Ausgabe 
(31.8.1894) 71
Seite
545
 
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HL71.

Augsburger Postxeitung".

Ireilag, den 31. August

18S4.

^ür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer Dr. Max Huttler ).

Im Lanne alter Schuld.

Roman von Gustav Höcker .

(Schluß.)

Maitland," redete er ihn an,Sie verfolgen eineDame, die uns beiden sehr wohl bekannt ist und sichseit einigen Tagen hier in der Nähe aufhält. Ich willmich über gewisse Dinge, welche vorhergegangen sind undmein Urtheil über Sie sehr zu ihrem Nachtheile beein-flußt haben, nicht erst aussprechen. Das aber will ichIhnen sagen, daß ich jene Dame wie eine Schwester be-trachte und jeden, der sie belästigt, wie einen behandelnwerde, der meine nächste Verwandte beleidigt hat."

Während der Baron dies sagte, stand Maitlandmit über der Brust verschränkten Armen und aufgerich-tetem Kopfe vor ihm. Seine Zähne waren zusammen-gebissen und seine Brauen finster zusammengezogen.

Sie werden Ihre Sprache gegen mich bereuen!"rief er, während seine Augen Blitze schössen,es istbesser, mich zum Freunde als zum Feinde zu haben.Wagen Sie ja nicht, mir irgendwie in den Weg zutreten, sonst zerdrücke ich Sie wie ein welkes Blatt!"

Diese Auseinandersetzung war kurz, aber sie be-deutete einen vollständigen Bruch zwischen beiden.

* *

*

Den nächsten Tag brachte der Baron in fiebertscherErwartung zu. Er wagte nicht, sein Hotel zu verlassen,aus Furcht, daß die ungeduldig erwartete Botschaft vonMelanie ihn verfehlen könne. Je weiter aber der Tagvorschritt, ohne daß eine erlösende Nachricht eingetroffenwäre, desto größer ward sein Kleinmuth. Er machte sichGedanken, daß Felicitas noch andere Gründe haben könne,an ihrem Entschlüsse festzuhalten. So war der Abendherangekommen und Wolfgang vermochte sich nicht längerzu verhehlen, daß er auf eine gute Nachricht nicht mehrzu hoffen habe, denn diese hätte schon längst da seinmüssen. Er wollte und mußte noch heute sein Schicksalerfahren, und mit diesem Entschlüsse bestieg er einen derletzten nach Nizza abgehenden Züge, welchen er auf derHaltestelle in unmittelbarer Nähe der von Melanie be-wohnten Villa verließ.

Er läutete an der Gartenpforte, und Nölling öffneteihm. Auf seine Frage, ob Fräulein Rettberg zu Hausesei, deutete Nölling nach dem Theile des Gartens, woWolfgang gestern mit ihr gesessen hatte, und ehe er nochden Ort erreichte, trat sie ihm bereits entgegen.

Ich ahnte, daß Sie es seien, Wolfgang," empfingsie ihn,ich begreife Ihre Ungeduld."

Sie waren in Nizza , Melanie?" fragte er mitleiser, zitternder Stimme.

Ja, und meine Geduld mußte eine ähnliche Probebestehen, wie die Ihrige; ich traf niemanden zu Hausean. Herr und Frau Carus befanden sich auf einemAnsfluge und hatten Felicitas mitgenommen. Ich er-wartete ihre Rückkehr und bin selbst erst vor einer Viertel-stunde wieder heimgekehrt, aber nicht allein."

Lächelnd wies sie mit dem Zeigefinger nach demOrangengebüsche, dem beide sich langsam genähert hatten.Der Mond übergoß mit bleichem Phosphorscheine dashindurchschimmernde Meer und beleuchtete zugleich eineFrauengestalt, welche vor dem Gebüsche auf- und ab-wandelte.

Wolfgang erbebte im Schauer einer süßen Ahnung.Die Worte Melanie's:Ich habe sie gleich mitgebracht,"kaum noch hörend, stürzte er vorwärts und stand vorFelicitas. Sie war bleich; aber aus der Gluth ihrerschwarzen Augen zuckte ein verheißungsvoller Freudestrahl.Ihr Blick senkte sich, ihre Wange erglühte plötzlich. Daumschlang Wolfgaug die schlanke Gestalt mit beiden Armenund drückte sie stürmisch an sein Herz. Sie lehnte ihrenKopf an seine Brust und weinte.

Felicitas!" rief er,Du bist die Meinige für ewig,oder es geht keine Sonne mehr für mich auf. Die Wortemeines Schicksals sind auf Deinen Lippen. Wenn Dumich liebst, so bist Du mein wenn Du mich nochverwirfst, so bin ich verloren!"

O, ich liebe Dich, Wolfgang, wie ich Dich stetsgeliebt habe!" antwortete sie, ihre Arme innig um seineSchultern legend.Ich bin Dein und keine Wolketrübt mehr den Sonnenglanz unserer Liebe<>"

Wolfgang athmete tief auf. Der zermalmende Druckdes Zweifels und der Furcht war von seinem Herzen ge-wichen. Dennoch zog Plötzlich ein trüber Schatten übersein Antlitz.

Du scheinst traurig, Wolfgang?" fragte FelicitaSbesorgt.

Nein, Geliebte, traurig bin ich nicht," entgegneteer, sie auf die Stirn küssend,aber selbst in der Selig-keit dieses Augenblicks gibt es etwas, das mich ernststimmt, denn wenn ich daran denke, zu welchen schlimmenEntschlüssen ich mich in diesen Tagen unter dem Einflußder Verzweiflung hinreißen ließ, so fühle ich im tiefsten