Vorlesungen wegbleiben kann, ohnesich, wie schon erwähnt, entschuldigen zu müssen. Diemeisten indeß arbeiten angestrengt Tag und Nacht, umdie Prüfungen beim Jahrescursus bestehen zu können.Der Grundzug im Wesen des russischen Studenten istein ernster, verschlossener, der sich bei manchen Individuenbis zur Askese und zum Fanatismus steigert. Die eineHälftebüffelt" ununterbrochen, nur um so rasch alsmöglich die Examina hinter sich zu haben und eineStaatsanstellung zu erlangen meist ein sehr beschei-denes, aber sicheres Brodplätzchen, die andere Hälfte