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Uicekönig Ki-Hung-Tschang.
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der Studenten huldigt revolutionären Plänen. Sorgeund Noth sind aber bei den meisten die ständigen Be-gleiter nicht bloß durch die akademischen Jahre, sondernoft noch lange im bürgerlichen Leben. Nur Wenigenlacht die Sonne des Erfolges und des Glücks, und nurzu Viele finden in den Gewölben irgend einer Citadelle,zwischen den feuchten Mauern eines niedrigen Gefäng-nisses, auf den Schneefeldern oder in den BergwerkenSibiriens einen frühen Tod. Aber Keinem von all' denehemaligen russischen Studenten, gleichviel, ob sie es späterzum berühmten Professor, zum Geheimrath, Gouverneuroder gar zum Minister gebracht haben, oder ob sie nureinfache Beamte, Aerzte, Lehrer usw. geworden sind, er-scheinen in seinem Alter die akademischen Jahre in rosigerVerklärung. Es gibt in Rußland keine sorglosen Füchse,keine „Burschenherrlichkeit"; ein Jeder ist froh, wenndie Universttätsjahre vorüber sind und er in das bürger-liche Leben Hinübertreten kann.
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Zu unseren Bildern.
Karl Fiirst zu Köwenstein.
Am Sonntag den 26. August 1894 nahm die dießjährigeGeneralversammlung der katholischen Vereine in Deutschland ,kurz Katholikentag genannt, in Köln ihren Anfang. Tausendevon katholischen Männern, Priestern und Laien, find nach Köln geeilt, um an den Berathungen theil zu nehmen und die Be-deutung der dort zu fassenden Beschlüsse zu erhöhen. DieKatholikentage haben für die deutschen Katholiken eine außer-ordentlich wichtige Bedeutung, da Hunderte von hervorragendenMännern dort zusammenströmen, um ihre Anschauungen aus-zutauschen und ihre Meinung zu läutern. Die Katholikentagefind auch von einschneidender Bedeutung für die Stadt, welchedie Ehre hat, den jeweiligen Katholikentag in ihren Mauernabhalten zu können, da neues religiöses Leben von demselbenauszugehen pflegt und die gläubigen Katholiken an diesen Ver-sammlungen ein Vorbild und eine Stütze finden zur Organi-sation, mit der sie ihre Rechte vertheidigen können. Die Wahldes Ortes für die Versammlung liegt in den Händen desGeneralcomissärs, des Fürsten Karl zu Löwenstein, dessenBild wir heute bringen. Fürst Karl zu Löwenstein ist geborenam 21. Mai 1834 und restdtrt zu Kleinheubach in Unterfranken .Er ist der Chef der katholischen Linie Löwcnstein, der LinieLöwenstetn-Wertheim-Rosenberg. Fürst Karl zu Löwenstetn hatsich um die katholische Sache in Deutschland und in Bayern hervorragende Verdienste erworben. Wo es galt, für die katho-lische Sache zu wirken, stand der Fürst mit an der Spitze. Im
Reichstage und in der bayerischen Kammer der Reichsräthe hater wiederholt die Rechte der Katholiken mit aller Entschieden-heit wahrgenommen und vertheidigt gegen die Angriffe, welcheder Unglauben auf dieselben wagte. Er hat auch weite Reisennicht gescheut, um aufzuklären, wo es nothwendig war und da-durch viel zur Erhaltung und Festigung der Einigkeit unterden Katholiken beigetragen. Der Generalcommissär steht im6. Dezenium seines Lebens. Möge es ihm gegönnt sein, nochrecht lange und recht oft das Amt auszuüben, das ihm dasVertrauen der Katholiken seit 26 Jahren übertragen hat!
Der Rest vom Fast. — Dom frischen Fast.
Ein guter Trunk macht Alte jung! heißt es im Sprich-wort. Und nicht ganz mit Unrecht. Wie köstlich schmeckt dochdas braune Naß, wenn es vom frischen Faße kommt! Da maguns wohl auch der Postillon aus unserem Bilde beistimmen,der soeben im Begriffe ist, den Durst mit einer Maß Frischan-gezapften zu stillenl Das Bäuerlein dagegen, dem der Wirthdas Letzte vorgesetzt, denkt gewiß anders! Seine bittersauereMiene sagt uns, daß das schaumlose Getränk nichts wenigerals angenehm zu trinken. Wir glauben, der Mann ist froh,wenn er die Halbe glücklich „herauffen" — wenn er den „Plempl"am Ende nicht gar stehen läßt.
Die Kirche auf dem Geiersberg bet Deggrndorf.
Wer in das freundlich gelegene Städtchen Deggendorf kommt, möge nicht versäumen, den ganz nahe bei der Stadtgelegenen Geiersberg und dem dortigen Kirchlein einen Besuchabzustatten. Die Kirche, im gothischen Stile erbaut, ist eineWallfahrtskirche, der Mutter-Goites geweiht, welche auf demHochaltare tn einem Tabernakel eine Rose (Losn wMiea) mitChristus dem Gekreuzigten auf dem Schoße darstellt. DiesesVesperbild ist schon sehr alt und wurde in besonderer Ver-ehrung gehalten. Es geht die Sage, daß in einem Geiernesteauf diesem bewaldeten Berge ein Bildchen gefunden wurde, inwelchem die Gottesmutter auf solche Weise dargestellt war,was Veranlassung zum Bau einer Kapelle und wahrscheinlichzur Kirche wurde. Der sehr schöne Flügelaltar wurde im Ate-lier des Kunstschreiners Ktefl in Deggendorf und des Bild-hauers Keil in München gefertigt, von Maler Hämmerl inDeggendorf gefaßt, sowie von demselben auch die etwas eigen-artige Tünchung ausgeführt.
Uicekönig ßi-Hung-Tfchang.
Von den Persönlichkeiten, die bis jetzt in der japanisch-chinesischen Verwicklung hervorgetreten sind, erregt am meistenInteresse die des chinesischen Vicekönigs Li-Hung-Tschang.Wie es scheint, wird indeß dieser merkwürdige Mann, der„chinesische Bismarck", wie er auch genannt wird, kaum mehreine Rolle spielen, da er infolge des Unsterns, der über denersten von chinesischer Seite unternommenen kriegerischenMaßnahmen schwebte, bei seinem kaiserlichen Herrn in Un-gnade gefallen sein soll. Ueber ihn äußert sich ein in denbetreffenden Verhältnissen sehr wohl erfahrener Berichterstatter:Li-Hung-Tschang ist noch in einem ganz andern Sinne all-mächtiger als Bismarck; er erinnert vielmehr an Wallenstein,sintemal er thatsächlich fast der Eigenthümer einer Armeevon 75,000 Mann und der besten Flotte im Osten ist. Erbesitzt ungeheueren Reichthum und hat keine Feinde in demSinne, daß er sie alle besiegt hat. Es ist kaum eine Ueber-treibung, wenn man behauptet, daß er und nicht der Kaiserder thatsächliche Beherrscher der 350 Millionen Zopfträgcr ist.Ungleich dem Kaiser, der aus der Mandschurei stammt, ist erein reiner Chinese, und darin beruht zum Theil seine Stärke.Schon im Jahre 1860 nahm er eine solche Stellung ein, daßer mit dem berühmten Gordon zusammen speiste. 1880 wurdeer Großkanzler. Es ist nicht das erste Mal, daß er in denSchatten der kaiserlichen Ungnade gerathen; schon 1870, nachdem Blutbade von Tientsin , ging er vieler Titel verlustig,weil er angeblich seinen Oberbefehlshaber im Stiche ließ; aberschon 1872 kehrte er in Amt und Würden zurück. Er istjetzt 71 Jahre alt, steht also auf der Schwelle des Greifen-alters und mag es auch an Emsigkeit haben fehlen lassen.Immerhin ist er der einzige Mann in China, der allgemeineAutorität besitzt; man darf aber annehmen, daß der Verlustdes Abzeichens der gelben Reitjacke ihn nicht ohne weiteres ausdem Sattel hebt.
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